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1933-2008

Medien Goebbels für alle


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Zeitungszeugen
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Reprint-Magazin "Zeitungszeugen": Mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren geht "Zeitungszeugen" an deutschen Kiosken an den Start. Der bunte Zeitungsmantel ist der redaktionelle Teil - ein Mantel im doppelten Sinn: Er soll verhindern, dass die NS-Propaganda allzu ungefiltert beim Zeitungsleser landet und hilft dem Laien bei der historischen Einordnung. Ob das reicht? Die Macher jedenfalls hoffen auf ein mündiges Publikum, das "nachliest, nachdenkt und versteht."

Original Nazi-Zeitungen an Ihrem Kiosk? Ab sofort überall in Deutschland. Der britische Verleger Peter McGee bringt alte NS-Kampfblätter aus den Jahren 1933 bis 1945 als Faksimile in die Regale. Bekannte Historiker erteilen dem Projekt ihren Segen. Von Carsten Volkery


Was für ein bizarres Szenario. Es ist Donnerstag, der 8. Januar 2009 und an den deutschen Kiosken steht eine Zeitung, in der gleich auf der ersten Seite einem gewissen Joseph Goebbels Platz für eine Kolumne gegeben wurde. "Reinen Tisch machen", fordert er schon gleich in der Überschrift, und ebenso markig geht es weiter. "Der Nationalsozialismus wird keine halben Sachen versuchen ... wir sind bereit, den kranken deutschen Volkskörper zu heilen und wieder Lebensfähig zu machen."

Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen makabren Irrtum, im Gegenteil: Die neueste Publikation auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt, seit Donnerstag am Kiosk erhältlich, heißt "Zeitungszeugen". Die Zielgruppe: Alle, die immer schon mal "einen fundierten Blick auf die Medienlandschaft von 1933 bis 1945" werfen wollten.

Der britische Verleger Peter McGee setzt darauf, dass die alte Journalistenweisheit "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern" nicht für Blätter von vorvorgestern gilt. Jede Woche können die Deutschen nun für 3,90 Euro in drei Tageszeitungen aus der NS-Zeit blättern - komplett mit Sportteil und Klatschmeldungen. Für Hartgesottene gibt es ein Jahresabo, dann reduziert sich der Preis auf 3,30 Euro.

Rückendeckung von namhaften Historikern

Die Idee hinter "Zeitungszeugen" ist simpel: Die Leser sollen sich geschichtliche Großereignisse von Hitlers Machtergreifung bis zum Weltkriegsende durch zeitgenössische Kommentare und Schlagzeilen selbst "erlesen". In der Startausgabe finden sich drei Zeitungen vom 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Adolf Hitler Reichskanzler wurde. Sie stehen für die unterschiedlichen politischen Strömungen der damaligen Zeit: Die nationalkonservative "Allgemeine Deutsche Zeitung", die von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Gauzeitung "Der Angriff" sowie das Kommunistenblatt "Kämpfer".

Die zweite Ausgabe, die ausnahmsweise erst in zwei Wochen erscheint, wird sich um den Reichstagsbrand drehen. Nachgedruckt sind die "Vossische Zeitung", das SPD-Blatt "Vorwärts" und der "Völkische Beobachter" vom Tag nach dem Feuer.

Es ist das erste Mal in der Bundesrepublik, dass Primärquellen aus jenen Jahren in solcher Ausführlichkeit auf dem Massenmarkt zugänglich sind. Damit das NS-Gedankengut nicht unkommentiert unters Volk kommt, ist das Archivmaterial jeweils von einem mehrseitigen Mantel umgeben. Darin finden sich Analysen von namhaften Historikern, die das Ganze für den Laien einordnen sollen. Der Verlag ist sich bewusst, dass die Veröffentlichung von Nazi-Hetze heikel ist. Darum hat McGee sich das Projekt von der Crème de la Crème der deutschen Geschichtswissenschaft absegnen lassen. Koryphäen wie Wolfgang Benz, Hans Mommsen und Peter Longerich sind als Berater an Bord und verleihen der Reihe das Unbedenklichkeitssiegel.

Wollen wirklich Hunderttausende Goebbels-Zeitungen lesen?

Die Kritik an dem neuen Wochenblatt ist denn auch bisher gedämpft. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat sich skeptisch geäußert, ebenso wie der Publizist Ralph Giordano. Doch so richtig dagegen sind selbst diese beiden nicht. Befürchtungen, dass "Zeitungszeugen" zum Kultblatt für Neonazis werden könnte, werden im Verlag beiseitegewischt. "Der moderne Rechtsextreme kann mit der Sprache der dreißiger Jahre nichts anfangen", sagt ein Sprecher. "Der bedient sich im Internet aus Amerika."

McGee, ein leidenschaftlicher Hobbyhistoriker, spricht von einer "machtvollen Idee", sein Berater Mommsen etwas vorsichtiger von einem "interessanten Experiment". Vor allem wird interessant sein, ob die Deutschen das Heft kaufen. Die Startauflage ist mit 300.000 recht optimistisch. Wollen wirklich Hunderttausende die komplette Ausgabe einer Goebbels-Zeitung von 1933 lesen?

Die Redaktion verweist auf die Erfahrungen in anderen Ländern. Deutschland ist bereits das neunte europäische Land in neun Jahren, in dem das auf ein Jahr begrenzte Geschichtsprojekt startet. Vergangenes Jahr war Österreich dran. Die Zeitschrift "NachRichten" verkaufte sich im Schnitt 10.000-mal pro Woche, die Startauflage lag bei 30.000. Da Deutschland zehnmal mehr Einwohner hat, geht der Verlag davon aus, im Schnitt 100.000 Exemplare pro Woche abzusetzen.

Insgesamt wird es 51 Ausgaben von "Zeitungszeugen" geben, also rund 150 nachgedruckte Zeitungen. Für die ersten Jahre des Zeitraums von 1933 bis 1945 ist es noch einfach, kontrastierende Meinungen in der deutschen Presse zu finden. Später, mit zunehmender Gleichschaltung, wird dies schwieriger. Darum tauchen in den späteren Ausgaben auch deutsche Exilzeitungen auf, in denen Emigranten die Zustände in der Heimat kritisieren. Sogar einige Ausgaben der "Neuen Zürcher Zeitung" finden sich, in denen Gastautor Thomas Mann aus Kalifornien das NS-Regime attackiert.



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insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Tom Buntrock am 14. Januar 2009, 13:50
Wenn man sich heute mit seinen Mitmenschen über das Dritte Reich unterhält, gehen die meisten davon aus damals selbstredend in den Widerstand gegangen zu sein. Ich denke,...

Michael Müller am 12. Januar 2009, 20:13
Ist eben nicht so einfach! NS Sells... nein, es ist nicht NS sells sondern erlebbare Geschichte die hier möglicherweise verkauft! Wenn ja, wäre es meiner Meinung nach ein...


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