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2008

Kultschuhe

Showdown mit Sandale


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AFP
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Crocs: Das Märchen vom Welterfolg geht so - Auf einem Segeltrip in der Karibik bastelten sich angeblich drei Schulfreunde den perfekten Segelschuh. Zurück an Land präsentierten sie 2002 das Modell "Beach" und verkauften innerhalb von drei Tagen rund tausend Paar. Tatsächlich hatten die drei Tüftler lediglich den "Aquaclog" der kanadischen Kunststofffirma Foam Creations, die sonst Toilettensitze herstellt, um einen Fersenriemen ergänzt. Den Leuten war's egal, sie kauften die Botten wie blöde. 2004 übernahm Crocs Inc. die Firma Foam Creations kurzerhand und verkauft seitdem die Plastiksandale wie geschnitten Brot.

Wer trägt sie heute? Vermutlich bald niemand mehr. Die Zeitschrift "Öko-Test" will gesundheitsgefährdende Substanzen in den Glamour-Galoschen gefunden haben. In österreichischen Krankenhäusern sollen die Schuhe verboten worden sein, weil sie ihren Träger elektrostatisch aufladen könnten.

Ja, sie sind hässlich - doch reicht das schon zum Kult? Die Plastiksandalen der US-Firma Croc verkaufen sich wie blöde. Aber was macht einen Schuh zum echten Trendtreter? SPIEGEL ONLINE zeigt die legendärsten Latschen der letzen vierzig Jahre - und verrät, wer sie heute noch trägt. Von Michail Hengstenberg


Es sind nicht einfach Schuhe, sie haben eine Botschaft: Espadrilles beschwören den Sommer, Birkenstock-Sandalen die ökologische Revolution, Chucks sind Rock'n'Roll und selbst die unscheinbaren Docksider-Segelschuhe, in den achtziger Jahren fester Bestandteil der Popper-Uniform, hatten etwas zu sagen: "Eure Armut kotzt mich an." Erst Botschaften wie diese machen aus gewöhnlichen Tretern einen Kultschuh.

Jetzt sind angeblich Crocs der neue Kult an den Füßen. Die bizarren Plastik-Clogs mit den Schweizer-Käse-Löchern werden mittlerweile in 90 Ländern verkauft, 848 Millionen Dollar haben Käufer bisher für sie ausgegeben. Ihre Botschaft aber ist ziemlich unklar. Sie scheinen eigentlich nichts zu sagen außer "Hey, schaut her, ich habe einen miesen Geschmack."

Dabei ist das Prädikat der Geschmacklosigkeit überhaupt keine Hürde auf dem Weg zum Kultstatus, im Gegenteil: Jesuslatschen, Entenschuhe, Adiletten oder Doc Martens - kaum ein Kulttreter der letzten vierzig Jahre fand in den Augen echter Mode-Aficionados Gnade. Aber genau das war ja auch der Punkt: Nicht mit dem Trend zu gehen, sondern dagegen anzumarschieren - eine Botschaft zu senden.


Hatten Sie auch ein Paar Kultschuhe, die unbedingt in diese Ahnengalerie gehören? Oder kennen Sie die geheime Botschaft eines Trendtreters, die hier noch fehlt? Zeigen Sie Ihre Fotos auf einestages!

Krieg oder Frieden - der Schuh als Botschafter

Dieses Statement konnte dabei durchaus auch noch fein abgestimmt, in der Aussage variiert werden. Doc Martens zum Beispiel: Die flache Drei-Loch-Version war der Schuh für jugendliche Linke, die sich Diskussionen mit ihren Eltern ersparen und trotzdem ein Zeichen setzen wollten. Der Acht-Loch-Stiefel hatte hohes Punk-Potential, der Träger war mindestens ein Anarcho. Und dann der ultrahohe Vierzehn-Loch: extrem in jeder Beziehung. Die Rechten trugen ihn mit weißen Schnürsenkeln, die Linken setzten traditionell auf Rot, und wo immer rote auf weiße Schnürsenkel trafen, gab es mit einiger Sicherheit kräftig Keile.

