| Szene aus "Jadup und Boel": Jadup (Kurt Böwe) ist der angesehene Bürgermeister einer DDR-Kleinstadt, dem die Eröffnung der neuen Kaufhalle obliegt. Doch ein Ereignis versetzt den selbstbewussten, routinierten Politiker in Unruhe: Beim Einsturz eines alten Hauses ist ein Buch zum Vorschein gekommen, das er kurz nach Ende des Krieges dem Mädchen Boel (Katrin Knappe) geschenkt hatte. Durch das Buch werden alte Gerüchte lebendig. Regisseur Rainer Simon drehte den Spielfilm 1980/1981 in der Altmark. Vorlage war der Roman "Jadup" von Paul Kanut Schäfer, der in der Kleinstadt Seehausen spielt - in Buch und Film "Wickenhausen" genannt. |
Eigentlich hätte es ihn gar nicht geben dürfen: 20 Jahre nach dem Fall der Mauer kommt Rainer Simons Spielfilm "Jadup und Boel" noch einmal in die Kinos. Es ist der letzte DDR-Streifen, der nach seiner Fertigstellung weggeschlossen wurde - dabei ist allein schon die Geschichte des Verbots filmreif. Von Solveig Grothe
"Für mich war es eine sensationelle Chance: Ich war noch keine 25 Jahre alt und würde meinen ersten Spielfilm beginnen." Der junge Regiestudent Rainer Simon war euphorisch. 1965 hatte er sein erstes Drehbuch geschrieben, noch im selben Jahr war es vom Filmstudio der DDR, der DEFA, angenommen worden. Normalerweise mussten Absolventen der DDR-Filmhochschule erst mehrere Jahre als Assistenten arbeiten, bevor Vergleichbares geschah. Doch Simons Adaption des Jugendromans "Die Moral der Banditen" von Horst Bastian schien gelungen, eine Geschichte über eine Jugendbande, die sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Gegenwart und den Nachwirkungen des Faschismus auseinandersetzen muss.
Als im Dezember die Probeaufnahmen beginnen sollten, empfing ihn der Produktionsleiter früh im Studio. Er teilte Simon mit, dass er alle Schauspieler ausgeladen habe. Die Proben seien abgesetzt. In Berlin war gerade das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED zu Ende gegangen.
Den Künstlern in der DDR sollte dieses Ereignis als Kahlschlag in Erinnerung bleiben. Die politische Lage hatte sich geändert: In der Sowjetunion hatte Leonid Breschnew 1964 den entmachteten reformfreudigen Nikita Chruschtschow als Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei abgelöst, und die von der KPdSU vorgegebene politische Linie hatte unmittelbare Auswirkungen auf den SED-Staat: Die DDR-Führung beendete die kurze Episode der Liberalisierung ihrer Wirtschafts- und Kulturpolitik seit 1963.
Künstler bekamen das zu spüren: Zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen wurden verboten. Fast die komplette Jahresproduktion der DEFA, rund ein Dutzend Filme, verschwand in den Archiven. Es traf auch Simon: Wohl weil die Verantwortlichen schon genug Ärger wegen bereits gedrehter Filme hatten, wollten sie sich nicht mit noch gar nicht realisierten Projekten gefährden. "Mit dem 11. Plenum änderte sich das ganze Zensursystem", sagt der Filmhistoriker Claus Löser. "Danach war es unmöglich, dass gesellschaftskritische Drehbücher überhaupt geschrieben wurden." Mit einer Ausnahme.
"Das ist 'ne Bombe"
Nach seinem traumatischen Start als verhinderter Regisseur gelang Simon schließlich 1968 doch noch ein Debüt mit dem Märchenfilm "Wie heiratet man einen König", und er konnte noch fünf weitere Filme drehen, bis ihn erneut ein Rückschlag traf. Im Sommer 1979 sollten in Wien die Dreharbeiten zu "Vorstadtmusikanten", einer Koproduktion von Österreich und der DEFA, beginnen - sofern es gelänge, das österreichische Fernsehen oder einen westdeutschen Sender als Partner zu gewinnen. Es gelang nicht. In seinen Maiferien an der Ostsee erreichte Simon der Anruf, dass er seinen Urlaub gern verlängern könne - das Projekt sei gestorben.
