Todesurteil für eine Stadt: Hitler wollte Leningrad nicht erobern - die 3,5 Milllionen Bürger sollten vor Hunger krepieren. Fast 900 Tage dauerte die grausame Belagerung. Zwei Millionen Russen starben, Tausende Leningrader wurden zu Kannibalen. Von Christian Habbe
Vier Wochen nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion: Die Wehrmacht steht kurz vor der alten russischen Hauptstadt St. Petersburg, die seit 1924 Leningrad heißt. Dann umzingelt die Heeresgruppe Nord mit einer halben Million Soldaten und modernstem Gerät die zweitgrößte Stadt des Riesenreichs, Anfang September 1941 schnappt die Falle zu. Erwartungsfroh reimt Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch: "Die Truppe schreit im Chor: Wir wollen weiter vor."
Doch die Truppe durfte nicht - auf Befehl Adolf Hitlers selbst. Der "Führer" nämlich wollte die symbolträchtige Stadt gar nicht erobern - sondern durch eine Blockade langsam strangulieren und schließlich vernichten. "Kein einziger deutscher Soldat" werde Leningrad betreten, während Luftwaffe und Artillerie es "dem Erdboden gleich" machen sollten, lautete der Befehl des Tyrannen. An der "Erhaltung" der Einwohner, so Hitler verächtlich, bestehe "kein Interesse".
Es war ein Todesurteil ohne Beispiel in der Geschichte. Für dreieinhalb Millionen Menschen innerhalb des Belagerungsrings begann eine "Nacht ohne Ende", wie der US-Autor Harrison Salisbury ihre Leiden in seiner herausragenden Leningrad-Chronik taufte. Auch wenn die deutschen Angreifer ihr Ziel nicht ganz erreichten - die Bilanz war schauerlich. Als die Belagerung nach genau 871 Tagen, am 27. Januar 1944, beendet war, hatten rund 1,1 Millionen Leningrader ihr Leben verloren - verhungert, erfroren, verreckt im Hagel von 100.000 Fliegerbomben. Eine weitere Million Soldaten der Roten Armee starb bei der Verteidigung Leningrads. Zweieinhalb Jahre herrschte an der Newa das Inferno - nie hat eine Stadt Vergleichbares erlitten.
Milben und Ratten im Notdepot
Die von den deutschen Angreifern strategisch geplante Hungerkatastrophe wurde durch Irrtümer und Versäumnisse der Verteidiger noch verschärft. Die Russen rechneten nicht mit der Langzeitbelagerung und verkündeten extreme Notmaßnahmen gegen einen Sturmangriff. Der sollte mit Häusersprengungen, Totalverminung der Stadt und einem Aufstand des hungernden Volks bis zum letzten Mann gestoppt werden. Diese Taktik allerdings zielte ins Leere - und die Aggressoren konnten aus den radikalen Ankündigungen der Sowjetführer sogar noch Kapital schlagen. NS-Chefpropagandist Goebbels, damals noch sehr um das außenpolitische Image des "Dritten Reichs" besorgt, freute sich: Die martialische Kampfansage der Sowjets sei "ein wirksames Alibi" vor der Weltöffentlichkeit, "für das furchtbare Schicksal, das dieser Stadt droht".
Unter Fehlern der eigenen Führung litt auch die Bevorratung. Leningrads Parteisekretär Alexej Schdanow prahlte zwar, die Versorgung seiner Stadt stehe, und er wies sogar die aus Moskau avisierten Zusatzlieferungen zurück. Nach Lesart der Partei stapelten sich Nahrungsvorräte für einen ganzen Monat in den Depots - schon nicht viel angesichts der Bedrohung. Doch ein geheimer Revisionsbericht enthielt vernichtende Befunde aus den Arsenalen: Schimmel auf der Butter, Nässe im Trockenobst, Reis von Milben befallen, Zwiebacksäcke von Ratten zerfetzt. Die eiserne Reserve, so der Bericht, "unterliegt dem Verfall".
Die ersten Bombardements bestätigten dann die Pessimisten. Das Badaew-Depot, wichtigster Lagerplatz am Ort, ging gleich zu Beginn in Flammen auf. Nahrung wurde knapp, unter dem Beschuss fielen schnell auch Strom, Wasser und Verkehrsbetriebe immer länger aus. Dann kam der Winter, früher als sonst: Schon im November herrschten minus 20 Grad.
500 Hinrichtungen wegen Kannibalismus
Von nun an wütete die Katastrophe. Die Brotrationen gingen gegen Null, Menschen aßen Haustiere, Ratten und Zellulose. Hinter den vom Bombendruck entglasten Fenstern drängten sich die Entkräfteten bald bei brutalen 40 Grad Frost. Hunger und Delirium beseitigten bei Vielen alle Hemmungen. Um Lebensmittel wurde jetzt gekämpft, Halbverhungerte stahlen den Sterbenden die Brotmarken, für das Überleben wurde auf offener Straße gemordet. Mit Härte stemmte sich die Verwaltung dagegen, täglich meldete die "Leningradskaja Prawda" Erschießungen von Mördern, Dieben und Schwarzhändlern. Das aber verfing wenig - sogar Kannibalismus breitete sich aus. Über 2000 Fälle von Menschenfleischverzehr wurden behördenkundig, rund 500 der Menschenfresserei Beschuldigte exekutiert.
