| t.A.T.u. - "All the things she said " (2002): Der Trick des russischen Girlie-Duos t.A.T.u. funktionierte so gut, dass Madonna und Britney Spears ihn gleich abkupferten. Mit gespieltem Lesbengetue mogelte sich die russische Retorten-Combo im Mai 2003 in die Gazetten und auf Platz drei des Eurovision Song Contests in Riga. Als alle Welt den Song (er hieß "Ne wer, ne bojsia, ne prosi") schon längst wieder vergessen hatte, redete man noch von dem kalkuliert schamlosen Auftritt der beiden Möchtegern-Pop-Prinzessinnen (die übrigens Jelena Sergejewna Katina und Julia Olegowna Wolkowa heißen). Bei den MTV-Awards in New York ein Vierteljahr später schlabberten sich dann Madonna und Britney gegenseitig ab. Und siehe da: die Masche funktionierte immer noch. |
Blanke Brüste, züngelnde Diven und ein Anschlag auf den Papst: Madonnas Vergleich von Präsidentschaftskandidat John McCain mit den Diktatoren dieser Welt soll ein Skandal sein? Wenn ja, dann ist es ein ziemlich lascher - wie ein Blick in die lange Geschichte der Pop-Provokationen beweist. Von Michail Hengstenberg
Die Botschaft des Videos war klar. Naturkatastrophen, Kinder, die Kalaschnikows durchladen, ein paar Diktatoren: Hitler, Mugabe, Kim Jong-Il - und dann: John McCain. Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner in einer Reihe mit alten und aktuellen Polit-Verbrechern - ein Skandal! McCains Wahlkampfteam reagierte prompt. "Der Vergleich ist empörend, inakzeptabel und polarisiert auf mieseste Art und Weise", ließ ein Sprecher wissen: "Wenn es darum geht, Barack Obama zu unterstützen, greifen seine Mit-Prominenten in aller Welt auf übelste Schmutzkampagnen zurück."
Schmutzkampagnen? Skandal? Was die Besucher am 23. August 2008 beim Auftaktkonzert der Welttournee von Pop-Legende Madonna im walisischen Cardiff über die Videoleinwände flimmern sahen, war nicht mehr als gewieftes Kalkül. In Wahrheit ging es weder um John McCain noch um Barack Obama und schon gar nicht um die Diktatoren - es ging allein um Madonna.
Mal ehrlich: Wer bitte fällt heute noch auf die Provokation der Popskandalnudel schlechthin herein, deren Karriere eine Aneinanderkettung angeblicher Unerhörtheiten ist? Die 1984 ihren MTV Music Award für "Like A Virgin" in einem weißen Hochzeitskleid entgegennahm, 1989 im Video zu "Like A Prayer" vor brennenden Kreuzen tanzte und die sich auf ihrer "Blond Ambition"-Welttournee 1990 vor einem Millionenpublikum ausgiebig und mit viel Verve der Trockenmasturbation auf der Bühne widmete?
Pünktlich zum Album-Release als Lesbe geoutet
Es könnte natürlich sein, dass sich John McCain bislang nicht besonders für Madonna interessiert hat - vermutlich genauso wenig wie für Popkultur im Allgemeinen. Denn sonst wäre ihm aufgefallen, dass die Popgeschichte voll ist von vermeintlichen Skandalen, die sich bei näherer Betrachtung schnell als kalkulierte Provokation entpuppen. Als Eklats, die in der Regel erstaunlich gut abgestimmt sind mit der Veröffentlichung eines aktuellen Albums oder dem Start einer Tournee.
