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1966

Abenteuerurlaub 1966

Reisen wie im Roadmovie


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Peter Münder
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Im Irak: Rudi (l.) und der Autor in Bagdad

Mit dem Auto in sechs Tagen nach Teheran? Die Tour, zu der Peter Münder 1966 von Hamburg aus aufbrach, sollte das Abenteuer seines Lebens werden. Wurde es auch - denn der geplante Kurztrip geriet zur dreimonatigen Wahnsinns-Odyssee quer durch Asien.


Mit sechs gebrauchten Peugeot und Mercedes sollte es im Konvoi von Hamburg nach Teheran gehen. Maximal sechs Tage sollte der 6000-Kilometer-Trip dauern, meinte der gutgelaunte iranische Autohändler Hussein, der sich offenbar schon auf eine schöne Rendite freute. Denn die gebrauchten Peugeot 504 und Mercedes 190er und 220er konnte er mit rund dreihundert Prozent Gewinn in Teheran verkaufen. Allerdings würden in einer Woche neue Zollgesetze mit viel höheren Einfuhrzöllen in Kraft treten, daher müssten wir nun kräftig auf die Tube drücken. Schlafen könne man ja im Auto, meinte Hussein, denn an den Grenzen, besonders bei den Türken, würde man ohnehin viel Zeit verplempern.

Das war im März 1966, im Iran hockte noch der despotische Schah auf dem Pfauenthron, seine exklusive Gespielin Soraya fand sich alle zwei Wochen auf den Titelseiten der Yellow Press wieder. Ajatollah Khomeini kehrte erst 1979 aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück und übernahm dann die Macht.

Auf die Persien-Tour hatte ein Anschlag am Schwarzen Brett der Mensa hingewiesen. Kein Honorar für den Fahrer, aber alle Kosten für Unterkunft, Sprit und Verpflegung würden übernommen. Einziger Haken bei der Tour: Der Name des Fahrers musste an der persischen Grenze in den Pass eingetragen werden und wurde erst beim Verkauf in Teheran wieder gelöscht. So wollte man die Hinterziehung des Importzolls vermeiden. Ausreisen konnte man nur mit diesem Löschvermerk - diesen zu bekommen, könnte allerdings ein paar Tage dauern, erklärte Hussein. Aber normalerweise würden die eingeführten Autos alle schnell verkauft.

"Kommen wir so überhaupt bis nach Hannover?"

"Erstmal müssen wir aber noch zwei Autos kaufen", meinte Hussein, "du kannst gleich mitkommen und einen Wagen fahren". Beim Autohändler sahen wir kurz unter die Haube einiger Wagen, dann wühlte Hussein in seinen Hosentaschen, legte dem Händler nach längerer Feilscherei 8500 Mark für einen neun Jahren alten, roten 220er und einen acht Jahre alten, grauen 190er Benz auf den Tresen, nahm Schlüssel und Papiere. Und nach dem Anschrauben der Export-Zollschilder konnte es losgehen.

Beim Auftanken trafen wir den Rest der Truppe. Einige Perser, offenbar Husseins Großfamilie, und zwei blonde deutsche Frauen, die mit Husseins Bruder und einem Cousin liiert waren. Sie klärten mich schnell über die orientalischen Chaoten auf, die kaum etwas organisieren oder richtig planen könnten: "Guck doch mal nach dem Ölstand!", meinte die eine grinsend, "da ist bestimmt kaum noch ein Tropfen zu finden. Und so wollen die nach Teheran düsen!" Der Blick auf den Ölstab ließ tatsächlich nichts Gutes ahnen: Weit unter dem Minimum zeigte er an. "Kommen wir so überhaupt bis Hannover?", ging es mir durch den Kopf.

Über solche Befürchtungen ging Hussein großmütig hinweg. Nach dem Höllentrip über den dreispurigen jugoslawischen Autoput wäre der Rest ein Kinderspiel, erklärte er mir stattdessen. Auf der Autoput-Mittelspur würde man nämlich in beiden Richtungen überholen und täglich reichlich Schrott produzieren, der dann zur Abschreckung mit Warnschildern am Straßenrand aufgebaut wurde. Nach Ankara, Erzurum und Täbris wäre man dann schon auf der heimischen Schlussetappe. Allerdings würden in den Bergen hinter Täbris noch viele Lkws verunglücken und unten in abgelegenen Schluchten landen, wo dann ihre Fracht herumliege: "Viele Fahrer schlafen nämlich auf den letzten Kilometern vor Teheran wegen totaler Übermüdung nach tagelangen Nonstop-Fahrten ein", erklärte er mir, "pass bloß auf, dass dir das nicht auch passiert!"

Bakschisch für die Grenzer

Mit Schlafsack und Rucksack auf dem Rücksitz und der Hand auf der etwas hakeligen Lenkradschaltung mit dem elfenbeinfarbenen Griff war die Welt im schnieken Benz in Ordnung. Ich fühlte mich zwar nicht als Herrenfahrer, aber doch als so eine Art King of the Road. Das war schon etwas anderes als der lahme 180er-Diesel-Trecker meines Vaters (50 PS, 110 km/h Spitze)!