Wer dagegen Friedfertigkeit signalisieren wollte, schlüpfte eher in Jesuslatschen. Ein schneller Blick auf die flachen, harten, ganz offenkundig unbequemen Ledersohlen mit der ringartigen Öse für den großen Zeh zeigte selbst Szenecode-Unkundigen sofort und deutlich, dass der Träger über Nehmerqualitäten verfügt und im Knall-Fall wohl auch die andere Backe hinhalten würde. Ließ der Betrachter den Blick an den meist stachelbeerbehaarten Beinen des Trägers weiter nach oben gleiten, so zeigten sich darüber in schöner Regelmäßigkeit als weitere Accessoires eine abgeschnittene Jeans, eine Jute-Umhängetasche und ein geflochtenes Haarband zur Bändigung der üppigen Mähne.

Allerdings setzte nicht jeder spätere Kultschuh komplett fehlendes Modebewusstsein bei seinem Träger voraus. Es gab durchaus auch Beispiele, bei denen sich ein Trendtreter in ein einigermaßen vorzeigbares Outfit integrieren ließ. Die Botschaft war bei diesem Schuhwerk dann allerdings überhaupt nicht mehr auf Revolution und Rock'n'Roll ausgerichtet, hier ging es dann nur noch darum, den gesellschaftlichen Status zu kommunizieren. Wer in Moonboots durch die schneelose norddeutsche Tiefebene tollte, hatte garantiert keine kalten Füße, sondern folgende Botschaft für die Mitmenschen: "Seht, ich bin auf dem Weg zum Skiurlaub in St. Anton oder St. Moritz und laufe mich schon mal für das Après-Ski warm."

Kultschuhe, die jeder gerne vergessen würde

Art und Inhalt der Botschaft hin oder her: Ehrlicherweise muss man zugeben, dass die meisten Kultlatschen schon lange in den Schuhläden angepriesen wurden, bevor sie mit einer Aussage aufgepumpt wurden. Als 1947 ein gewisser Dr. Klaus Maertens in Seeshaupt am Starnberger See seine ersten Schuhe mit "luftgepolsterten Sohlen" verkauft, ahnte er garantiert nicht, dass später einmal ganze Generationen von Jugendlichen seine "Doc Martens" verehren und sich deswegen sogar die Schädel einschlagen würden.

Was sagt uns das alles über die Crocs? Dass die vermeintlichen Kultobjekte bislang nicht mehr sind als eine Fußnote in der Geschichte der legendären Latschen. Denn die ist voll von Möchtegern-Glamourgaloschen, an die sich heute niemand mehr erinnert - oder sie am liebsten vergessen möchte. Zum Beispiel die Buffalos, jene Neuauflage der legendären Plateauschuhe, in denen Mitte der neunziger Jahre innerhalb kürzester Zeit die halbe deutsche Jugend herumrannte.

Die Idee war an sich nicht schlecht: Man nehme einen Turnschuh und klebe eine hohe, etwas futuristisch-verknorpelte Sohle drunter - fertig ist der Plateauschuh des neuen Jahrtausends. Doch der Weg der Buffalos führte nach einem kurzen und heftigen Ausflug über die Techno-Szene direkt in die Niederungen der Prollkultur. Liefen anfangs tatsächlich auch Fashion-Pioniere darin auf, waren die Buffalos bald nur noch in Deutschlands Dorfdiscos anzutreffen, dafür in hoher Konzentration. "Komplextreter" heißen sie nun im Volksmund. Und das ist ja nun mal gar nicht kultig.

Ob die Crocs es zum Walk of Fame des Schuhwerks schaffen, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Hässlich genug, um neben anderen Exponaten wie Roots, Mephistos und Ugg-Boots in der einetages-Galerie der Kultschuhe zu bestehen, sind sie schon heute. Und wer weiß - vielleicht entdeckt ja ganz überraschend doch noch jemand eine Aussage, für die auch die Crocs als besohlte Botschafter taugen.


Debatte

insgesamt 7 Beiträge zur Debatte
Luca Brasi am 26. August 2008, 16:48
Schade! Von Bild zu Bild wartete ich auf eine amüsante Beschreibung meines Lieblingsschuhwerkes, aber die kam nicht: Der Cowboystiefel oder auch Westernboots genannt.
Mit 47...

Olaf Nyksund am 26. August 2008, 12:54
Im Grunde könnte in den Artikel alles hinein, was nicht gerade bis zur cölligen Unsichtbarkeit langweilig daherkommt. Also die Budapester bleiben außer vor, aber...


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