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1980

New Yorker U-Bahn-Fotos Nächster Halt... Ghetto-Krieg


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John Conn
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Bestseller: Die Aufnahme mit dem Messer ist eine von John Conns meistverkauften Fotos. Sie entstand ganz zufällig. Conn fotografierte gerade in einem Abteil, als der Zug durchfuhr und er jemanden rufen hörte: "Hey, yo! Das wäre ein gutes Bild!" Im gleichen Augenblick steckte ein Kerl seinen Arm mit dem Messer durchs Fenster. Conn drückte ab, kurz darauf verschwand der Arm.

Halbstarke mit Messern, Irre mit Baseballschlägern: In den achtziger Jahren war die New Yorker U-Bahn einer der gefährlichsten Orte der zivilisierten Welt. Für manche Fotografen machte das den Reiz aus. Auf einestages erzählen sie vom täglichen Wahnsinn im Untergrund - und zeigen ihre besten Bilder. Von Solveig Grothe


"Es tut mir leid, aber irgend jemand musste es mal tun", soll der 37-jährige Bernhard Goetz gesagt haben, kurz nachdem er vier junge Schwarze mit einer Pistole niedergestreckt hatte. In der U-Bahn-Linie 2, die Manhattan mit der Bronx verbindet, war der New Yorker Elektroingenieur von den Jugendlichen zuvor mit angespitzten Schraubenziehern bedroht und um Geld "gebeten" worden.

Der Vorfall im Dezember 1984 sorgte für Aufsehen weit über die Stadtgrenzen des Big Apple hinaus. Auch und besonders, weil viele New Yorker nicht mit Abscheu und Entsetzen reagierten, sondern mit Verständnis, gar Sympathie. In Leserbriefen feierten sie ihn als Helden - und trugen ihr Bekenntnis auch auf der Brust: Schnell waren Shirts mit der Aufschrift "Goetz gegen Gauner: Vier zu Null" auf dem Markt.

Etwas in der Sieben-Millionen-Metropole war außer Kontrolle geraten - es lag unter der Erde und rottete vor sich hin: Für Hunderttausende, die täglich aus den Vororten und Slums zur Arbeit in die City fuhren, war das New Yorker U-Bahn-System in den siebziger und achtziger Jahren ein täglicher Alptraum. Ein Ort des Horrors, an dem nur das Recht des Stärkeren zu gelten schien. Laut Polizeistatistik wurden 1984 täglich 40 Menschen im Untergrund beraubt, zusammengeschlagen, vergewaltigt oder gar ermordet. Rund 5000-mal brannte es in Tunneln, auf Bahnsteigen oder in den Waggons. Fahrgäste fühlten sich machtlos gegenüber jugendlichen Dieben und Randalierern, ihren Pöbeleien und Handgreiflichkeiten. Die Angst fuhr immer mit.

Spaß unterirdisch

Der in der Bronx geborene John Conn fuhr damals oft mit der U-Bahn. Stundenlang. Und immer hatte er dabei ein Messer in der Tasche. "Mehr zu meiner eigenen Beruhigung als tatsächlich als Waffe." Denn wenn er in eine gefährliche Situation gekommen sei, sagt er, sei alles sehr rasch gelaufen. Da sei er mit den Händen einfach schneller. "Nur in der Nacht, wenn mir die Art, wie mich jemand anderes oder gar eine ganze Gruppe anschaute, nicht gefiel, dann steckte ich das Messer von der einen in die andere Tasche, damit sie es sahen - und das war es dann meist. Da war viel Bluff dabei."


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Conn erinnert sich gut an die Atmosphäre, die damals in den New Yorker Zügen herrschte: "Es war dreckig. Heiß im Sommer, kalt im Winter, fast immer überfüllt. Meist musste man stehen, ineinander verkeilt. Einige Menschen lächelten, die meisten nicht. Es wurde geschoben, gedrängelt, gebrüllt. Andere brüllten zurück. Aber es gab auch ruhige Momente. Leere Wagen in der Nacht. Die Menschen müde, betrunken, schlafend."

"Für mich war das alles himmlisch", sagt Conn. Er ist Fotograf, und seine Zunft dürfte damals in New York eine der wenigen gewesen sein, für die das U-Bahn-Fahren ein lohnendes Abenteuer war.

"Hart fallen lassen"

Conn fotografierte einen Mann mit Baseballschläger und Fledermauskostüm, eine Nonne, die in einer Boulevardzeitung vom Papst-Attentat las, und einen Arm, der ein Messer durch das geöffnete Waggonfenster schwang. Alltäglicher Wahnsinn.

