| Fosbury-Flop: Bei den olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City überraschte der Hochspringer Richard Fosbury das Publikum mit einer völlig neuen Sprungtechnik. Anstatt - wie bisher üblich - bäuchlings über die Latte zu springen, überquerte er sie rückwärts. Die Technik, mit der ganz andere Bestmarken im Hochsprung möglich waren, bescherte Fosbury olympisches Gold in Mexiko und ging als "Fosbury-Flop" in die Sportgeschichte ein. |
Alle sprangen vorwärts, nur er setzte rückwärts über die Latte: Mit seinem "Flop" landete Richard Fosbury einen Riesenerfolg und holte 1968 in Mexiko olympisches Gold. Nur eine von vielen Revolutionen in der Leichtathletikgeschichte. einestages zeigt die spektakulärsten. Von Birger Hamann
"Olé", "Olé", immer wieder "Olé". Die 80.000 Zuschauer im Olympiastadion von Mexiko-Stadt konnten sich am 20. Oktober 1968 kaum wieder einkriegen. Da tauchte ein 21 Jahre alter, bis dahin unbekannter Hochspringer aus den USA bei den Olympischen Spielen auf, überquerte die Latte als einziger rücklings mit dem Kopf voran und sorgte mit seinem Sieg für die größte Revolution der Leichtathletik-Geschichte. Die Konkurrenz schüttelte den Kopf, die Weltöffentlichkeit staunte, und die Menge im Stadion war begeistert. "Olé!"
Zuvor wurde Richard Douglas Fosbury, genannt "Dick", vor allem verspottet. Anlaufen, mit einem Bein Schwung holen und bäuchlings über die Latte. So sah der Straddle aus, und so funktionierte Hochsprung in den Sechzigern. Dem anfänglichen Durchschnitts-Springer Fosbury aber lag diese Technik nicht. Daher experimentierte er im Training, mischte Stile, kreierte eigene Bewegungsabläufe, bis er schließlich denjenigen fand, der ihn weltberühmt machen sollte: Anlauf zur Latte in Form einer Kurve, Rumpfdrehung wenige Schritte vor dem Absprung und rücklings die Latte überqueren.
Sein Trainer Bernie Wagner war damals wenig überzeugt vom Stil seines Schützlings, er sagte: "So wird nichts aus dir. Besser wäre es, wenn du zum Zirkus gehen würdest." Und auch Payton Jordan, Coach des US-Olympia-Teams 1968, sah die Entwicklung mit Sorge: "Wenn Kinder versuchen, Fosbury zu imitieren, wird er eine ganze Generation von Hochspringern auslöschen, weil sie sich alle das Genick brechen." Doch Fosbury und seine Nachahmer überlebten. Mit olympischem Rekord von 2,24 Metern sicherte er sich in Mexiko-Stadt die Goldmedaille. Und jeden seiner Sprünge begleitete das Publikum mit einem lautstarken "Olé!".
Rekorde am Fließband
Eine neue Hochsprungtechnik war geboren, die Revolution nicht mehr aufzuhalten. Nach seinem Triumph wurde Fosbury von einer Reporterin gefragt, wie seine Kreation denn heiße. Da erinnerte er sich an eine Überschrift in einer Zeitung: "Fosbury flops over the bar" (Fosbury plumpst über die Latte). "Er heißt Fosbury-Flop", war die knappe Antwort des Mannes, der in Mexiko-Stsdt (fast) alle in den Schatten stellte.
Dabei war im Vorfeld der Spiele von einem "Dick" Fosbury nie die Rede gewesen. Als revolutionär galt eine ganz andere Erfindung: die neue Laufbahn. Denn erstmals trugen die Leichtathleten ihre olympischen Wettkämpfe nicht auf einer Aschen- sondern der Tartanbahn aus, die in Mexiko Weltrekorde am Fließband auslöste. In insgesamt zwölf Laufwettbewerben unterboten die Athletinnen und Athleten die Weltbestzeit, dazu wurden in vier Sprungdisziplinen neue Rekordweiten beziehungsweise -höhen aufgestellt.
Erfunden wurde die Tartanbahn Anfang der sechziger Jahre in den USA. Weil die jahrzehntelang verwendete Asche als unmodern galt, tüftelten Wissenschaftler an der Entwicklung eines neuen Belags. Als Material nahmen sie Tartan, ein Kunststoff, der in flüssiger Form auf einen festen Untergrund gegossen wird. Als Farbe wählten sie in Anlehnung an die Asche das noch heute typische Rot. Die Laufbahn-Revolution war perfekt.