Es gab Tage, da erfroren und verhungerten 6000 Menschen. Sie fielen einfach um, überall - auf Straßen, Krankenhausfluren, Hinterhöfen. Sanitätstrupps hielten mit der Bergung nicht Schritt. Am Ende der Kräfte schrieb die Schriftstellerin Vra Ketlinskaja in ihrer vereisten Wohnung an dem Roman "Die Belagerung", während ihre Mutter erfroren im Nebenzimmer lag. Die auf Tausenden Kinderschlitten über die Straßen geschleiften Toten stapelten sich auf den Friedhöfen, wo Pioniere Gruben für riesige Massengräber in den betonhart gefrorenen Boden sprengten.
Derweil kämpfte die Stadt um Haltung und Reste von Normalität. Rüstungsbetriebe arbeiteten weiter - sogar Panzer wurden gebaut, direkt aus der Fabrik rollten sie am Verteidigungsring in Stellung. Radio Leningrad machte Alltagsprogramm, Theater und Orchester spielten durch. In der belagerten Stadt begann Dimitrij Schostakowitsch die "Leningrad-Sinfonie" zu komponieren, im Juli 1942 hatte das Stück Premiere vor ausgemergelten Bürgern. Es hieß, der Dirigent Karl Eliasberg, der gerade erst halb verhungert ins Krankenhaus gebracht worden war, habe sich auf einem Kinderschlitten zur Probe seiner Sinfoniker fahren lassen. Und mit umgehängter Gasmaske wurde die verehrte Dichterin Anna Achmatowa zusammen mit Nachbarfrauen beim Nähen von Sandsäcken gesehen.
"Wir haben uns in eine Horde von Bestien verwandelt"
Solche Berichte brauchte die entmutigte Stadt, sichtbare Fortschritte stimmten regelrecht dankbar: Wenn Straßenbahnen nach Bombardements wieder fuhren, wurden sie beklatscht und gestreichelt. Das waren dann gute Nachrichten auch für die Propaganda- und Sicherheitsorgane, die mit dem Unterdrücken der vielen kritischen Stimmen zur Lage mehr zu tun hatten, als ihnen lieb war. Radios wurden konfisziert, Telefone abgeschaltet, Gerüchte strafverfolgt.
Die amtliche Sorge um den Durchhaltegeist der Leningrader war berechtigt. Das erfuhren zuerst die Militärzensoren, die alle Briefe aus dem Kessel lasen und jeden fünften zurückhielten. Statt Kampfespathos kam da die ganze Verzweifelung und Wut auf die Behörden durch. "Wir haben uns in eine Horde von Bestien verwandelt", hieß es etwa, die Straßen seien "Alleen des Todes", klagte einer, einige Briefschreiber plädierten für "Hungerrevolten" und "Volksaufstand", man las sogar, das Volk habe "das Vertrauen in die Sowjetmacht verloren". Überliefert ist auch dieser Zornausbruch der Hausfrau Kornetova: "Unsere Führer haben das Volk dahin gebracht, dass die Menschen die eigenen Kinder töten und verspeisen. Wir Dummköpfe sitzen da und schweigen."
Etwas gemildert wurde das Leid durch kleine Lücken im Ring der Belagerer. Denn total abgeschnitten war Leningrad die ganze Zeit über nicht. Die deutsche Führung hatte 1941 vergebens darauf gebaut, mit Hilfe der verbündeten Finnen Leningrad auch vom Osten her abzuschneiden. Doch die weigerten sich, und so blieb der belagerten Stadt stets ein Zugang zum rund 60 Kilometer entfernten Ladogasee. Über das riesige Binnenmeer, 35-mal größer als der Bodensee, organisierten die Russen auch unter dem Bombenhagel der Luftwaffe Nachschublinien, sogar in den ersten Monaten der höchsten Not.
Lastwagen versinken im Eis
Lastkähne brachten über 25.000 Tonnen Getreide und Fleisch, bis der See im November 1941 einfror. Schnell war die Eisdecke fast zwanzig Zentimeter dick, und nun besorgten Lastwagen den Transport. Bis zu 2500 Tonnen pro Tag wurden über die Eispiste mit dem offiziellen Namen "Militärische Autostraße Nummer 101" herangerollt, kaum geschützt vor deutschen Bombern durch Jagdflieger und Flakbatterien auf dem Eis. Auch als es taute und das Schmelzwasser 40 Zentimeter hoch stand, donnerten die Lkw noch über den See, Dutzende von ihnen brachen ein und versanken. Immerhin gelang es auch noch, mehr als eine Million Menschen über die von den Leningradern "Straße des Lebens" genannte Piste zu evakuieren.
Anfang 1943 - in Stalingrad, am anderen Ende des sowjetischen Imperiums, vollzog sich mit dem Untergang der deutschen 6. Armee gerade die endgültige Kriegswende - erkämpften die Russen von Osten her den ersten schmalen Landkorridor nach Leningrad. Mitte Januar traf der erste Zug in der fast schon erwürgten Stadt ein. Doch die Versorgungssituation blieb weiter prekär. Erst ein volles Jahr später sprengte eine Offensive der Roten Armee den Belagerungsring Ende Januar 1944 restlos. Von den rund 3,5 Millionen Einwohnern Leningrads lebten in der zerstörten Stadt gerade noch 560.000.
"Absondern, erschießen": Erstmals sind alle Akten deutscher...
Zahnärzte und Opernsänger, Lehrer und Schulschwänzer: Die...
Hitlers Streitkräfte waren eine ganz schön bunte Truppe - an...