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1945

70 Jahre Neue Reichskanzlei Architektur der Angst


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Fassade der Neuen Reichskanzlei: Einschüchtern und imponieren - ein Eingangsportal in der Berliner Voßstraße, die Albert Speer für den Bau der Neuen Reichskanzlei komplett umbauen ließ. Die gigantischen Hoheitsadler mit Hakenkreuz waren die einzigen zierenden Elemente an der Außenfassade der sonst kantigen und abweisenden Architektur und sprangen deshalb umso stärker ins Auge. In Speers Plänen zum Umbau Berlins zur "Welthauptstadt Germania" sollte die Voßstraße deutlich verbreitert werden - auch um die Reichskanzlei noch imposanter wirken zu lassen.

Endlose Flure und ein Arbeitszimmer mit 400 Quadratmetern: Vor 70 Jahren eröffnete Adolf Hitler seine neue Reichskanzlei in Berlin. Ein gigantischer Prunkbau, hinter dessen protziger Fassade sich an vielen Stellen bauliche Schlampereien verbargen.Von Christoph Gunkel


Dieses Gebäude sollte Angst machen. Einschüchtern. Imponieren. Und seine gewaltigen Maße beeindruckten tatsächlich selbst den Bauherrn, Adolf Hitler, den notorisch Maßlosen. "Ich bin zu stolz, als dass ich in ehemalige Schlösser hineingehe", hatte er im August 1938 in einer Rede den Berlinern zugerufen: "Das tue ich nicht. Das Deutsche Reich wird sich seine Räume und Bauten selber erstellen."

Am 9. Januar 1939 war es soweit: Der "Führer" weihte in Berlin-Mitte die Neue Reichskanzlei ein - die fast die Karikatur eines Schlosses war: Nicht luftig-verspielt, sondern hart, kantig, flächig, abweisend, aber von gewaltigem Ausmaß. Allein die Außenfassade in der Voßstraße unweit des Brandenburger Tores maß 421 Meter und war 20 Meter hoch. Im Inneren setzte sich der Größenwahn in buntem Marmor und Granit fort: Ein "Ehrenhof", Grundriss von 68 mal 26 Metern. Eine Raumflucht, so lang wie eine Straße. Wuchtige Empfangssäle, einer dem antiken Pantheon nachempfunden. Eine Marmorgalerie, mit 146 Metern mehr als doppelt so lang wie die Versailler Spiegelgalerie, was Hitler besonders verzückte.

Und für den Diktator war all das lediglich ein schüchterner Anfang. Seine neue Machtzentrale war für Hitler nur "das erste Bauwerk des neuen großen deutschen Reiches", wie er am Tag der Einweihung erklärte. Er wolle "eine Hauptstadt, derer sich der Deutsche nicht mehr zu schämen braucht, wenn er ins Ausland kommt". Wer an Deutschlands Spitze stehe, müsse "jedem fremden König oder Kaiser gleichwertig" sein. Die hochfliegenden Pläne von einer "Welthauptstadt Germania" blieben Utopien - die Neue Reichskanzlei blieb der einzig vollendete Projektteil.

Besuch beim "Herrn der Welt"

Nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 sollte der Neubau den "Zuwachs an Macht und Größe Deutschlands" repräsentieren, wie die NS-Propaganda tönte. "Wer die Reichskanzlei betritt, muss das Gefühl haben, vor den Herrn der Welt zu treten", fabulierte Hitler noch Jahre später. Sein Architekt Albert Speer tat alles, um solche Phantasien zu befriedigen. Geld spiele keine Rolle, so Hitlers Weisung, nur müsse es schnell gehen. So fielen die Baukosten mit fast 90 Millionen Reichsmark denn fast dreimal so hoch aus wie veranschlagt.

Architektonisch setzte Speer auf Volumen und Masse, die dem Besucher seine schiere Bedeutungslosigkeit bewusst machen sollte. Dafür entwarf er endlos lange Raumfolgen - und heimste sich persönliches Lob von Hitler ein: "Auf dem langen Weg vom Eingang bis zum Empfangssaal", so soll Hitler seinem Leibarchitekten gesagt haben, werde der Besucher "schon etwas abbekommen von der Macht und Größe des Deutschen Reiches".

Detailversessen perfektionierte Speer seine Einschüchterungsarchitektur und antizipierte zielsicher den Geschmack seines Auftraggebers: Er entwarf ein riesiges Arbeitszimmer, das mit fast 400 Quadratmetern bei zehn Metern Höhe eher einer Halle glich. Besonders entzückt war Hitler von einer Schreibtischintarsie, die ein halb gezogenes Schwert zeigte: "Gut, gut", so Hitlers überlieferter Kommentar, "wenn das die Diplomaten sehen, werden sie das Fürchten lernen." Doch schon bald genügten dem Tyrannen selbst diese Dimensionen nicht mehr. Weil die Reichskanzlei vor den "Germania"-Planungen konzipiert worden war, erschien Hitler das Gebäude nun zu klein. Bis 1950 wollte Speer deshalb einen neuen "Führerpalast" mit einer 500 Meter langen Galerie bauen. Hitlers neues Arbeitszimmer sollte dann sogar 900 Quadratmeter messen.

"Wie lange brauchen Sie?"