Der Vorteil des neuen Belags war seine spezielle Struktur, die für mehr Stabilität bei der Beschleunigung sorgte. Folge: Die Athleten waren schneller. So blieb James Hines aus den USA im 100-Meter-Finale als Erster überhaupt mit einer elektronisch gemessenen Zeit von 9,95 Sekunden unter der magischen Zehn-Sekunden-Marke.
Mit dem Speer fast die Läufer erlegt
Mit Einführung der Tartanbahn war in den Laufdisziplinen die dritte und bis heute letzte große Materialrevolution perfekt, nachdem die Athleten bereits zu Beginn des Jahrhunderts Spikes unter ihre Schuhe montiert hatten und in den dreißiger Jahren der Startblock eingeführt worden war. Zuvor mussten noch mit einer kleinen Schaufel Löcher in die Aschenbahn gegraben werden. All diese Erfindungen wurden im Laufe der Jahrzehnte weiterentwickelt. Nur eines ist bei den Laufwettbewerben noch heute so wie bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen: Den Start verkünden die Kampfrichter mit einem Schuss aus einer Waffe.
Apropos: Als eine der ältesten Waffen der Menschheit gilt der Speer, der es über die Olympischen Spiele der Antike auch ins Programm der neuzeitlichen Wettbewerbe geschafft hat. Bei der Jagd benutzten unsere Vorfahren den Speer, um Tiere zu erlegen. Und erlegt hätte Uwe Hohn am 20. Juli 1984 beinahe auch jemanden. Beim internationalen Sportfest im Berliner Olympiastadion warf der Athlet aus der DDR seinen Speer auf 104,80 Meter. Zuschauern und Kampfrichtern stockte der Atem. Nicht allein wegen der neuen Weltrekordweite: Hohns Speer bohrte sich nur knapp vor der Laufbahn in den Rasen, auf der damals die Sprungwettbewerbe stattfanden.
Die Verantwortlichen des Internationalen Leichtathletik-Verbandes fürchteten um die Gesundheit der Athleten und änderten das Reglement. Der Schwerpunkt des Speers wurde vier Zentimeter nach vorne verlegt, was dazu führte, dass er zunächst eine steilere Flugbahn nahm und anschließend schneller mit der Spitze nach unten kippte. Diese ungünstigeren Flugeigenschaften bedeuteten kürzere Weiten.
Der Dreh für den Jahrhundertwurf
Seit dem 1. April 1986 wird bei Wettkämpfen mit dem neuen, revolutionierten Speer geworfen. Klaus Tafelmeister aus der Bundesrepublik Deutschland blieb bei seinem Weltrekord am 20. September 1986 mit 85,74 Metern fast 20 Meter hinter Hohns Jahrhundertwurf zurück. Zwar wuchsen die Weiten in den folgenden Jahren wieder an. Der zwölf Jahre alte Weltrekord des Tschechen Jan Zelezny hat aber bis heute Bestand. Er warf den Speer 1996 auf 98,48 Meter - weit genug entfernt von der Laufbahn und anderen Athleten.
Im Gegensatz zu den Speerwerfern hatten die Kugelstoßer nie mit zu großen Weiten oder veränderten Flugeigenschaften ihres Sportgeräts zu kämpfen. Die Kugel wiegt seit dem Jahr 1860 exakt 16 Pfund (7,257 Kilogramm) und hat ihren Schwerpunkt in der Mitte. Daher waren es keine Änderungen am Material, die das Kugelstoßen revolutionierten, sondern neue Wurftechniken.
Mit dem Rücken zur Stoßrichtung, flaches Angleiten aus der Hocke, halbe Drehung und explosionsartige Körperstreckung: Das waren die Elemente, die der US-Amerikaner Patrick O'Brien immer und immer wieder vor einem Spiegel übte. Während die Athleten zu Beginn der fünfziger Jahre aus einem leicht geneigten Oberkörper heraus die Kugel stießen, erkannte O'Brien, dass er die Hebelwirkung verstärkt, wenn er von tief unten kommt und die Kugel hoch abstößt.
Revolutionär, aber nicht erfolgreich
Mit diesem Stil, der zumeist als Angleittechnik bezeichnet wird, holte sich O'Brien bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki die Goldmedaille. 1953 stieß er als erster Athlet überhaupt die Kugel auf 18 Meter. Rund drei Jahre später, im Jahr des Gewinns seiner zweiten olympischen Goldmedaille bei den Spielen 1956 in Melbourne, durchbrach er als Erster die 19-Meter-Marke. In dieser Zeit, zwischen 1952 und 1956, feierte O'Brien 116 Siege in Folge.
