| Erster!: So könnte es ausgesehen haben, als Frederick Cook am 21. April 1908 die amerikanische Flagge ins ewige Eis des Nordpols rammte. |
Vor 100 Jahren erreichte Robert Peary den Nordpol - doch bereits ein Jahr zuvor wollte Frederick Cook das gleiche vollbracht haben. Zwischen den Männern entbrannte ein bitterer Streit, wer von beiden der wahre Entdecker war. Am Ende fiel die Entscheidung fernab der Arktis. Von Johannes Zeilinger
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts war die geografische Erforschung der Erde weitgehend abgeschlossen, lediglich ein markanter Punkt des Globus war noch nie betreten worden: der Nordpol. Die Suche nach dem arktischen Gral hatte zahllose Todesopfer unter Forschern wie Abenteuern gefordert und wurde zu einer Kette von Tragödien und Dramen, zu einer endlosen Saga von Mut und Überheblichkeit, von Tapferkeit, Neid und Verrat.
Das Erreichen des Pols hatte auch hohen symbolischen Wert. Es markierte den Endpunkt der kolonialen Expansion des weißen Mannes, der die Erde mit einem fiktiven Netz von Linien überzogen hatte. Groß war daher die Begeisterung der zivilisierten Welt, als vor genau 100 Jahren bekannt wurde, dass endlich auch diese Bastion gefallen war. Zwei Amerikaner hatten den Norpol, so die Meldungen, unabhängig voneinander betreten: Am 21. April 1908 der Arzt Frederick Albert Cook und am 6. April 1909 der Marineingenieur Robert Edwin Peary.
Frederick Cook, Sohn des aus Deutschland stammenden Arztes Theodor Koch verlor schon früh seinen Vater, und bittere Armut markierte Kindheit und Jugend. Doch Erfindungsreichtum und harte Arbeit ermöglichten ihm in New York ein Medizinstudium, das er Anfang 1890 erfolgreich abschloss. Als kurz darauf Robert Peary in einer Annonce nach einem Arzt für seine erste Nordgrönlandexpedition suchte, bewarb sich Cook um diese Stelle und erhielt sie zu seiner großen Überraschung.
Toteninsel im Eis
Peary hatte richtig entschieden. Als er sich einen Unterschenkel brach, versorgte ihn Cook fachmännisch und rettete so das Unternehmen vor einem frühen Fiasko. Voller Lob war daher Peary über seinen Arzt: "Persönlich verdanke ich viel seiner ärztlichen Kunst und seiner unerschütterlichen Geduld und Kaltblütigkeit in Notlagen."
Doch die Freundschaft zwischen beiden dauerte nicht lange. Als Cook seine medizinischen Beobachtungen über die Polareskimos veröffentlichen wollte, untersagte ihm Peary die geplante Publikation und berief sich auf eine vertragliche Regelung, die allen Expeditionsteilnehmern das Recht auf eigene Reisebeschreibungen verweigert.


Wieder war es eine Zeitungsmeldung, die das Leben des Arztes veränderte. Eine belgische Antarktisexpedition unter Leitung von Adrien de Gerlache suchte einen Mannschaftsarzt, und so betrat Cook im Spätherbst 1897 in Rio de Janeiro ihr Schiff, die "Belgica". Erster Offizier an Bord war ein junger Norweger, Roald Amundsen, und zwischen ihm und dem Amerikaner entwickelte sich bald eine feste Freundschaft, die ein Leben lang hielt. Beide retteten die Expedition vor einem Fiasko.
Denn aus Fahrlässigkeit hatte der Expeditionsleiter das Schiff zu weit nach Süden geführt, so dass die "Belgica" plötzlich im Eis festsaß und überwintern musste. Darauf waren aber weder die Mannschaft noch das Schiff vorbereitet gewesen, und noch nie hatte bis dahin ein Mensch die antarktische Nacht überlebt. Bald glich das Schiff einer Toteninsel. Geschwächt von Skorbut und zermürbt von Hoffnungslosigkeit verfielen die Männer mitsamt ihrer Leitung in eine lähmende Lethargie, die schließlich in dunklem Wahn endete.
Robbensteaks gegen Mangelernährung
Cook, der bereits in Nordgrönland die Folgen von fehlendem Licht und Mangelernährung studiert hatte, verordnete eine rigorose Diät aus bislang verschmähtem Pinguinfleisch und Robbensteaks. Außerdem ließ er die Kranken stundenlang nackt vor dem heißen Ofen sitzen und in das helle Licht blicken. Amundsen berichtete später in seinen Lebenserinnerungen:
"In dieser furchtbaren Not der dreizehn langen Monate, während der uns die Gewissheit eines fast unvermeidlichen Todes ins Antlitz grinste, lernte ich Dr. Cook kennen, und aus dieser Zeit stammt meine Liebe und Dankbarkeit für ihn. Er war der einzige auf dem ganzen Schiff, dessen Mut nie sank, der immer heiter, stets voller Hoffnung und unermüdlicher Hilfsbereitschaft war. Aber nicht nur, dass sein Glaube niemals wankte, auch seine Erfindungskraft und seine Unternehmungslust hatten keine Grenzen."
Robert Peary hatte inzwischen in immer neuen Expeditionen vergeblich versucht, den Nordpol zu erreichen. Im Sommer 1906 endlich schien er seinem Ziel nahe zu sein, als er mit einer perfekt abgestimmten Mannschaft das arktische Polareis betrat. Doch wieder scheiterte er in der "Hölle von aufgebrochenem Eis" und konnte lediglich einen neuen Rekord melden, sein "farthest north" lag nun bei 87°06' nördlicher Breite. Ein letztes Mal konnte er eine Niederlage in eine Siegesmeldung verwandeln, doch sein Expeditionsschiff, die "Roosevelt", war durch das arktische Packeis so sehr beschädigt, dass erst im Sommer 1908 ein neuer und diesmal letzter Vorstoß nach Norden möglich wurde.