Das alles war pure Machtpolitik mit den Mitteln der Architektur. Die Form folgte der Ideologie, nicht der Funktion. Die meisten Räume des Riesenkomplexes dienten allein der Selbstinszenierung und für pompöse Gala-Empfänge - praktisch waren sie nicht, genutzt wurden sie nach Kriegsausbruch nur wenig. "Effektkunst", gab Architekt Speer nach dem Krieg so freimütig wie unkritisch zu. Was er nicht sagte: Hinter der protzigen Fassade verbargen sich auch bauliche Schlampereien. Im Dachgeschoss mussten die Bediensteten in engen Arbeitszimmern darben, manche Büros hatten kein natürliches Licht, andere waren unzureichend isoliert vom hastig zusammengebauten Teerpappdach. Im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt.

Von solchen Räumen ließ die NS-Führung lieber keine Aufnahmen machen, während sie die Prunksäle aus allen Perspektiven ablichten ließ - sogar in Farbe. Die Propagandafotos der neuen Regierungszentrale des NS-Reichs legten den Keim für Mythen, die bis heute nachwirken. Das als Jahrhundertwerk konzipierte Gebäude wurde von den sowjetischen Siegern nach dem Krieg geschleift, doch dies steigerte die morbide Faszination von Hitlers Bau nur. Nirgendwo wird die Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen Größenwahn und Selbstzerstörung augenscheinlicher als an diesem Ort: Nur wenige Meter von Speers bombastischer Kulisse beging der geschlagene Hitler am 30. April 1945 im Bunker Selbstmord.

Und Albert Speer strickte nach dem Krieg kräftig weiter an der Legende um seinen Bau. "Wie lange brauchen Sie?", habe Hitler ihn gefragt, so der umstrittene Architekt in seinen Memoiren. "Anderthalb oder zwei Jahre wären mir schon zu viel." Weil Hitler den Neujahrsempfang 1939 für das Diplomatische Corps unbedingt schon in der Neuen Reichskanzlei abhalten wollte, sei ihm nicht einmal ein Jahr Zeit geblieben - aber natürlich sei der straffe Zeitplan überpünktlich erfüllt worden, so Speer mit unkritischem Stolz.

Große Pracht, schlecht durchdacht

Etliche Historiker haben diese Version lange für bare Münze genommen und so den Mythos vom Prunkbau, der aus dem Nichts entstand, weiterverbreitet. Dabei belegen Akten, dass die ersten Pläne für die Neue Reichskanzlei schon auf das Jahr 1934 zurückgehen. Auch Speers eigene Pläne datieren bereits aus dem Sommer 1937. Als er den Auftrag von Hitler bekommen haben will, waren schon alle Grundstücke für den Bau gekauft, teilweise geräumt und abgerissen. Es gab eine riesige Baugrube, und die ersten Fassadenmodelle der künftigen Kanzlei standen bereits.

Um solche und andere Legenden zu zerstören, arbeitet der Grafiker Christoph Neubauer schon seit 2002 daran, den abgerissenen Riesenbau mittels Computeranimationen virtuell wieder auferstehen zu lassen. Mehr als 2000 Fotos hat Neubauer dafür gesichtet, zahllose Zeitzeugenberichte ausgewertet und alte Baupläne studiert. Entstanden ist daraus eine detailgetreue Multimedia-Dokumentation, die die Dimensionen des Baus aus Vogelflugperspektive eindrücklicher vermitteln kann als jedes Foto. Der Erfolg der Dokumentation war so groß, dass der 37-Jährige nun an einem Vierteiler über die Innenräume der Reichskanzlei bastelt.

Doch schafft da nicht jemand Stoff für neue Verherrlichungen? Neubauer möchte genau das Gegenteil erreichen, er will aufklären und Legenden widerlegen: "Die ganze Politik der Zeit ist doch an so einem Gebäude erkennbar, ihre Kulissenhaftigkeit, ihre Oberflächlichkeit, ihre Effekthascherei", sagt Neubauer. "Nach außen sah alles groß und durchdacht aus, doch im Detail hat vieles nicht funktioniert." Sich selbst versteht der Grafiker als Entdecker: "Ich war überrascht, wie wenig wissenschaftliche Informationen zu dem Thema existieren und wie viele Bilder in der Literatur falsch zugeordnet waren", sagt er.

Bis heute etwa meinen viele Berliner zu wissen, dass die Baumaterialien aus dem Abriss der Reichskanzlei für die Sowjetischen Ehrenmale im Berliner Tiergarten oder in Treptow benutzt worden seien. Die Fakten sind nüchterner: Eine Heizung aus Hitlers Prunkbau wurde in einem evangelischen Krankenhaus aufgestellt. Und vermutlich wurden Teile des wertvollen Marmors in einem Berliner U-Bahnhof verbaut.



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Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Horst Schimmel am 30. November 2012, 18:30
Zweifellos sind die Bauten von Gigantismus geprägt. Meinen Vorrednern muß ich mich anschließen bezüglich der Aussage das dieser Bau so bezeichnet wird weil er...

Jochen Eggert am 8. September 2012, 21:36
Zitate: "Einschüchtern und imponieren...kantige und abweisende Architektur". Ist ds heutige Rom denn auch abweisend und einschüchternd?

Architektur...


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