| Waffennarr Wilson: Der texanische Kongressabgeordnete Charles Wilson posiert im Oktober 1988 mit einem britischen Enfield-Gewehr in seinem Büro in Washington D.C. Als Mitglied des Budgetausschusses des amerikanischen Senats sorgte er in den achtziger Jahren für die Bereitstellung enormer Geldmengen, mit denen die afghanischen Mudschahidin in ihrem Kampf gegen die sowjetischen Truppen mit Waffen ausgerüstet werden konnten. |
Die Sowjets schickten ihre Armee, die USA einen Kongressabgeordneten unter Koksverdacht: Vor 20 Jahren zog die UdSSR nach langem, erfolglosen Feldzug aus Afghanistan ab. Die zähen Mudschahidin hatten die Weltmacht bezwungen - mit der Hilfe eines amerikanischen Partypolitikers auf geheimer Mission. Von Gregor Schmitz
Der Mann mit dem langen Bart und dem Turban stutzte, als er im Januar 1984 die luxuriöse Suite des Pearl Intercontinental Hotel im pakistanischen Peshawar betrat. Denn im Raum wartete lächelnd: "Snowflake", mit richtigem Namen Cynthia Gale Watson, eine Ex-Schönheitskönigin. Die hatte sich extra einen rosa Overall übergeworfen, züchtig, wie sie fand - aber für den strenggläubigen Gulbuddin Hekmatyar, so der Name des Turban-Mannes, war sie so gut wie nackt. Hekmatyar war bekannt dafür, Frauen, die sich nicht völlig verschleiert auf die Straße trauten, Säure ins Gesicht spritzen zu lassen.
Aber jetzt rang er sich ein Lächeln ab. Denn schließlich saß neben Schneeflocke deren Reise-Begleiter: der Kongressabgeordnete Charlie Wilson aus Texas. Der US-Politiker wollte unbedingt mit Hekmatyar sprechen, weil der im Aufstand gegen die Sowjets, die im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert waren, als besonders wirkungsvoller Russengegner galt. Und Hekmatyar wollte mit Wilson sprechen, weil seine Mudschahidin im Kampf gegen die Sowjet-Invasoren dringend Waffen brauchten.
So kam der Amerikaner gleich zur Sache: Ob sich Hekmatyar vorstellen könne, Waffen zu übernehmen, die Washington den Israelis abkaufe? Hekmatyar dachte an die Waffen, er schien den Whiskey zu vergessen, den Wilson trank, den weit geöffneten Reißverschluss von Snowflakes' Overall. Er sagte: "Allah hat viele mysteriöse Wege, für seine Gläubigen zu sorgen."
Weißes Pulver und rote Fingernägel
Eine Szene wie aus einem Drehbuch - doch als originalgetreu nachzulesen in der vorzüglichen Biographie "Charlie Wilson's War" von George Crile. Die spektakuläre Geschichte, wie Kongress-Hinterbänkler Wilson fast im Alleingang den afghanischen Widerstandskämpfern Milliarden Dollar in Waffen und Geld zuschanzte und so zum erniedrigenden Abzug der Sowjets am 15. Februar 1989 maßgeblich beitrug, schlägt jede Leinwandphantasie bei weitem. Als Charlie Wilsons einsamer Kampf 2007 endlich aich ins Kino kam, mit Tom Hanks und Julia Roberts, hielten viele den Film für eine Hollywood-Übertreibung. Wilson sah das anders: "Sie mussten so viele guten Geschichten weglassen."
Denn folgt man dem Urteil vieler Historiker, dass das Debakel der Russen in Afghanistan das Ende des Sowjetreiches einleitete, und dass dafür vor allem die Aufrüstung der Mudschahidin durch die CIA in den achtziger Jahren verantwortlich war - dann hängt der Mantel der Geschichte plötzlich über den Schultern des einfachen texanischen Kongressabgeordneten Wilson. Eines Politikers, dessen Spitzname in Washington "Good Times Charlie" war und der auf Trips ins Kampfgebiet am Hindukusch am liebsten flotte Schönheiten wie "Snowflake" mitnahm. Der wegen Kokain mit Showgirls im Whirlpool der "Fantasy Suite" in Las Vegas ein Ermittlungsverfahren am Hals hatte - und nachdem die Anklage platzte, aus Mangel an Beweisen, erst einmal eine Riesenparty schmiss. Später erzählte er jedem: "Da waren diese roten Fingernägel unter meiner Nase, und ob ich nun das weiße Zeug inhaliert habe oder nicht, das sage ich nicht."
Doch ebendieser Lebemann las im Sommer 1980 eine Zeitungsmeldung über die afghanischen Widerstandskämpfer, die mit Steinzeitwaffen gegen die übermächtigen sowjetischen Invasoren kämpften - aber dennoch nie aufgaben. Wilson, politisch links in sozialen Fragen, aber ein überzeugter Kalter Krieger, war gerade ein Mitglied des mächtigen Verteidigungs-Budgetausschusses im Washingtoner US-Kongress geworden. Der verwaltete auch Gelder für geheime CIA-Aktionen. Der Demokrat rief den zuständigen Mitarbeiter an, ist in Wilsons Biographie nachzulesen. Wie viel denn die wackeren Widerstandskämpfer von den Amis im Jahr bekommen würden? 5 Millionen Dollar, war die Antwort. Verdoppele es, bellte Wilson, ohne jede Ermächtigung.