Jagdausflug zum Nordpol
Inzwischen hatte ein wohlhabender Casinobesitzer namens John R. Bradley Cook gebeten, einen Jagdausflug nach Nordgrönland zu organisieren. Plötzlich bot sich dem Arzt die unerwartete Chance, seinem Konkurrenten Peary im Wettlauf um den Nordpol zuvorzukommen. So rüstete Cook in der Rekordzeit von nur einem Monat nicht nur eine Arktissafari, sondern auch eine Expedition für einen Vorstoß zum Nordpol aus. Er war überzeugt, dass nur eine kleine Mannschaft von entschlossenen Männern Erfolg haben könne, und reduzierte Gewicht und Umfang des Gepäcks auf ein Minimum. Unbemerkt verließen Bradley und Cook im Sommer 1907 Amerika und erreichten bald Nordgrönland.
Während der Wintermonate bereitete Cook sorgfältig seinen Vorstoß vor und startete am 19. Februar 1908 die Schlittenreise zum Pol. Als Begleiter wählte er lediglich zwei Inuitjäger aus, und westlich der Ellesmere-Insel betrat der Trupp das Polareis. Zunächst erschwerten Riffe aus Presseis, offene Wasserkanäle und Stürme ihren Vormarsch, je weiter sie aber nach Norden kamen, umso leichter wurden die Eisfelder passierbar.
Am 21. April 1908 erreichten sie, so Cook später, schließlich den nördlichen Scheitelpunkt der Welt. Er hatte nichts Erhebendes, nur gefrorenes Eis über einer See von unbekannter Tiefe. Damit war die jahrhundertealte Frage nach seiner Natur - Festland, Insel oder eisfreies Meer - beendet. Jetzt lockte nur noch ein Ziel: südwärts, heimwärts. Noch lag der gefährlichste Teil des Marsches noch vor ihnen - keiner er drei konnte aber ahnen, zu welchem Drama der Heimweg geraten würde.
Entscheidung vor dem US-Kongress
Anfang Mai legte sich plötzlich dichter Nebel über das Eis, und ein beißender Westwind kam auf. Bei fehlendem Sonnenlicht waren astronomische Positionsbestimmungen, die den Weg durch die Öde weisen sollten, nicht mehr möglich, und da sich der Nebel auch in den folgenden Tagen nicht mehr auflöste, stolperte der Trupp durch ein graues Halbdunkel einem ungewissen Ziel entgegen.
Als sich der Himmel lichtete, stellte Cook fest, dass eine unbekannte Eisdrift sie weit westwärts versetzt hatte und eine unüberwindbare See sie von dem rettenden Land trennte. Ihre Nahrungsreserven waren fast aufgebraucht, so schlugen sie sich südwärts bis zu einer unbewohnten Felsinsel durch. Dort errichteten sie ihr Winterlager, denn an eine rechtzeitige Rückkehr nach Grönland war nicht mehr zu denken.
Erst am 19. April 1909 erreichten die drei entkräfteten Männer nach einer 14-monatigen Odyssee durch Nacht und Eis wieder eine menschliche Siedlung. Für Cook war die Reise aber noch nicht beendet, er eilte weiter nach Südgrönland und bestieg dort ein Schiff, das ihn nach Kopenhagen brachte. Nun meldete er der Welt die Sensation: "Erreichte den Nordpol am 21.4.1908."
Doch auch Robert Peary hatte inzwischen das Ziel seines Lebens, den Nordpol, erreicht. Jetzt sollte ein Arzt ihn übertroffen haben? Um nach dem Zieleinlauf als Zweiter doch noch das Gold des Ersten zu erlangen, gab es nur einen Weg: der Sieger musste disqualifiziert werden. Denn wenn Menschen kämpfen, dann kämpfen sie am liebsten gegen Ihresgleichen, so geriet die Eroberung des Nordpols zu einem erbitterten Streit um Ruhm, der schließlich nicht in den arktischen Eiswüsten, sondern in der amerikanischen Heimat entschieden wurde. Dort hatte Peary mächtige Verbündete wie die "New York Times" und die National Geographic Society, die kaum eine Intrige scheuten, um ihren Helden auf das Siegerpodest zu hieven.
Cook wurde pauschal als Lügner und Hochstapler abgeurteilt, obwohl auch der Marineingenieur keine stichhaltigen Beweise für das Erreichen des Nordpols vorweisen konnte. Schließlich entschied der amerikanische Kongress die Nordpolkontroverse. Im März 1911 unterzeichnete der Präsident William Howard Taft eine Entschließung, die Peary feierlich den Dank der Nation für das Erreichen des Nordpols aussprach. Frederick Cook starb verarmt und entehrt am 5. August 1940. Kurz zuvor hatte er ein Resümee seines Lebens gegeben: "Ich bin erniedrigt und schwer verletzt worden. Aber das spielt keine Rolle mehr. Ich werde alt, und was für mich wichtig ist, ist der Glaube, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Ich erkläre mit Nachdruck, dass ich, Frederick A. Cook, den Nordpol entdeckt habe."
Johannes Zeilinger lebt als Autor, Arzt und Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft in Berlin. Sein neuestes Buch beschäftigt sich mit der Reise Cooks zum Nordpol.




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