In München stießen zwei Bayern zu unserem Treck. Rudi, ein sympathischer Politologie-Student und Rainer, ein großer, schlaksiger Taxifahrer. Sie übernahmen einen 190er und einen 220er Mercedes. Bis zur österreichischen Grenze lief alles reibungslos ab, doch dann begann ein chaotisches Gewühle in Kofferräumen, ein hektisches Diskutieren zwischen Hussein und seiner persischen Verwandtschaft mit anschließendem Fahrerwechsel. Ich stieg um in einen der Peugots. Nach der Zollkontrolle, die sich nur auf einen flüchtigen Blick in den Kofferraum beschränkte, konnten wir wieder in unsere ursprünglichen Vehikel zurück. Was das sollte, war rätselhaft, wollten die Perser irgendwelche Schmuggelaktivitäten verschleiern?

Wie aus einem Karl May-Schmöker mutete dann das Wheeling und Dealing an der türkischen Grenze an. Tabletts mit kleinen Teegläsern, in ruhigen Ecken auch Wasserpfeifen, dazu die "Bakschisch"-Rufe - jetzt waren wir tatsächlich im Orient.

Die Grenzer wollten Bakschisch - also Geschenke -, kleine Jungs, die als Boten zwischen den Dienststellen mit den Pässen herumwieselten, erwarteten Bakschisch und Hiwis, die das Prozedere der Kontrollen erklärten und Gepäck zur Kontrolle schleppten, wollten ebenfalls Bakschisch. Nebenher erfuhr man, dass Nyltesthemden und Blue Jeans in der Türkei sehr begehrt waren. Andere deutsche Fahrer erklärten uns, dass sie ihre längeren Trips komplett mit dem Verkauf von Jeans und den schweißtreibenden Kunststoffhemden finanzierten. So stellte sich der Orient als großer rollender Basar dar.

Impfung mit verdreckter Spritze

Dann ging es weiter. Die kalten Nächte im Auto, wenn wir uns während der anstrengenden Nachfahrten für drei oder vier Stunden auf den Liegesitzen zusammenrollten, waren trotz dickem Daunenschlafsack kaum zu ertragen. Nach täglich rund achtzehn Stunden am Steuer ging die Fahrt auch im Schlaf weiter. Im Traum zuckten grelle Scheinwerfer, stampfte ich verzweifelt bei wahnwitzigen Überholmanövern aufs Gaspedal oder auf die Bremse und zuckte mit dem rechten Arm rauf und runter - das war die Lenkradschaltung.

In Istanbul mussten wir Pausen einlegen, um Visa für den Iran und die erforderlichen Cholera- und Gelbfieber-Impfungen zu besorgen. Wir fanden einen Arzt, der verstaubte, verdreckte Spritzen unter einem alten Sofa hervorklaubte und sie uns in den Arm jagte. Dieses unorthodoxe Verfahren hielten wir für aufregend und waren begeistert. Leider wurde Rainer dann in Teheran von hohem Fieber heimgesucht, musste vorzeitig nach München ausgeflogen werden und konnte nur knapp dem Exitus entkommen.

Immerhin hatte uns Kamikaze-Fahrer Rainer zuvor noch nach einem selbstverschuldeten Unfall und einer mehrtägigen Autoreparatur, dazu verholfen ganz in Ruhe die Perle am Bosporus anzuschauen. Die Hobbyfischer an der Galata-Brücke, die in ihren kleinen Booten die Angeln auswarfen und den gefangenen Fisch sofort brieten, all die Buden mit Bratspießen und viel zu süßen Zuckerwaren, dazu die einlullende Musik und der herrliche Blick aufs Topkapi und diverse Moscheen - es war eine absolut überwältigende Atmosphäre. Und die Einladungen zum Tee und zum Schmauchen einer Wasserpfeife kamen von allen Seiten. Denn wir waren irgendwie überall Nutznießer eines Deutschen-Bonus: Die meisten Türken hatten einen Job im Ruhrgebiet und waren meist begeistert von ihren Erfahrungen in der BRD.

Passkontrolle gegen Johnny Walker

Schon zehn Kilometer vor Bazargan, dem Grenzübergang zum Iran, war der Mega-Stau wartender Lkw und Pkw unübersehbar. Wir bretterten an dieser Warteschlange vorbei und marschierten zur Passkontrolle direkt zum obersten Zollchef. "Manchmal warten die Fahrer hier drei oder vier Tage, aber dazu habe ich keine Lust", meinte Hussein und griff lässig nach einem Karton mit mehreren Flaschen "Johnny Walker" und einigen Stangen Marlboro, die er sich noch in Istanbul besorgt hatte. Diese Präsente stellte er dem Herrn der Grenzer auf den Schreibtisch, parlierte kurz mit ihm und schüttelte ihm freundlich die Hand. Der Chef selbst knallte uns die Stempel in die Pässe, bemühte sich sogar aus seinem Büro und kam zu unseren Konvoi. "Go!" ermunterte er uns, "you can go!" Das war die schnellste und reibungsloseste Grenzabfertigung während des gesamten Trips. In Teheran war die Fahrt mit Hussein dann vorbei, nun galt es nur noch darauf zu warten, dass der Wagen verkauft wurde und ich einen Freistempel in meinen Pass bekam.