Stinger-Raketen für die Turbanträger
Die Ausgabe jubelte er seinen Kollegen im Ausschuss später unter, wie bald viele andere - mit dem Argument, Afghanistan sei der einzige Ort, an dem Amerikaner Russen töten könnten. Rasch wuchs die US-Hilfe auf 50 Millionen, auf 200 Millionen, auf 500 Millionen Dollar. Wilson überzeugte die Saudis, auf jeden Dollar, den er heranschaffte, noch einen draufzulegen. Ab 1986 konnten sich die afghanischen Kämpfer so sogar Stinger-Raketen leisten, die sowjetische Hubschrauber vom Himmeln pflückten. Wilson: "Als ich die sah, wusste ich, es ist bald vorbei für die Russen."
"Wir hatten alle keine Ahnung, was er tat", sagt Steve Gunderson, der bis 1996 den US-Bundesstaat Wisconsin im Kongress vertrat. "Wir wussten nur, dass er dieses ungewöhnliche Interesse an Afghanistan hatte." Was Wilson dort tat, sollten auch nur ganz wenige wissen. Die CIA-Hilfszahlungen wurden in den endlosen Zahlenkolonnen des US-Budgets geschickt verborgen: hier ein paar Millionen, dort ein paar. "Der gewöhnliche Abgeordnete liest so etwas gar nicht", sagt Gunderson.
Etwaiges Misstrauen wurde ohnehin vom schillernden Privatleben Wilsons überdeckt. "Er war eine einzigartige Persönlichkeit", grinst Gunderson. 1972 ergatterte Wilson, der zuvor auf der Militärakademie vor allem Verweise sammelte, im erzkonservativen Texas als liberaler Demokrat einen Wahlkreis. Den verteidigte er 24 Jahre lang, und genoss jede Sekunde davon. Er scharrte in seinem Büro als Mitarbeiterinnen die "Charlie's Angels" um sich, langbeinige Grazien, die er nach klaren Kriterien auswählte: "Man kann ihnen beibringen, wie man tippen soll, aber man kann ihnen nicht beibringen, große Brüste zu haben." In seiner Junggesellenbude mit Spiegeln und einem Whirlpool mitten im Schlafzimmer feierte Wilson wilde Partys. "Meine Wähler wissen, dass sie keinen Mönch mit Verstopfung wählen", sagte er. Und sie wählten ihn immer wieder.
"Wir haben die Russen ordentlich verkloppt"
Von Afghanistan erzählte er seinen Wählern freilich selten, und ob sie heute noch so glücklich wären über die Aktivitäten ihres Charlie dort, scheint fraglich. "Wir haben die Russen ordentlich verkloppt in Afghanistan", resümiert der Kalte Krieger Wilson zwar nach wie vor in Interviews zufrieden: "Das war einer der Gründe für das Ende des Reichs des Bösen. Wer hätte gedacht, dass das klappt, ohne dass ein amerikanischer Soldat sein Blut vergießen muss?"
Doch längst läuft die Debatte, ob der Preis zu hoch war. Ein paar Jahre nach dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan zersplitterte das Land heillos - und aus Amerikas Freunden wurden bald Todfeinde. So wie Gulbuddin Hekmatyar, den Wilson mit Schneeflocke aufsuchte - heute als weltweit gesuchter Top-Terrorist Treffen mit mit Al-Qaida-Leuten organisiert.
Zwar sind die Waffen, die Wilson und die CIA einst nach Afghanistan schleuste, längst veraltet. Doch die Bewaffnung einer ganzen Generation bereitete den Boden für die Radikalisierung im Land und den Aufstieg islamischer Extremisten, glauben viele Experten. Wilson, ist zu lesen, soll nach den Anschlägen vom 11. September - als er schon als Lobbyist in Washington arbeitete, unter anderem für die pakistanische Botschaft - erschrocken ausgerufen haben, die Attentäter kämen ja aus seinen Bergen.
Ein Kater für Amerika
Aber zu langen Selbstzweifeln hat die Erkenntnis bei Wilson wohl nicht geführt - wiewohl zu seiner Ehrenrettung angemerkt werden muss, dass er stets für mehr Wiederaufbauhilfe der USA in Afghanistan nach dem Abzug der Russen plädiert hatte. Doch seine Mission ein Fehler? "Wer zum Teufel hatte damals von den Taliban gehört?", lässt sich Wilson lapidar zitieren.
Die traurige Entwicklung in Afghanistan dürfte ihm allerdings den dauerhaften Ruhm verhageln. Am 20. Jahrestag des Rückzugs der Sowjets knallen in der US-Hauptstadt nämlich keine Korken mehr. Die Weltmacht ist längst selbst tief verstrickt in ein Afghanistan-Schlamassel und fürchtet ein ähnliches Debakel, wie es einst Moskau erlebte. Wilson, inzwischen 75 Jahre alt, lebt im fernen Texas zurückgezogen mit zweitem Herz und zweiter Frau. Freunde erzählen, um seine Gesundheit sei es schlecht bestellt. Vögel füttert der einstige Kommunistenfresser nun gerne. Aber wer weiß, vielleicht gönnt sich der pensionierte Partykönig ein paar Drinks zum 20. Jahrestag des sowjetischen Abzuges. Trotz schwachen Herzens - und obwohl längst nicht mehr klar ist, ob nicht auch die USA von Charlie Wilsons wildem Krieg am Hindukusch einen schweren Kater davongetragen haben.
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