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| Der Dalai Lama im Exil: Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, in einer Aufnahme von 1969. Zehn Jahre zuvor war er vor den chinesischen Besatzern nach Indien geflohen. |
Ein ganzes Volk für den Dalai Lama: Vor 50 Jahren rebellierten die Tibeter gegen die Besatzer aus China. Mao nutze den Aufstand, um das Land endgültig zu unterwerfen. Doch der Dalai Lama entkam - verkleidet gelang dem Symbol des freien Tibet eine abenteuerliche Flucht über den Himalaja. Von Andreas Hilmer
Jörg Hartmann
8. Mrz 2009, 09:29
Typisch SPON: In Bezug auf Katolizismus und "Schöpfung" einen auf...
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Die chinesischen Generäle luden zur Tanzvorführung mit Tee. Ihrem Gast bedeuteten sie höflich aber bestimmt, doch bitte alleine zu erscheinen. Die Entourage des Dalai Lama samt der 25 bewaffneten Leibwächter möge vor der Steinbrücke zum chinesischen Hauptquartier vor den Toren Lhasas warten. Wie ein Lauffeuer machte das durchsichtige Manöver des ungeliebten Riesennachbarn, dessen Armee seit 1951 im Land stand, am 5. März 1959 in der Hauptstadt die Runde: Der Dalai Lama, religiöses und politisches Oberhaupt der Tibeter, das vom Volk geliebte "Wunsch-erfüllende Juwel", war offenbar in höchster Gefahr.
Gerüchte von Verrat und Besatzung machten in den folgenden Tagen die Runde in den engen Straßen rund um Lhasas berühmten Jokhang-Tempel. Durchziehende Nomaden tuschelten von Zehntausenden chinesischen Soldaten draußen vor den Toren. Pilger warfen sich verzweifelt in den Staub und murmelten unentwegt heilige Mantras, um die Heimat zu schützen. Alles strömte zum Palast des Dalai Lama.
Am 10. März war die Stimmung in Lhasa auf dem Siedepunkt. Etwa 30.000 Menschen hatten sich an den Mauern des flachen Sommerpalastes Norbulinka versammelt. Alle wollten die befürchtete Entführung ihres Oberhaupts vereiteln, waren bereit, ihren Gottkönig mit dem eigenen Leben zu schützen. Während Mönche die Götter um Schutz anriefen, rösteten Frauen Tsampa-Gerstenmehl zur Stärkung der Wachen an den Barrikaden. Das tiefgläubige buddhistische Volk war uneins über die Anwendung von Gewalt. Und doch flogen bald Steine gegen China-freundliche tibetische Minister; ein hoher Beamter, der chinesische Kleidung trug, wurde von der Menge gelyncht.
Der Dalai Lama in der Falle
Gefangen in seinem eigenen Palast erlebte der junge Dalai Lama, gerade 23 Jahre alt, seine schwersten Stunden. Im Licht von Hunderten Butterlampen, umgeben von den mächtigen, greisen Mönchen des alten Tibet meditierte er über einen Weg aus der Krise. Doch er saß in einer moralischen Falle ohne Lösung: Bliebe er, würde es Gewalt geben. Wenn er ginge - ebenso. Draußen wurde derweil in Flugblättern offen zum Kampf gegen die Invasoren aufgerufen. Waffen waren in aller Eile aus Indien herangeschafft worden.
Der Konflikt gärte schon länger. Im Oktober 1950 hatten chinesische Soldaten in der Region Kham erstmals tibetischen Boden besetzt. Maos gerade gegründete Volksrepublik nannte den Einmarsch "friedliche Befreiung" und "Wiedervereinigung mit dem Mutterland". In einem fragwürdigen "17-Punkte-Abkommen" sagte Peking 1951 Religionsfreiheit zu, die Klöster und der Dalai Lama sollten nicht angetastet werden. Doch noch im gleichen Jahr waren 3000 chinesische Soldaten in der Hauptstadt Lhasa eingezogen - und die meisten Tibeter begannen zu ahnen, dass Peking sich ihr Land einverleiben, ihre buddhistische Kultur zerstören wollte.
Mehrmals war der Dalai Lama Mitte der fünfziger Jahre nach Peking gereist, um mit Mao persönlich über die Zukunft Tibets zu verhandeln. "Sie haben eine große Geschichte, vor langer Zeit haben Sie sogar weite Teile Chinas erobert", schmeichelte Mao, um dann zu drohen: "Aber jetzt sind Sie im Rückstand, und wir wollen Ihnen helfen."