Was nun passierte, kann sich Simon bis heute nur so erklären: "Vielleicht hat man verhindern wollen, dass der Filmemacher, der nun plötzlich ohne Arbeit, unausgelastet und unzufrieden dastand, nicht auf 'dumme Gedanken' kommt und womöglich in den Westen ausreisen will." Jedenfalls bot die DEFA ihm sogleich ein neues Szenarium an: die Verfilmung eines Romans mit dem Titel "Jadup". Von dem Schriftsteller Paul Kanut Schäfer und seinem 1975 in der DDR erschienenen Buch hatte Simon noch nie gehört, "das konnte nichts Aufregendes sein". Simon las es trotzdem und gab es auch seinem Kameramann. Für beide stand fest: "Das ist 'ne Bombe."
Erzählt wird die Geschichte eines Mannes namens Jadup, Bürgermeister in einer Kleinstadt in der Altmark, einer ländlichen Region im Norden des heutigen Sachsen-Anhalt. Es ist der DDR-Alltag Ende der siebziger Jahre. Jadup weiht eine neue Kaufhalle in seiner Stadt ein, als just zum Zeitpunkt seiner Ansprache nebenan ein altes, marodes Fachwerkhaus zusammenbricht. Aus den Trümmern fördert ein vorbeikommender Antiquitätenhändler Erinnerungsstücke ans Licht. Der Mann trägt einen bemerkenswerten Namen: Gwissen, die ungewöhnliche Schreibweise wie "ein nicht ganz vollkommenes, ein apostrophiertes Gewissen, sozusagen". Es sind Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs, an eine nie aufgeklärte Vergewaltigung eines Flüchtlingsmädchens namens Boel, Verdächtigungen gegen die sowjetischen Besatzer und auch gegen den Genossen Jadup. Mit ihnen muss sich der Bürgermeister nun - neben den alltäglichen Defiziten des real existierenden Sozialismus - auseinandersetzen.
Dreh unter Vorbehalt
Zu dem Zeitpunkt, da das Drehbuch entstehen soll, ist das Trauma des berüchtigten 11. Plenums des ZK der SED nicht vergessen. Auch nicht, dass es keine offensichtlich konterrevolutionären Stücke waren, die in den sechziger Jahren in den Giftschränken der DEFA verschwanden. Sondern Gegenwartsfilme, die meist nur subtil Heuchelei und Bürokratismus in der DDR anprangerten, mit frech bis aufmüpfigen Protagonisten, die für einen besseren Sozialismus eintraten - wie beispielsweise Frank Beyers Film "Spur der Steine". Derart gesellschaftskritisch würde auch "Jadup und Boel" werden: Simon rechnete daher fest mit der Ablehnung seines Drehbuches. Doch es kam anders, und den Grund dafür sollte er erst Jahre später erfahren - aus Stasi-Akten.
In einer Notiz der Stasi vom 15. Mai 1980, die Simon später in seiner Autobiografie zitiert, heißt es: "Die Drehbuchfassung von Ende Oktober 1979 läßt die Absicht des Regisseurs Simon erkennen, bei der Realisierung des Films seine Ressentiments, Vorurteile und widerspruchsvollen Wertungen gegenüber der Politik der DDR, insbesondere gegenüber der sozialistischen Kulturpolitik darzustellen." Die Schlussfolgerung aber überraschte den Filmemacher: "Trotz dieser auch durch die staatliche Leitung des Studios festgestellten Schwächen wurde dem Regisseur Simon dieser Stoff genehmigt, weil es erforderlich war, den Simon von negativ-feindlichen Kräften zu entfernen und ihm und seinem Schaffen gegenüber Vertrauen zu zeigen."
Simon glaubt nicht, dass die Stasi ihm eine Falle stellen wollte. Dass er "nicht so ganz auf Linie war", sei bekannt gewesen. Vielmehr habe es auch in einem so parteinahen Kulturbetrieb wie der DEFA "unterschiedliche Leute" gegeben, Hardliner ebenso wie Liberale. Diejenigen, die sein Vorhaben unterstützten, hätten wie er an die Veränderbarkeit der Gesellschaft geglaubt, davon ist Simon überzeugt. Doch seine Kritiker waren mächtiger: Ein mögliches Verbot des Films hatten sie von Anfang an einkalkuliert.

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