| Ab durch die Mauer: Am Abend des 9. November 1989 wird der Grenzübergang Bornholmer Straße geöffnet. |
Kam der entscheidende Tipp aus der SED? Der Reporter Riccardo Ehrman, der am 9. November 1989 mit einer Frage an Politbüro-Mitglied Günter Schabowski den Mauerfall in Gang brachte, hat vorher einen Hinweis bekommen. Den mysteriösen Anrufer will er nicht outen - es war ein Mann aus dem SED-Zentralkomitee. Von Solveig Grothe und Hans Michael Kloth
Wer genau hinhörte, all die Jahre, der ahnte zumindest, dass Riccardo Ehrman noch nicht alles erzählt hatte. Ab und zu erwähnte der italienische Journalist gegenüber Freunden, dass er als DDR-Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa bei der legendären Pressekonferenz am 9. November 1989 nicht von ungefähr die entscheidende Frage nach dem DDR-Reisegesetz gestellt hatte - jene Frage die in den folgenden Stunden den Sturm der Ostdeutschen auf die Berliner Mauer auslöste. Ehrman galt seither als eine Art stiller Held und als "Maueröffner" - 2008 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Jetzt kommt heraus: Es war wohl tatsächlich nicht die ganze Geschichte. Dem MDR erzählte Ehrman, er habe vor der entscheidende Pressekonferenz am 9. November 1989 einen Tipp bekommen: "Die Frage nach dem Reisegesetz - das war kein Zufall, ich bekam vorher einen mysteriösen Anruf aus dem 'Unterseeboot', dem Konferenzzimmer des ADN-Chefs. Ein mir bekannter Spitzenfunktionär der SED forderte mich auf, unbedingt nach dem Reisegesetz zu fragen, das sei sehr wichtig."
Wenn das stimmt, stellt sich die Geschichte des Mauerfalls möglicherweise etwas anders dar, als bisher bekannt. Für die Öffentlichkeit galt der letzte Anstoß zum Fall der Berliner Mauer lange als überraschender Zufall während einer denkwürdigen Pressekonferenz. Aber womöglich war Ehrman mit seiner berühmt gewordenen Frage nur ein Rädchen in einem größeren Spiel - und die SED nicht gar so gelähmt, wie sie zu diesem Zeitpunkt wirkte.
Signal zum Aufbruch
Bisher stellte sich der Ablauf des historischen Abends so da: Die SED hatte für 18 Uhr zur Pressekonferenz in das Ost-Berliner Pressezentrum eingeladen, parallel lief im SED-Zentralkomitee noch die Beratung über das neue Reisegesetz. Zwei Tage zuvor war die alte DDR-Regierung unter Ministerpräsident Willi Stoph nach Massenprotesten gegen einen ersten Reisegesetzentwurf geschlossen zurückgetreten. Laut Spickzettel wollte SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, der den Pressevertretern Rede und Antwort stand, die neue Reiseregelung am Ende der Pressekonferenz verlesen. Die Veranstaltung war fast beendet, als Ehrman seine Frage stellte: "War der Reisegesetzentwurf vor ein paar Tagen nicht ein Fehler?" Routiniert spulte Schabowski seine minutenlange Antwort herunter, bevor die entscheidenden Worte fielen: "... haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergänge der DDR auszureisen."
Ehrman und seine Journalistenkollegen hakten nach, wollten Genaues wissen. Also ergänzte Schabowski: "Privatreisen nach dem Ausland können beantragt werden ... Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen ... sofort." Für Tausende DDR-Bürger war Schabowskis gestammelte Antwort das Signal zum Aufbruch, über Nacht wurde die innerdeutsche Grenze Geschichte, weil Tausende DDR-Bürger aufgrund der Sensationsnachricht an die Übergänge strömten und ihre sofortige Öffnung verlangten.
Wer aber war Ehrmans geheimnisvolle Tippgeber? Und handelte er aus Eigeninitiative oder in höherem Auftrag? Im MDR-Interview wollte Ehrman den Namen seines Informanten nicht nennen, und auch auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE hielt sich der heute 79-Jährige bedeckt. Im kleinen Kreis jedoch hat Ehrmann die Geschichte, die jetzt Wellen schlägt, bereits mehrfach erzählt - und dort auch den Namen seines Hinweisgebers genannt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus dem engeren Umfeld des Journalisten kam der Anruf Ehrman zufolge von keinem Geringeren als Günter Pötschke, dem Generaldirektor der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Der italienische Journalist solle unbedingt nach dem Reisegesetz fragen, habe Pötschke insistiert. Nach der Veröffentlichung von Pötschkes Namen durch SPIEGEL ONLINE bestätigt Ehrman der dpa jedoch, dass es sich bei dem Anrufer um den ADN-Chef gehandelt habe. "Er sagte mir das von Freund zu Freund", erklärte Ehrman.
Der große Unbekannte
Pötschke, 1929 in Halle geboren, arbeitete bereits seit 1949 bei ADN, war Sonderkorrespondent bei wichtigen internationalen Ereignissen und berichtete Ende der fünfziger Jahre auch über politische Prozesse in der DDR. 1960 stieg Pötschke zum stellvertretenden Generaldirektor der ADN auf, bevor er 1966 in das Sekretariat des SED-Zentralkomitees wechselte, zunächst als stellvertretender Leiter der Westabteilung, ab 1974 der Abteilung für Agitation und Propaganda. 1977 wurde er ADN-Generaldirektor. Sein Spitzname bei den schreibenden Kollegen war "Pöcasso" - weil Pötschke ihre Texte oft so sehr zusammenstrich und umbaute, dass der Anteil des Autors höchstens noch abstrakt vorhanden war.
Auch Pötschkes politische Laufbahn verlief ungebremst: 1986 wurde er Mitglied des ZK der SED und Mitglied der Agitationskommission beim SED-Politbüro - eine DDR-Bilderbuchkarriere, die erst am 1. April 1990 mit seiner Abberufung endete. Es habe nicht den Mut gehabt, "sich der Parteidisziplin und der Staatsdisziplin, die pervertiert worden war, zu entziehen", bekannte er im Rückblick. Zur Aufklärung der Mauerfall-Rätsels kann Pötschke nicht mehr beitragen: Er starb im September 2006, ohne sich je öffentlich zu den Vorgängen am 9. November 1989 geäußert zu haben.
Ein weiteres Rätsel bleibt vorerst unaufgeklärt: Warum behielt Riccardo Ehrman dieses so wichtige Detail 20 Jahre lang für sich? Die Freundschaft der beiden Männer könnte eine Erklärung sein. Ehrman und Pötschke, der in Italien geborene Sohn polnischer Juden aus Lemberg und der ostdeutsche Friseursohn und Funktionär, kannten und verstanden sich gut. Beide waren Jahrgang 1929; sie kannten sich seit 1976, als Ehrman als Korrespondent nach Ost-Berlin gekommen war.




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