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1915

Massengrab in Fromelles

Australiens vergessene Tote


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Warten auf den Angriff: Soldaten des 53. Bataillons der Australischen 5. Division warten im Juli 1916 bei Fromelles auf den Angriffsbefehl. Nur drei der Soldaten auf dem Foto überlebten die blutige Schlacht - und auch sie wurden verletzt.

Zeugen der "mörderischen Stunden": Aus einem kürzlich entdeckten Massengrab in Frankreich sollen Tote aus dem Ersten Weltkrieg geborgen werden. Vermutlich handelt es sich dabei um Soldaten der australischen Armee. Die hatte bei ihrem ersten Kampfeinsatz 1916 an nur einem Tag 5533 Mann verloren. Von Christoph Gunkel


Die Australier würden später sagen, dass es ein Desaster mit Ansage war, eine völlig überflüssige Katastrophe. Und dass die Schuld für 5533 tote, vermisste und verletzte australische Soldaten allein bei den Briten lag.

Juli 1916. In Frankreich tobte die Schlacht an der Somme. Es war das blutigste Gefecht im Ersten Weltkrieg, ein mörderischer Abnutzungskampf um winzige Raumgewinne, mehr als eine Million Tote waren am Ende zu beklagen. In diesem festgefahrenen Stellungskrieg brauchten die alliierten Truppen dringend Nachschub im Kampf gegen das Deutsche Reich - und so begann achtzig Kilometer nördlich der Somme-Front eine australische Tragödie, die lange von der Geschichte vergessen wurde.

Am 12. Juli 1916 traf bei bestem Wetter in der Nähe des nordfranzösischen Dorfes Fromelles bei Lille die Australische 5. Division ein. Die weitgehend kampfunerprobte Einheit sollte die ausgedünnten britischen Truppen verstärken und einen Frontabschnitt übernehmen. Doch schon wenige Tage nach ihrer Ankunft kam auf die Neulinge Unerwartetes zu: Der britische General Richard Haking erwog eine Großoffensive, mit der er verhindern wollte, dass die Deutschen Truppenteile Richtung Somme abzogen. Sein strategisches Kalkül: Mit dem Angriff den Gegner überraschen, ablenken, beschäftigen, seine Truppen binden.

Die "schlimmsten Stunden in Australiens Geschichte"

Und obwohl manche australische Offiziere skeptisch waren und den Plan ablehnten, setzte sich Haking durch. Am 19. Juli griffen eine britische und die australische Division an, sieben Stunden lang belegten sie die gut befestigten deutschen Stellungen mit Artilleriefeuer, dann stürmte die Infanterie los. Doch trotz massiven Beschusses war der Gegner nicht entscheidend geschwächt - die Alliierten hatten keine Chance, die Attacke endete in einem Massensterben. "Die Luft war voll von Kugeln", erinnerte sich der Australier W.H. Jimmy Downing nach dem Krieg an die tödlichen Maschinengewehrslaven. "Hunderte wurden niedergemäht während eines Wimpernschlages... Männer wurden vom Strom der Kugeln zerrissen." Schon bald, erinnerten sich andere, musste man über Leichen laufen.

Am Ende des Gemetzels, das sich mehr als 24 Stunden hinzog, waren etwa 1500 Briten und 1500 Deutsche tot oder verwundet. Doch am schwersten hatte es die Australier getroffen: 5533 Soldaten waren vermisst, getötet oder verletzt. Ein Historiker sprach später von den "schlimmsten 24 Stunden in Australiens gesamter Geschichte" und machte eine simple Rechnung: Am 19. Juli 1916 verlor sein Land mehr Soldaten als später im Korea- und Vietnamkrieg zusammen.

Kein Wunder, dass mehr als 90 Jahre später die Schlacht von Fromelles noch immer die Australische Nation berührt. Und gerade in den vergangenen Tagen reißen alte Wunden wieder auf: Im Mai 2008 hatten Forscher ein Massengrab in einem Waldstück entdeckt, in fünf Gruben vermuteten sie die Gebeine von bis zu 400 britischen und australischen Soldaten, die die Deutschen nach der Schlacht dort begraben haben sollen. Jetzt hat der sensibelste Teil der Arbeit begonnen: Die Überreste werden von einem Team aus Archäologen und Gerichtsmedizinern unter Schirmherrschaft der Commonwealth-Kriegsgräberkommission geborgen. Sie sollen in den nächsten Monaten auf einem neu geplanten Soldatenfriedhof mit militärischen Ehren bestattet werden. Finden die Experten Gewebeproben, werden sie mit der DNA versuchen, die Toten noch zu identifizieren.

