Ben Hur mit Uhr: Seit es Kino gibt, passieren selbst den größten Filmemachern hanebüchene Schnitzer - Oscars ernteten Fehlersammlungen wie "Vom Winde verweht" oder "Herr der Ringe" trotzdem. Und ein Starregisseur weigerte sich gar, einen besonders absurden Fehler aus seinem Film zu schneiden. Von Sven Stillich
Anne Grellmann
25. Aug 2009, 22:46
... nach einem Schuss feinsten deutschen Heroins aus dem...
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Harry Potter hat eine Narbe auf der Stirn. Schnitt: Die Narbe ist verschwunden. Schnitt: Jetzt ist sie wieder da. Schnitt. Gandalfs Zauberstab leuchtet in den Minen von Moria - doch was ist das? Wer genau hinsieht, erkennt an dem Stab hängend ein Kabel.
Wer genau hinsieht, entdeckt in jedem Kinofilm und in jeder Fernsehserie solche Schnitzer. Ganze 257 Fehler sind es alleine im ersten Teil des "Herrn der Ringe", 289 in "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", 391 in "Apocalypse Now". Und jeder wird von Fans im Internet penibel aufgelistet, diskutiert und überprüft.
Mehr als 80.000 finden sich auf der größten Lapsusliste moviemistakes.com, rund 10.000 Einträge verzeichnen jeweils die deutschsprachigen Sites dieseher.de und fehler-im-film.de. Letztere hat Marius Schäfer vor fast acht Jahren gegründet. Das Fehlerfinden ist ein Hobby des 34-Jährigen: "Das ist ein wenig wie Detektiv zu spielen", sagt er, "es geht darum, zu sehen, was andere übersehen. Und auf Dinge zu achten, die nicht im Fokus sind."
Axt, Schwert, Axt, Schwert
Zu sehen gibt es eine Menge: Im Blockbuster "Gladiator" zum Beispiel, der im alten Rom spielt, fällt während eines Rennens ein Wagen um, ein Tuch verrutscht, und überaus jetztzeitige Gasflaschen werden sichtbar. Im selben Film sieht man den Kaiser atmen, obwohl er eigentlich tot auf dem Bett liegt. In "Braveheart" hat Hauptdarsteller Mel Gibson bei einer Schlacht erst eine Axt in der Hand, dann nichts, nach dem nächsten Schnitt ein Schwert, dann wieder eine Axt und dann, Schnitt, wieder ein Schwert.
Tom Cruise hat im Fliegerepos "Top Gun" an einer Stelle plötzlich eine Sonnenbrille auf, einen Schnitt zuvor trug er noch keine. Im Science-Fiction-Hit "Blade Runner" sind die Seile sichtbar, an denen das Schwebefahrzeug hängt, und in Quentin Tarantinos Klassiker "Pulp Fiction" sind Einschusslöcher schon vor der Schießerei zu sehen.
Außerordentlich ist ein Fehler in "Drei Engel für Charlie": Da ruft Drew Barrymore während eines Kampfs nach einer gewissen "Lucy", obwohl die Figur im Film Alex heißt - dargestellt von der Schauspielerin Lucy Liu. Und immer wieder läuft das Filmteam ins Bild: In "Fluch der Karibik" steht ein Mitglied der Crew auf dem Schiff, in "Terminator 2" spiegeln sich Kameramänner in einer Autotür – und sogar der spätere Großregisseur Steven Spielberg zahlte am Anfang seiner Karriere Lehrgeld - in seinem Film "Duell" von 1971 hat er einen unfreiwilligen Auftritt als Reflektion in einer Telefonzelle.
Fehlersuche als Gehirnjogging
"Es gibt keinen einzigen Film ohne Fehler", sagt Marius Schäfer, "es gibt nur gute und schlechte Filme." Der Unterschied? "Gute Filme fesseln mich so sehr, dass ich nicht auf Fehler achte." Wenn eine Szene immer wieder gedreht wird, passiert es zum Beispiel unweigerlich, dass die Kerze auf dem Tisch eines Restaurants herunterbrennt und nach dem Schnitt im fertigen Film mal länger und mal kürzer auftaucht. Oder dass ein Rotweinglas mal links und mal rechts steht – oder sogar verschwindet und nach dem nächsten Cut wieder auftaucht.
"So etwas zu suchen, ist wie Gehirnjogging", sagt Schäfer, "weil ich mir ständig Positionen und andere Details merken muss." Fast 5000 Gleichgesinnte lassen seine Datenbank immer weiter wachsen, junge und alte Hingucker sind dabei, Männer wie Frauen. Fehlersuchen ist ein Hobby für alle - "vom Kinovorführer bis zur Steuerfachgehilfin", sagt Schäfer, der selbst als Produktmanager bei einer Internetfirma arbeitet.
Hunderte Millionen Dollar gibt Hollywood für seine Blockbuster aus, am Set wachen Spezialisten, die einzig auf Kostüm-, Masken- und Anschlussfehler achten – und doch rutscht vieles durch. Und das war schon immer so. Denn "Goofs", so der englische Begriff für Fehler in Filmen, sind so alt wie das Kino selbst: Schon in dem 187-minütigen Stummfilmepos "Birth of a Nation" von 1915 bewegt ein toter Soldat seinen Fuß, und im Südstaaten- Melodram "Vom Winde verweht" von 1939, mit zehn Oscars gekrönt, ragen Mikrofone ins Bild. Charlie Chaplins Krawatte wird während seiner Rede als Diktator Hynkel in "Der Große Diktator" (1940) mal länger, mal kürzer.
Geklaut bei King Kong
Bei "Frankenstein" (1931) ist der Schatten eines Kameramanns im Bild, im Piratenfilm "Der Rote Korsar" mit Burt Lancaster ist im Hintergrund ein Ozeandampfer zu sehen, und in Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" hält sich ein kleiner Junge die Ohren zu, noch bevor ein Schuss fällt. Für seinen hochgelobten Film "Citizen Kane" hat Orson Welles für eine Dschungelszene Material aus "King Kong" benutzt, um Geld zu sparen - weswegen nun im Hintergrund vier Flugsaurier zu sehen sind.
Welles allerdings blieb cool: Trotz Aufforderung des Filmstudios weigerte sich der Regisseur damals sogar, sie aus seinem Meisterwerk zu tilgen. Bis heute gilt der Streifen für viele Kritiker als einer der besten Filme aller Zeiten.