Die Chinesen schaffen Fakten
In Tibet schufen die Chinesen derweil Fakten: Klöster wurden enteignet, Landreformen mit Gewalt durchgesetzt, ganze Regionen "Korrekturen und Umerziehungsmaßnahmen" unterzogen. Die chinesische Politik trieb Tausende Tibeter in den Untergrund. In kleinen Gruppen und schlecht ausgerüstet kämpften in den folgenden Jahren gerade einmal 8000 Tibeter gegen 40.000 Soldaten der chinesischen "Volksbefreiungsarmee" - etwa die sagenumwobene tibetische Untergrundarmee "Chusi Gangdrung". Einige der Kämpfer wurden sogar in Amerika ausgebildet, aus US-Flugzeugen Waffen für die Rebellen abgeworfen. 1956 kontrollierten Freischärler wieder weite Gebiete Osttibets.
Mao aber brauchte Tibet: Zunächst als unüberwindliche Bergfestung gegen Indien, dann als Aufmarschgebiet für Atomwaffen, später als Lebensraum für sein Milliardenvolk und als Rohstofflieferant. Also musste Tibet chinesisch werden, um jeden Preis. Den Buddhismus wollte er ohnehin ausradieren. "Die tibetischen Probleme sind mit Gewalt zu lösen", telegrafierte der "Große Vorsitzende" in den aufregenden Märztagen 1959 nach Lhasa - es war das offizielle Papier zur Eskalation.
Am 10. März 1959, als die Menschenmenge den Norbulinka-Palast umringte, hatten sowohl die tibetische Regierung als auch die chinesischen Besatzer längst die Kontrolle über die Stadt verloren. Per Lautsprecher forderten Volksarmisten die Tibeter auf, nach Hause zu gehen. Sogar zwei Mörsergranaten gingen am Palastgarten nieder. Aber niemand rührte sich - auf keinen Fall durfte der Dalai Lama den Chinesen in die Hände fallen.
Flucht im Boot aus Yakfell
Sieben Tage später fiel die Entscheidung. In Lhasa war es dunkle Nacht, als der Dalai Lama am 17. März 1959 um kurz vor 22 Uhr seine rote Mönchsrobe auszog und stattdessen eine weite schwarze Hose und einen dunklen Mantel überstreifte. Den Schutzgottheiten auf seinem persönlichen Altar hatte er weiße Glücksschleifen umgelegt - Zeichen für Abschied, aber auch für Wiederkehr. Ohne Aufsehen wollte das Oberhaupt der Tibeter fliehen und mit dem Gang ins Exil einen blutigen Verteidigungskampf in den Straßen von Lhasa verhindern.
Unerkannt bahnten sich der verkleidete Dalai Lama und vier Begleiter einen Weg durch die aufgeheizte Menge, die inzwischen auf fast 300.000 Menschen angeschwollen war. Im Schutze der Dunkelheit und mitten in einem Sandsturm verließ die kleine Gruppe heimlich Lhasa. Auf Trittsteinen ging es durch Bäche, mit einem winzigen Boot aus Yakfell über den mächtigen Kyichu-Fluss. Zu Fuß, zu Pferd, immer weiter, meist in der Nacht. Die Flucht war von Freischärlern gut organisiert und bewacht. Unterwegs stießen Minister, hohe Mönche, Leibwächter und Familienmitglieder des Dalai Lama zu der Gruppe.
Erst zwei Tage später sprach sich die Flucht des Dalai Lama vor dem Palast in Lhasa herum - die Folge war Chaos. Brutal griff die düpierte chinesische Armee jetzt gegen die Tibeter durch, tagelang überzog sie Lhasa mit Zerstörung und Gewalt. Allein zwischen dem 20. und 22. März 1959 starben rund zehntausend Tibeter bei Gefechten und Bombardements von Häusern und Klöstern; organisierter Widerstand brach im Feuer der chinesischen Soldaten schnell zusammen.
"Dann haben wir die Schlacht verloren"
Der Dalai Lama überquerte derweil mit 37 Getreuen im Schneegestöber den Sabo-La-Pass, das letzte Hindernis in Richtung Indien. Noch auf tibetischem Boden widerrief er auf einer improvisierten Versammlung in der Siedlung Lhüntse das berüchtigte 17-Punkte-Abkommen mit China von 1951, welches Tibet der Volksrepublik zugeschlagen hatte. Im fernen Peking soll Mao auf die Nachricht von der Flucht des Dalai Lama gesagt haben: "Dann haben wir die Schlacht verloren."
Am 30. März 1959 erreichte der Tross des Dalai Lama Indien. Dessen Regierungschef Nehru nahm die Flüchtlinge freundlich auf; bei Dharamsala am Fuße des Himalaja stellte er ihnen ein Stück Land zur Verfügung. Dort entstand über die Jahre eine kleine, funktionierende Demokratie, denn auf der Flucht vor Pekings Knute folgten Zehntausende Tibeter ihrem Oberhaupt dorthin ins Exil. Auch der Dalai Lama, inzwischen 73, lebt noch immer dort, ganz in der Nähe der tibetischen Grenze. Seine Heimat wiedergesehen hat er seit seiner dramatischen Flucht vor 50 Jahren nicht.




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