| Münchner Konferenz: Adolf Hitler (M.) steht zwischen Arthur Neville Chamberlain (Großbritannien), Edourad Daladier (Frankreich), Benito Mussolini (Italien) und Graf Galeazzo Ciano (Italien, v.l.n.r.) am 29. September 1938 in München. Die Regierungschefs unterzeichneten ein Abkommen über die Abtretung des sudetendeutschen Gebiets an das Deutsche Reich. |
Objektiv war es ein beispielloser Triumph für Hitler: Am 30. September 1938 sprachen Großbritannien, Frankreich und Italien dem Deutschen Reich das zur Tschechoslowakei gehörende Sudetenland zu. Doch der Verhandlungserfolg war nicht das, was Hitler mit seinen maßlosen Forderungen bezweckt hatte. Von Ulrich Kappenstein
Erleichtertes Aufatmen am 30. September 1938 in den Städten Europas: Am Tag zuvor hatten Großbritannien, Frankreich, Italien und das Deutsche Reich mit dem "Münchner Abkommen" die monatelang schwelende Krise um das zur Tschechoslowakei gehörende, mehrheitlich von Deutschen besiedelte Sudetengebiet beendet und damit quasi in letzter Sekunde Europa den Frieden gerettet. Zumindest dachten das alle.
Der Einigung waren Monate des Säbelrasselns vorausgegangen. Im März 1938 hatte Hitler dem Führer der "Sudetendeutschen Partei" in der Tschechoslowakei, Konrad Henlein aufgetragen, unerfüllbare Forderungen in der Nationalitätenfrage an Prag zu richten. Parallel erklärte er öffentlich, das "tschechoslowakische Problem" baldmöglichst lösen zu wollen. Den Einmarschplan für die Tschechoslowakei - Codenamen: "Fall Grün" - hatte er bereits in der Schublade.
Wie ihm geheißen, präsentierte Henlein am 24. April 1938 das "Karlsbader Programm": Für die 3,5 Millionen in der Tschechoslowakei lebenden Sudetendeutschen forderte er Gleichberechtigung, Autonomie und das Recht ein freies Bekenntnis zum deutschen Volkstum. Die Antwort des 1918 gegründeten Vielvölkerstaats kam knapp einen Monat später: Am 20. Mai begann die Tschechoslowakei mit der Teilmobilmachung, mit Frankreich und Großbritannien hatte sie zwei Verbündete an ihrer Seite. Hitler hielt zunächst inne - aber schon am 28. Mai verschärfte er in Berlin die Weisungen des "Fall Grün": Die Tschechoslowakei sollte spätestens am 1. Oktober militärisch zerschlagen werden.
Pläne durchkreuzt
Während Hitler ab Juni die Wehrmacht an der tschechoslowakischen Grenze zu Manövern zusammenzog und parallel zur Eile bei den Arbeiten am Westwall, dem Verteidigungssystem an der Westgrenze des Reiches, antrieb, ging London Prag gegenüber auf Distanz. Am 8. August 1938 traf der englische Sonderbotschafter Lord Runciman in Prag ein, ohne jedoch etwas zum Ausgleich der Spannungen beitragen zu können. Er empfahl die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete und ihre Angliederung an das Deutsche Reich, ein Vorschlag, dem sich die "Times" in ihrem Leitartikel vom 7. September anschloss. Nun hing alles davon ab, wie Hitler sich verhielt. Seine Rede auf dem Reichsparteitag am 12. September wurde mit Spannung erwartet.
Wer glaubte, Hitler sei zur Mäßigung bereit, irrte. Seine scharfe Rhetorik heizte die Spannungen im Sudetenland weiter an. Die Zeichen standen auf Krieg. Doch dann lenkte der britische Premierminister Neville Chamberlain plötzlich ein: Er sandte am 13. September eine Botschaft und erklärte, er sei bereit, sich mit Hitler zu treffen. Dieser schlug als Verhandlungsort Berchtesgaden vor, wo Chamberlain am 15. September eintraf. Hitler drohte, er würde das tschechoslowakische Problem lösen, "so oder so". Als der Premierminister daraufhin den Sinn seiner Reise in Frage stellte, lenkte Hitler ein und forderte eine "Loslösung der sudetendeutschen Gebiete aufgrund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker". Chamberlain sagte zu, diese Frage mit seinem Kabinett zu erörtern, worauf Hitler ihm zusicherte, in der Zwischenzeit keine militärischen Maßnahmen zu ergreifen.

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