Unvergessen zum Beispiel das Outing von Sinead O'Connor als Lesbe pünktlich zum Erscheinen ihres Albums "Faith And Courage" im Jahre 2000. Zuvor hatte das irische Pop-Sternchen nach ihrem Welterfolg "Nothing Compares 2 U" mit einem anderen inszenierten Skandal allerdings einen Karriereknick erlitten: Wenige Wochen nach dem Erscheinen ihres dritten Albums "Am I Not Your Girl" trat sie am 3. Oktober 1992 in der amerikanischen "Saturday Night Live"-Show auf, interpretierte Bob Marleys "War" a cappella - und zeriss ein Foto von Papst Johannes Paul II. vor laufender Kamera. Was als kleiner Turbo für den etwas schleppenden Verkauf der neuen Platte gedacht war, erwies sich als Rohrkrepierer: Fans wandten sich weltweit von O'Connor ab, viele Radiostationen weigerten sich fortan, ihre Songs zu spielen.
Einen Karriereschub hingegen verschafften sich die Punker der Sex Pistols mit ihrer Single "God Save The Queen" - veröffentlicht pünktlich zum 25. Thronjubiläum der englischen Königin. Das Skandalpotential des Songs, bei dem sich "fascist regime" auf "Queen" reimt, war kaum zu überhören. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, mieteten die Punkrocker am Tag des Thronjubiläums ein Boot und intonierten das Stück unweit der Feierlichkeiten vor Hunderten Journalisten und geladenen Gästen auf der Themse. Als Folgeerscheinung mussten die Punkrocker zwar jederzeit mit tätlichen Übergriffen englischer Royalisten rechnen, ihre Single aber schoss an die Spitze der britischen Charts - und einen Platz in den Annalen der Popgeschichte hatten sie auch sicher.
Mit blanken Brüsten an die Spitze der Charts
Dabei muss es beileibe nicht immer hochpolitisch zugehen, auch mit simpler Freizügigkeit lässt sich reichlich Aufsehen erzeugen. Bestes Beispiel: der "Nipplegate"-Skandal. In der Halbzeitpause des vom Musiksender MTV gesponsorten amerikanischen 38. Superbowl im Jahre 2004 sangen Janet Jackson und Justin Timberlake den Song "Rock your Body". Die letzte Liedzeile "I'm gonna have you naked by the end of this song" nahm Timberlake wörtlich und entblößte vor einem Millionenpublikum Jacksons rechte Brust.
Wer von dem sofort nach dem Vorfall einsetzenden Aufschrei der Nation profitieren sollte - ganz klar ist es nicht. Timberlake hatte zu diesem Zeitpunkt weder ein aktuelles Album in der Rotation noch eine Tournee in Planung. Schon eher Janet Jackson, die wenige Wochen später ihr Album "Damita Jo" veröffentlichen wollte. Nur: Wie kam sie auf die Idee, eine mit christlichen Fundamentalisten reich gesegnete Nation mithilfe eines Striptease für ihre neue Scheibe zu erwärmen? Wer auch immer ihr diese Idee eingeredete, war ein schlechter Ratgeber - ihr Album wurde ein Flop.
Sowohl Timberlake als auch Jackson beteuerten übrigens stets ihre Unschuld. Es habe sich bei der ganzen Sache um einen bedauerlichen Unfall gehandelt, einen Materialfehler. Ein Unfall, bei dem ganz zufällig die halbe Brust von einem sternenförmigen Piercing verziert wird? Und bei dem die eine Hälfte des BHs, der die Brust unter dem Kostüm hätte bedecken soll, einfach fehlt? Sicher!
Aber am Ende ist die Frage nach dem Warum bei einem Popskandal vermutlich auch das letzte, was interessiert. Es geht um die Dynamik der Nachricht: "Hast du schon gehört? Ich schick dir mal 'nen Link." Wer mit so etwas Schnödem wie der Wahrheit oder mit dem mahnenden Zeigefinger kommt, bläst die Sache im Zweifel nur noch weiter auf. Man muss die Welle über sich hinweggehen lassen - das ist das Geheimnis.
Ein Geheimnis, das ein alter Hase wie John McCain eigentlich kennen sollte. Schließlich beherrscht er den "Spin", das Spiel von Medien- und Meinungsmanipulation, aus dem Effeff. Nur wenn es um Pop geht, kennt er sich offenbar nicht aus. Deswegen: Hier kommt die Nachhilfestunde - die besten Pop-Provokationen aller Zeiten.
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