Über einestages

1918-2008

Helmut Schmidt

Die Kanzler-Flüsterer


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Kanzlerfest: Bundeskanzler Helmut Schmidt übernahm auf dem Kanzlerfest im Juli 1977 in Bonn die Begrüßung der Politiker und anderer gut gelaunter Gäste.

Er nennt sie seine "Hausapotheker": vier Männer, auf deren Worte Altkanzler Helmut Schmidt stets gehört hat. Ein paar Weise hätten auch den blutarmen Nachfolgern von "Schmidt Schnauze" an der Spitze der orientierungslosen SPD gutgetan. Von Martin Rupps


Während seiner Kanzlerschaft klebte an Helmut Schmidt das Etikett vom Macher - ein Politiker mit Energie, aber ohne Grundsätze. Als Macher sah er sich auch selbst, aber nur im guten Sinn des Wortes. In Wahrheit machte sich kein Bundeskanzler öffentlich so häufig über moralische Maßstäbe in der Politik Gedanken wie Schmidt, keiner vor ihm und keiner danach. Von dem Politiker und zeitweiligen Kanzler, der seinem 90. Geburtstag am 23. Dezember entgegensieht, gibt es Reden über die Philosophie der Herrschaft, über Kunst, Literatur und Musik, über das Christentum und die anderen Weltreligionen - keine Gelegenheitsreden, aus Schreibbüros für den Augenblick zugeliefert, sondern substantielle, reflektierte Aussagen.

Bis heute beruft sich Helmut Schmidt auf vier "Hausapotheker", wie er sie einmal selbst genannt hat, drei Philosophen und einen Soziologen, die ihm zu unterschiedlichen Zeiten seines Lebens wichtig wurden und es blieben. Das macht Helmut Schmidt nicht zu einem philosophischen Denker, aber doch zum seltenen Beispiel eines Politikers, der die Prinzipien seines Handelns erläutert, so dass sein Handeln an diesen Prinzipien gemessen werden kann.

Bollwerk gegen die Leidenschaft

Zur Konfirmation bekommt Helmut Schmidt ein Exemplar von Marc Aurels "Selbstbetrachtungen" geschenkt, das er im Zweiten Weltkrieg als Trostbuch stets im Rucksack tragen wird. Der römische Kaiser Marc Aurel (121-180 n. Chr.) muss in seiner Regierungszeit oft als Feldherr umherziehen. In seinem Zelt nimmt er sich die Muße, insgesamt zwölf Bücher sozusagen an sich selbst zu schreiben. Die "Selbstbetrachtungen" wollen die Welt erklären (Wie verwirklicht sich Gott in der Natur?) und eine Anleitung zum sittlichen Handeln liefern (Was macht den Menschen zum Menschen?). Das Leitwort von Marc Aurel ist Vernunft - als Bollwerk gegen die Leidenschaft, die das dem Menschen angemessene Handeln durchkreuzt. "Deshalb unterdrücke die bloße Einbildung, hemme die Leidenschaft, dämpfe die Begierde, erhalte die leitende Vernunft bei der Herrschaft über sich selbst."

Zwei Prinzipien von Marc Aurel seien ihm besonders wichtig, sagte Helmut Schmidt einmal in einem Interview: "Dass jemand bei allen Widrigkeiten des Lebens seine Pflicht erfüllen muss und dass er verantwortlich ist für die Erfüllung seiner Pflichten." Zum anderen, dass er dabei "gelassen bleibt, sich selbst zur Gelassenheit zwingen soll."

Unter dem vielen, was der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) geschrieben hat, wurde kein Satz berühmter als sein Kategorischer Imperativ. In der meist zitierten Fassung lautet er: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte." Helmut Schmidt übersetzt dieses Leitwort für sich: "Ich soll mich so benehmen, dass die meinem Tun unterliegenden Prinzipien jederzeit von allen anderen auch akzeptiert werden können." Welche Prinzipien das aber seien, sage Kant nicht. Der Imperativ dient als Handlungsrahmen, den Schmidt als Mensch und Politiker ausfüllen will.

