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1898

Anfänge des Cheerleading Ski-U-Mah! Hoo-Rah! Hoo-Rah!


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X-Plosion: Der X-Jump ist seit Beginn der Cheerleading-Historie fester Bestandteil des Sports. Wenn die eigene Mannschaft punktet, hüpfen die akrobatischen Anheizerinnen in die Luft und strecken dabei Arme und Beine gleichzeitig von sich. Dieses Foto aus den fünfziger Jahren zeigt ein Highschool-Mädchen.

Mit Pompons und Tamtam: Vor gut 110 Jahren wurde an einer altehrwürdigen US-Uni das Cheerleading erfunden. Rhythmische Rufe und Tänze sollten das Publikum zum Kochen bringen. einestages über einen uramerikanischen Brauch, in dem für Frauen zunächst kein Platz war - dafür aber für spätere US-Präsidenten. Von Philine Gebhardt und Christoph Gunkel


Es waren dadaistische Wortfetzen, die Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts am Spielfeldrand des Football-Platzes durch die Luft schwirrten:

Rah, rah, rah!
Tiger, Tiger!
Sis, sis, sis!


Verwirrende Worthülsen waren das. Doch für die hochgebildeten jungen Männer der altehrwürdigen Princeton-Universität ergaben sie Sinn. Entschlossen brüllten sie weiter:

Boom, boom, boom!
Aaaah!
Princeton, Princeton, Princeton!


War das etwa der schockierende Bildungsalltag in der viertältesten Universität der USA, einem der besten Bildungsinstitute der Welt? Boom, boom, rah rah?

Die Antwort gaben die Studenten selbst, diesmal in gewohnt geschliffener Form. Am 22. Februar 1877 erschien ein launiger Aufsatz in der Uni-Zeitung "The Princeton, Volume I".

Demnach waren die wilden Wortbausteine "Cheers", Anfeuerungsrufe für die Football- und Baseball-Mannschaften der Uni. Gleichzeitig machten die Autoren des Textes auf ernste Probleme bei der Praxis des Anfeuerns aufmerksam: Der lautmalerisch dargestellte Tiger etwa ("Rah, rah") sei in den letzten Jahren "zusehends degeneriert", weil dieser Gruß "viel zu hastig" vorgetragen werde. Ganz zu schweigen von der "Rakete" ("Sis, sis")! Bitter beklagten die Autoren: "Das Geräusch, eine Nachahmung des Zischens einer Rakete, sollte ein langgezogenes "sh-h-h" sein anstelle des kurzen, scharfen 'st', zu dem es jetzt verkommen ist." Diese Korrekturen sollten doch bitte bei den nächsten Spielen schleunigst umgesetzt werden.

Ein verzweifelter Aufruf

Der augenzwinkernde Essay ist mehr als nur ein amüsantes Dokument der Zeitgeschichte. Es ist der womöglich älteste Beleg für die Existenz des "Cheering", das binnen weniger Jahrzehnte von einem abstrusen Freizeitspaß einer Handvoll Männer zu einem millionenfach praktizierten Volkssport wurde, das etwa Stars wie Jamie Lee Curtis, Halle Berry und Madonna begeistert praktizierten.


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Sicher, bejubelt und angefeuert wurden Mannschaften, solange es Sportwettkämpfe gibt. Doch die Princeton-Studenten lassen in ihrem Artikel einen gewissen Grad von Organisation erahnen, einen Drang nach Vereinheitlichung. Marketing-Experten würden das wohl eine frühe Form von Corporate Identity nennen.

Der Funke für diese Idee sprang jedenfalls bald über. Ob Thomas Peebles als Verräter verdammt wurde, ist nicht bekannt - nur, dass er 1884 von Princeton an die Universität von Minnesota wechselte. Dort führte er das "Cheering" ein, und dort soll dem Anfeuern 1898 der entscheidende Impuls gegeben worden sein. Nachdem das Uni-Football-Team drei Niederlagen in Folge kassiert hatte, wurde in der Studentenzeitung ein ungewöhnlicher Aufruf veröffentlicht: "Jeglicher Plan, wie man die Begeisterung für die Sportler anfachen kann, wäre sehr hilfreich", hieß es da in leicht konsterniertem Ton.