Sensible Spurensuche

"Wir erwarten, vor allem Skelettreste zu finden", sagte der deutsche Wissenschaftler Roland Wessling, der schon in Bosnien und im Irak an ähnlichen Ausgrabungen teilgenommen hatte. "Auch wenn es mehr als 90 Jahre her ist, gibt es noch immer eine geringe Chance, Haut oder mumifiziertes Gewebe zu finden." "Die Bodenbeschaffenheit spricht jedenfalls für eine gute Konservierung der Funde", gibt sich Tony Pollard, Direktor des "Centre for Battlefield Archaeology" der Universität Glasgow optimistisch. Pollards Team hatte das Massengrab 2008 gefunden und wissenschaftlich untersucht.

Pollard kennt daher auch die Sensibilität seines Fundes. "In Australien gibt es ein generelles Gefühl, dass die Schuld für die hohen Opferzahlen bei der britischen Führung liegt." Australische Militärhistoriker bezeichnen die Operation gerne als "falsch geplant" und "schlecht ausgeführt". Wie bedeutsam das Thema immer noch ist, zeigte sich, als in den vergangenen Tagen und Wochen hochrangige Politiker aus Australien sich auf den weiten Weg nach Fromelles machten und wieder von "mörderischsten Stunden in der Geschichte Australiens" sprachen.

Das liegt vor allem auch daran, dass viele Australier den Einsatz ihrer Landsleute im Ersten Weltkrieg nur als ungenügend gewürdigt empfinden - obwohl Hunderttausende in einer reinen Freiwilligenarmee an der Seite der Alliierten kämpften. Zehntausende kehrten nie zurück, wurden zu Krüppeln geschossen oder starben - allein 60.000 an der Somme. Händeringend bat das Empire damals im Kampf gegen die Deutschen um Unterstützung aus aller Welt und holte sich Hilfe besonders aus den Commonwealth-Staaten. An der Somme kämpften Briten Seite an Seite mit Australiern, Neuseeländern, Südafrikanern und Indern - sogar Kämpfer aus Madagaskar oder Trinidad kamen zum Einsatz.

Ein nationaler Mythos

Für die Australier begann so der Erste Weltkrieg im April 1915, als erste Truppen auf der türkischen Halbinsel Gallipoli landeten und schon bald in heftige Gefechte verwickelt wurden. Noch heute feiern sie jedes Jahr die Landung in Gallipoli mit einem patriotischen Gedenktag. Was Gallipoli im Osten war, wurde Fromelles im Westen - ein nationaler Mythos, der sich in das kollektive Gedächtnis einbrannte.

In Großbritannien und Deutschland geriet das Gefecht dagegen schnell in Vergessenheit. Es stand im Schatten der großen Schlacht an der Somme, die auf beiden Seiten noch Hunderttausende Menschenleben vernichtete, ohne dass sich am Ende ein Sieger fand - und damit zum Symbol für einen totalen, irrationalen und entmenschlichten Vernichtungskrieg wurde.

Doch hinter den lange vergessenen Ereignissen bei Fromelles versteckt sich auch ein interessantes Detail deutscher Geschichte. Im Juli 1916 stand auf Seiten der Deutschen ein damals 27-Jähriger, der seine Zeit in Frankreich nie vergessen sollte: Adolf Hitler. Zwar kämpfte er in Fromelles nicht an vorderster Front, sondern war hinter den Linien für die Kommunikation zuständig. Genau 24 Jahre nach der Schlacht würde Adolf Hitler im Juli 1940 aber triumphierend als Eroberer genau in diese Gegend zurückkehren, er würde sich stolz dort fotografieren lassen - und erneut Verderben in diese entlegene Region tragen.

Mit Material von AFP


Debatte

insgesamt 9 Beiträge zur Debatte
Vittorio Ferretti am 10. Mai 2009, 11:55
Exzellenter Artikel. Den Hinweis auf die Unperson, die sich in anderem Zusammenhang unrühmlich hervorgetan hat, finde ich belebend. Dem Buch von C.W.Bean "Anzac to...

Michael Thelen am 8. Mai 2009, 15:15
Sehe lesenswert! Allerdings frage ich mich in diesem Zusammenhang, ob der gleiche Aufwand auch fuer gefallene deutsche Soldaten betrieben wuerde, gerade im Zusammenhang mit...


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