Moralisch, auch privat

Weil dieser Rahmen alle Lebensbereiche umspannt, gibt es für Schmidt keine Trennung zwischen privater und öffentlicher Moral, eine solche Trennung nennt er "inakzeptabel". Für ihn darf es keine Kluft zwischen privater Lebensführung und öffentlich verkündeten Grundsätzen geben. So scheut Schmidt nicht davor zurück, seinen politischen Weggefährten Willy Brandt dafür zu kritisieren, dass dieser dreimal geheiratet hat. "Das macht ein Bundeskanzler einfach nicht!", sagte Schmidt einmal zu mir. Schmidt selbst ist seit vielen Jahrzehnten mit seiner Loki (Hannelore Schmidt, geborene Glaser) verheiratet.

Wo knüpft Schmidts "Hausapotheker" Kant selbst eine Richtschnur für politisches Handeln? Den Politiker Schmidt hat vor allem Kants kleine Schrift "Zum ewigen Frieden" beeindruckt. Der Philosoph betont darin, dass Frieden "gestiftet" werden müsse, also aktiv herbeigeführt und gesichert. Schmidt hat Kants Wort unzählige Male aufgegriffen, etwa als er für die sogenannte Nachrüstung von Mittelstreckenwaffen in Westeuropa eintrat.

In Kants Friedensschrift findet sich auch die wichtige Unterscheidung zwischen einem "moralischen Politiker" und einem "politischen Moralisten". Der moralische Politiker nehme die "Prinzipien der Staatsklugheit" so, dass sie mit der allgemeinen Moral im Einklang stehen, der politische Moralist biege die Moral in einer Weise um, wie sie ihm nützt. Schmidt selbst versteht sich als moralischer Politiker. Vernünftig (Marc Aurel) und klug (Kant) müsse politisches Handeln sein, nicht bloß von einer Moral getränkt.

"Gott gehört nicht ins Parlament!"

Als Student gerät Schmidt an einen Text, der ihn - wie er mehr als 40 Jahre später sagen wird - "ungeheuer beeindruckt". Es handelt sich um den Vortrag "Politik als Beruf", den der deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920) im Revolutionswinter 1918/19 vor dem Freistudentischen Bund in München gehalten hat. Weber erörtert die Frage: "Was für ein Mensch muss man sein, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen?" Weber nennt drei Qualitäten, die ein Politiker haben müsse: Leidenschaft im Sinne der Sache, Verantwortung gegenüber dieser Sache und - am wichtigsten - Augenmaß im Handeln.

Bloße Leidenschaft bietet keine Gewähr für richtiges Tun, das Gefühl für die Verantwortung muss hinzukommen. Augenmaß definiert Weber als "Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen". Politiker mit Leidenschaft, jedoch ohne Augenmaß sind für Weber "Gesinnungsethiker". Sie würden ein sittliches Ideal wie die Bergpredigt in der Bibel zum politischen Programm erheben, die Folgen ihres Handelns jedoch Gott anheimstellen. Ein Verantwortungsethiker dagegen habe immer auch mögliche Konsequenzen seines Handelns im Blick. Schmidt hat es nicht nur stets abgelehnt, sondern scharf kritisiert, wenn mit der Bibel Politik gemacht wurde: "Gott gehört doch nicht ins Parlament!" Den großen Kirchen sprach er das Recht zur Einmischung in die Tagespolitik ab.

Schmidt praktizierte Webers Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik konsequenter, als es der Soziologe selbst gemeint hatte: Die sogenannte Friedensbewegung hätten "Gesinnungsethiker angeführt", die neue Nato-Mittelstreckenwaffen in Mitteleuropa verhindern wollten, kritisierte der Politiker.

Plädoyer für Stückwerk

Den britischen Philosophen Karl Popper (1902-1994) entdeckt Schmidt erst spät, jedenfalls zitiert er ihn erst, als er bereits Bundeskanzler ist. Während eines Mallorca-Urlaubs um die Jahreswende 1974/75 schreibt Schmidt ein Vorwort zum Buch "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie", in dem er sich mit Poppers politischer Theorie einig erklärt. Popper bekommt den Aufsatz zugeschickt und meldet sich dann - so stellt es Schmidt dar - beim Bundeskanzler. In den folgenden Jahren treffen sich die beiden mindestens zweimal. Popper schreibt einen Aufsatz für eine Festschrift für Helmut Schmidt. Als Popper im September 1994 stirbt, veröffentlicht Schmidt einen würdigenden Nachruf auf ihn.