Der erste Cheerleader

Und Jack Campell, genannt "Johnny", hatte die zündende Idee. Mit einem Megaphon bewaffnet sprang er auf den Sportplatz vor die Gruppe jener Studenten, die die Mannschaft anfeuern sollte. Jetzt gab Johnny den Ton an, und er klang dabei ähnlich klug wie ein paar Jahre zuvor seine Kollegen in Princeton:

Rah, rah, rah!
Ski-U-Mah!
Hoo-rah! Hoo-rah!
Varsity! Varsity! Minn-e-so-tah!


Brav brüllte ihm seine Gruppe den tumben Sprechgesang nach. Dann war wieder Johnny dran. Dann seine Gruppe.

Der erste Cheerleader der Welt war geboren - ein Mann. Damals eine Selbstverständlichkeit, denn selbst in Minnesota gab es erst ab 1923 weibliche Cheerleader. In wohl keinem anderen Bereich kehrte sich in den Jahrzehnten danach das Geschlechterverhältnis so dramatisch um: Heute sind 97 Prozent der Cheerleader weiblich.

Hollywoods Dauerthema

Und so haben die Menschen dem banalen Einfall Johnny Campells langfristig eine Menge zu verdanken: unzählige kitschige Komödien etwa, in denen anfangs rundliche Highschool-Mädchen es nicht zum Cheerleader schaffen, bis sie mit viel Ehrgeiz die Pfunde nur so purzeln lassen, so dass die einst hässlichen Entlein am Ende die Herzen der attraktivsten Uni-Sportler erobern.

Oder ein rasantes Wettrüsten um Aufmerksamkeit, besonders als ab den siebziger Jahren die Medien Football-Spiele zu durchinszenierten Sport-Events machten. Die Art des Anfeuerns spiegelte den amerikanischen Zeitgeist wider: Die Ausschnitte der weiblichen Cheerleader wurden tiefer, die Röcke kürzer, die Choreografie spektakulärer. Laute Slogans reichten schon bald nicht mehr aus, erst mussten es Menschenpyramiden sein, dann Salti und Stunts. Aus den Anheizern der Athleten wurden irgendwann selbst Athleten; aus einem spaßigen Zeitvertreib am College ein verletzungsanfälliger, professionell ausgeübter Sport.

Heute gibt es Millionen Cheerleader auf dem ganzen Globus, ob in Japan, Chile oder Deutschland; es gibt Hunderte Ausbildungszentren und Turniere; es gibt Sicherheitsleitlinien und unzählige, manchmal verfeindete Cheerleading-Verbände. Die Praxis des Jubelns hat sich so radikal verändert, dass kaum noch jemand weiß, dass das Kreischen, Springen und Püschelwinken in seiner Urform eine reine Männersache war - sogar die der mächtigsten Männer der Welt.

Vergessene Jugendsünde

George W. Bush etwa. Ernst blickt er auf einem Foto aus dem Jahr 1964 in die Ferne, die Brust durchgedrückt, die Schultern straff. Fast wirkt es so, als wolle er gleich etwas Wichtiges verkünden - wäre da nicht dieses überdimensionierte Megaphon mit dem riesigen aufgemalten A an seinen Lippen. Das A steht nicht für "American President", sondern für Phillipps Academy Andover, einer elitären Highschool bei Boston, an der Bush einzig für sein engagiertes Auftreten als Cheerleader in Erinnerung blieb. Auch an diesem Tag dürfte keine geschliffene Rede durch sein Megaphon gekommen sein, sondern eher dadaistische Wortfetzen.

Als George Bush 36 Jahre später Präsidentschaftskandidat der Republikaner wurde, tauchte das längst vergessene Foto plötzlich wieder auf. Die "New York Times" schrieb ein langes Porträt über ihn und betitelte es "The Cheerleader", und man kann sich denken, dass die meisten Journalisten Bushs früheres Hobby nicht gerade als Empfehlung für das höchste Amt auslegten. Dabei befand er sich eigentlich in bester Gesellschaft. Vor Bush waren schon Dwight D. Eisenhower, Franklin D. Roosevelt und Ronald Reagan Cheerleader gewesen.

Reisen Sie mit einestages in der Bildergalerie durch die Geschichte des Cheerleading.


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Volker Altmann am 19. März 2012, 14:15
Ja, was wäre Hollywood ohne die unsäglichen Filme, in denen es um Quarterbacks und Cheerleaders geht... eventuell ein ganzes Stück besser.

Und was wäre...


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