Dieser Stempel im Pass war dann nach vielen frustrierenden Tagen der ersehnte Startschuss für den eigentlichen Orient-Trip - mit Rudi über Kabul, Lahore, Delhi nach Katmandu. Immer aufregend und spannend, aber trotz der Besichtigung von Taj Mahal, den Buddhas in Bamian und dem roten Fort in Delhi sowie diverser indischer Tempel kein Bildungsbürger-Programm.

Zwar verlief kaum ein Tag ohne Unfall, aber gefährliche Situationen gab es nur wenige. Vielleicht braucht man ein naives Urvertrauen, um sich wochenlang mit wildfremden Einheimischen, die man nicht versteht, in entlegenen Gebirgsregionen des Hindukusch zu bewegen und mit vierzig oder fünfzig Menschen in großen Karawansereien auf Bastpritschen zu übernachten.

Ein Irrer auf dem Autodach

Die stärksten Erlebnisse während meiner Reise ergaben sich zweifellos während der zwei Wochen, die ich mit dem Amerikaner Michael und einigen Afghanen auf der Pritsche eines kleinen Lkw auf der Nordroute um Mazaar-i-Sharif verbrachte. Die zehn- oder zwölfstündigen Tagesetappen brachten uns meistens nur fünf oder sechs Kilometer weiter, weil es in den steilen Bergen keine richtigen Straßen gab und die Wege völlig aufgeweicht waren. Oft mussten wir nach der Schneeschmelze den im Matsch steckenden Laster wieder mit einem Seil aufs Trockene ziehen.

Michael kam aus Colorado. Ich hatte ihn nicht weit von der persischen Grenze an einer einsamen Tankstelle getroffen. Er hatte in fünf Tagen ein kleines Fiat 128-Coupe von München nach Teheran überführt, hatte aber große Probleme mit dem persischen Autobesitzer, der ihm das vereinbarte Honorar von zweihundert Dollar nicht zahlen wollte. Michael trug Cowboystiefel mit sehr robusten Hacken, sie schienen direkt aus einem Western zu stammen. Und die setzte er dann auch gnadenlos ein, als wir uns im Hof des Teheraner Zollamtes noch einmal mit dem Perser trafen. Als der sich wieder weigerte, die Dollars rauszurücken, sprang Michael aufs Dach des Fiat, stieß wüste "Fucking Bastard!"-Flüche aus und hackte mit dem Stiefelabsatz ein Loch ins Blech des roten Vehikels. So rückte der völlig paralysierte Perser doch noch anstandslos das Geld heraus und wir konnten uns endlich von der trostlosen Ami-Kabir-Absteige in Teheran verabschieden und den Hindukusch unsicher machen.

Als wir schließlich nach etlichen Umwegen im angeblich so traumhaften Hippie-Trail-Endziel Katmandu angekommen waren, entpuppte sich dies als Total-Flop. Bei strömendem Regen hockten wir im verqualmten Keller eines Coffee Shops und überlegten, wie man den Verkauf des Ford Transit beschleunigen könnte, den ein paar Mediziner, die ich Unterwegs getroffen hatte nach der Übergabe einiger Kisten mit gespendeten deutschen Medikamenten im Central Hospital nun durchziehen wollten. Wir waren alle zur Beobachtung einer Schilddrüsen-Operation eingeladen worden, bei der einem Einheimischen ein Kropf entfernt wurde. Das jodarme Wasser in Nepal führt zur Kropfbildung, die äußerst verbreitet ist. Als das Blut schon beim ersten Einschnitt im großen Schwall aus dem Hals des Patienten strömte, wurde ich ohnmächtig und musste aus dem OP-Saal getragen werden.

Zweifellos war es ein Highlight, diese Mediziner aus Münster beim Verarzten kranker, dankbarer Patienten auf dem Weg durch Pakistan und Indien zu erleben. Aber nach wochenlangem Herumhängen in Teheran hatte ich keine Lust mehr, hier nun wieder auf Autokäufer zu warten und mit irgendwelchen Bürokraten vom Zoll zu verhandeln. Die ganze Dealer-Mischpoke konnte mir jetzt gestohlen bleiben! So nahm ich am nächsten Tag einen Flieger nach Delhi und rauschte mit einer komfortablen Lufthansa-Maschine sofort nach Hamburg zurück. Aus dem Sechstage-Trip nach Teheran war ein dreimonatiger Asien-Turn geworden.



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Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
peter münder am 2. Februar 2009, 12:45
Liebe Leser und Teheran-Fahrer a.D., vielen Dank für die spannenden Anekdoten und die Hinweise auf Automodelle und nicht übereinstimmende Jahreszahlen in meinem Text! Das...

Rainer Schinzel am 2. Februar 2009, 10:11
Ein sehr interessanter Beitrag! Wir hätten uns damals wohl fast getroffen ;-) Im Frühsommer bis Herbst 1966 war ich ebenfalls unterwegs, bis Teheran mit einem persischen...


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