Ganz reibungslos lief das nicht immer. "Wenn man morgens um drei allein in einer schlecht beleuchteten Station eine teure Kamera aufbaute, steigerte es die Chancen, Schwierigkeiten zu bekommen." Viermal hätten Leute versucht, ihn zu überfallen. Allerdings sei er als junger Mann sehr aufbrausend gewesen - das hätte durchaus geholfen. Außerdem trainierte er seit vielen Jahren Jiu Jitsu. "Ich hatte herausgefunden, dass - wenn mehr als eine Person auf mich zukam - es das Beste war, den Ersten hart fallen zu lassen. Der Zweite überlegte es sich dann in der Regel anders."

"Ich wusste nie, was mich erwartet", erinnert sich Conn. Für ihn war es der Reiz an den U-Bahn-Touren. "Immer gab es etwas Neues zu entdecken. Ich habe meine Fotos nie geplant. Oft musste ich sehr schnell sein. Selten hatte ich die Chance, ein zweites Mal abzudrücken. Ich genoss das Unerwartete."

"Nie langweilig"

Jamel Shabazz ging es ähnlich. Auch er ein Fotograf. Mit 15 hatte er Mitte der siebziger Jahre begonnen, die Menschen seiner Umgebung durch den Sucher der Kamera zu beobachten. Er war viel unterwegs: in Brooklyn, Manhattan und der Bronx.

"Das New Yorker U-Bahn-System war für mich eine Schatztruhe voll mit unglaublichen und spontanen Motiven. Ich liebte es, in der U-Bahn zu arbeiten, weil sie von so vielen unterschiedlichen Menschen besucht wurde", erzählt der New Yorker. Zudem sei das Licht perfekt für seine dokumentarischen Fotos gewesen. "Besonders an kalten und regnerischen Tagen habe ich mich oft entschieden, in der U-Bahn zu fotografieren. Mehr als 30 Prozent meiner Arbeiten entstanden hier."

"In der U-Bahn war es nie langweilig", sagt Fotograf Shabazz. Ein großartiger Ort, um interessante Menschen zu treffen. "Am meisten beeindruckte mich, dass man nie wusste, was im nächsten Augenblick passierte. Man konnte in einem ganz ruhigen Wagen sitzen, und plötzlich kam eine Gruppe talentierter Musiker herein und elektrisierte die Atmosphäre."

Liebe und Style

Die brodelnden Stadtteile wie Harlem und Bronx waren zu Beginn der achtziger Jahre nicht nur Hort des Vandalismus. Mit Rap und HipHop wurden auch neue Musikstile geboren. Jugendliche nutzten die U-Bahn, um sich mitzuteilen - durch Schriftzeichen oder eben ihren Sprechgesang.

Shabazz' Fotos zeigen Halbwüchsige, die mit ihrem Ghettoblaster posen, poppig gestylte junge Frauen, die selbstbewusst in die Kamera blicken, Liebespaare. Shabazz hatte ein Auge für das Schöne.

Er nahm aber sehr wohl auch wahr, dass die U-Bahn für einige Leute zu ihrem Zuhause geworden war, für die, die sich keine eigene Wohnung leisten konnten. "Viele Mittellose und psychisch Kranke kämpften um ihr Überleben, wurden aber oft missverstanden."

"Gut für Touristen"

Die Bilder der New-Yorker U-Bahn-Fotografen gelten heute als wichtige Zeitdokumente. Im vergangenen Jahr brachte Shabazz einen Bildband über die Achtziger heraus und wurde als HipHop-Fotograf gefeiert, obwohl er diesen Begriff damals gar nicht kannte. John Conns Schnappschüsse hängen heute im Museum of the City New York.

Die U-Bahn selbst hat ihren Gruselfaktor inzwischen verloren. "Sicherer, sauberer, im Winter wärmer, im Sommer kühler, immer noch überfüllt, hektisch", hat Conn festgestellt. Aber sie sei längst nicht mehr so interessant, weil nicht mehr so anstößig. "Gut für Touristen."

Den Fotografen stört das nicht. Zwei Fotoprojekte hatte er in den Achtzigern laufen: eines über das Apartheid-System in Südafrika und das andere über die New Yorker U-Bahn. Beide sollten in Zeitschriften erscheinen. Doch während die Südafrika-Serie oft gezeigt wurde, interessierten die U-Bahn-Bilder fast niemanden. Heute ist das anders. "Jetzt sind genau diese Bilder sehr beliebt." Conn verkauft sie als Poster und Shirt-Aufdrucke. An Touristen.


Debatte

insgesamt 12 Beiträge zur Debatte
Robert Weber am 5. Juni 2012, 23:16
Ich habe gehört, wer das New York der 80er verpasst hat, solle sich mal Caracas anschauen.
Welcher Stadt man hiermit unrecht tut überlasse ich mal jedem selbst.

Die...

Eckhard Dorner am 5. Juni 2012, 09:48
Die filmische Aufarbeitung zu diesen "Bad Boys" ist: "Lefty - Erinnerung an einen Toten in Brooklyn" von 1977/78 von Max H. Rehbein. Eine Doku, die wegen Ihrer...


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