Eine solch erfolgreiche Karriere war dem anderen großen Kugelstoß-Revolutionär, Alexander Baryschnikow aus der Sowjetunion, nicht vergönnt. Zwar knackte er mit der von ihm erfundenen Drehstoßtechnik, bei der der Athlet eine anderthalbfache Drehung vollführt und die dadurch verursachte Beschleunigung des Körpers auf die Kugel überträgt, am 10. Juni 1976 als erster Athlet überhaupt die 22-Meter-Marke, als er die Kugel auf exakt diese Weite wuchtete; bei den Olympischen Spielen in Montreal einen Monat später blieb ihm mit 21 Metern aber nur Rang drei, fünf Zentimeter hinter dem Sieger Udo Beyer aus der DDR, der mit der Angleittechnik triumphierte. Generell konnte sich Baryschnikows Stil aufgrund der hohen koordinativen Komplexität nie gegen den von O'Brien erfundenen durchsetzen, wenngleich auch heutzutage noch einige Kugelstoßer die Drehstoßtechnik bevorzugen.
Unterschiedliche Techniken gab es in den vergangenen 150 Jahren aufgrund verschiedener Materialien auch im Stabhochsprung zu bestaunen. Allerdings kletterten die Athleten in den Anfängen mehr an den wenig biegbaren Holzstangen hoch, als dass sie sprangen. Mit dieser Technik, bei der sich die Springer durch mehrmaliges Umgreifen mit den Händen am Stab hochzogen, brachten es die Besten auf Höhen von bis zu 3,50 Metern.
Auf zu neuen Höhen - dank Fiberglas
Um die Jahrhundertwende hielten leichtere Bambusstäbe Einzug. 1912 übersprang der US-Amerikaner Marc Wright als Erster die Vier-Meter-Marke. Innerhalb von vier Jahrzehnten wurde dieser Rekord aber "nur" um knapp 80 Zentimeter verbessert, die Entwicklung stockte. Folglich mussten neue Materialien her, und so wurden in den vierziger und fünfziger Jahren zunächst Aluminium- und anschließend Stahlstäbe zunehmend populärer. Doch den ganz großen Wurf - oder besser Sprung - brachten auch diese Materialien nicht. Die wahre Revolution hieß Glasfiber.
Seit Mitte der fünfziger Jahre entwickelten US-Amerikaner Stäbe aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die sich stark biegen ließen und von immer mehr Athleten benutzt wurden. Seinen Durchbruch feierte der Glasfiberstab 1961, als George Davies (USA) den Stahlstab-Rekord von 1960 um drei Zentimeter, auf 4,83 Meter verbesserte. Bereits knapp zwei Jahre später überquerte sein Landsmann Brian Sternberg als erster Stabhochspringer die Fünf-Meter-Marke. Bedingt durch die Weiterentwicklung des Glasfibers und der modernen Stabhochsprung-Technik, die sich erst durch die Einführung dieser stark biegsamen Stäbe entwickeln konnte, wurde der Weltrekord bis heute auf 6,14 Meter verbessert. 1994 stellte der Ukrainer Sergej Bubka diese Bestmarke auf, die seit nunmehr 14 Jahren Bestand hat.
Dieser Zeitraum ist aber kein Vergleich zu zwei anderen Leichtathletik-Weltrekorden, die lange Bestand hatten und nicht gebrochen werden konnten. Einer von ihnen hielt knapp 23 Jahre: Am 30. August 1991 wurde der US-Amerikaner Mike Powell mit 8,95 Metern Weitsprung-Weltmeister und verbesserte die alte Bestmarke seines Landmanns Bob Beamon. Der hatte am 18. Oktober 1968 bei den Olympischen Spielen einen Satz von 8,90 Metern hingelegt und den Weltrekord um unglaubliche 55 Zentimeter übertroffen. Vom "Sprung ins nächste Jahrtausend" war die Rede, die Zuschauer in Mexiko-Stadt waren Zeugen von wahrhaft historischen Spielen. Denn nachdem Beamon ihnen den bis heute wohl phantastischsten Leichtathletik-Weltrekord geliefert hatte, erlebten sie zwei Tage später die bis heute größte technische Revolution der Leichtathletik-Geschichte durch einen gewissen "Dick" Fosbury.
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