Karl Raimund Poppers philosophisches und politisches Weltbild entsteht unter dem Eindruck zweier Diktaturen, des Stalinismus und des Nationalsozialismus. An dem Tag, als Hitlers Truppen Wien besetzen, beginnt er die Arbeit an seinem zweibändigen Hauptwerk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Für Popper gibt es keinen verborgenen oder offen liegenden Sinn der Geschichte, etwa den zwangsläufigen Marsch in den Kommunismus oder ein "Tausendjähriges Reich", wie es die Nationalsozialisten proklamiert haben. Die Menschen selbst müssten der Geschichte einen Sinn geben! Aber wie? Popper verzichtet bewusst auf ganzheitliche Welt- und Geschichtserklärungen. Er plädiert für eine stückweise Planung und Konstruktion von Institutionen. Politik soll im guten Sinne "Stückwerk" abliefern, denn nur in solchen Portionen, so Poppers Überzeugung, bleibt gesellschaftliches Handeln überschaubar und korrigierbar.

Helmut Schmidt avanciert zum überzeugten Vertreter von Poppers "Stückwerk-Sozialtechnik". Schon vor seiner Kanzlerschaft hat er "Vorhaben längerfristiger Planung" als "Joch" angesehen. In dem erwähnten Vorwort zum Buch "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie" kritisiert er Reformen "in einem einzigen Schritt", weil "die Risiken des Fehlschlages und der negativen Auswirkungen für Millionen von Menschen dabei nicht kalkuliert und nicht limitiert werden können". Schmidt steht unter dem Eindruck so mancher Reformruine aus der ersten Phase der sozial-liberalen Koalition. "Genau dieses Prinzip", schreibt Schmidt 1993 über Poppers Stückwerk-Idee, "möchte ich der politischen Klasse in Deutschland wünschen." Da ist er schon seit mehr als zehn Jahren vom Unionskanzler Helmut Kohl abgelöst worden.

"Ohne Selbstdisziplin keine Regierung!"

Dass Popper stets für das britische Mehrheitswahlrecht und gegen das deutsche Verhältniswahlrecht eingetreten ist, festigte die Bande mit Schmidt, der selbst für Deutschland das Mehrheitswahlrecht wollte. Popper wie Schmidt waren Mehrparteien-Parlamente suspekt, weil sie vermeintlich die Stabilität einer Demokratie verringerten. Schmidt würde bis heute ein Zwei-Parteien-System aus Union und SPD, die sich in der Regierungsarbeit abwechseln, vollauf genügen. Mit seinem pessimistischen Menschenbild traut er speziell den Deutschen eine demokratische Streitkultur im Sinne guter Sachergebnisse nicht zu.

Bleibt zu fragen, ob Schmidt die Medizin seiner Hausapotheker einfach zusammengeschüttet oder daraus etwas Eigenes destilliert hat. Aurel plus Kant plus Weber plus Popper ergeben noch keinen Schmidt! Schmidt formt sich, wie jeder Mensch, eine persönliche Lebensphilosophie. Marc Aurel wird ihm während des Krieges sehr wichtig. Mit den Berufsjahren entwickelt Schmidt diese Lebensphilosophie zu einer politischen Ethik. Er akzeptiert keinen Unterschied zwischen einer privaten und einer öffentlichen Moral. Politik braucht eine sittliche Fundierung, benötigt feststehende Maximen in wechselnden Situationen. Politik gilt Schmidt als pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken.

Als Politiker dürfe man seine sittlichen Grundsätze nicht blind in die Tat umsetzen, sondern müsse die Vernunft als Filter dazwischenschalten. Kritische Rationalität und abwägende Vernunft steuern Schmidts Handeln: Motive wie Angst oder Hoffnung, Pessimismus oder Optimismus sind "für mich verbotene Kategorien". Es gehe nicht um das Wünschbare, sondern das tatsächlich Machbare. Und es brauche Selbstdisziplin! Der Politiker solle sich klar darüber sein, "dass ohne seine eigene politische Selbstdisziplin seine Partei die jeweilige Regierung nicht aufrechterhalten kann".

Das klingt nach den Titanen-Kämpfen der letzten Jahre in Schmidts Partei, zwischen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine oder zwischen Franz Müntefering und Kurt Beck, erschreckend aktuell.

Der Autor Martin Rupps ist Politikwissenschaftler und Historiker und leitet die ARD-Koordination 3sat beim Südwestrundfunk.



Über Schmidt. Wie ein Bundeskanzler a. D. zur Ikone der Deutschen wurde

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