Kennen Sie Malimo? Oder Unimix? Haben Sie schon mal von Orwo gehört? Wenn nicht, dann haben Sie etwas verpasst: die Highlights einer untergegangenen Warenwelt. einestages buchstabiert noch einmal das Alphabet der schönsten Ostprodukte durch - von A wie Alfi bis Z wie Zekiwa. Von Hans Michael Kloth
Ulf Zander
11. Jun 2009, 18:55
Wen im Westen interessiert das eigentlich ?
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Die diskrete Anweisung für DDR-Journalisten war unmissverständlich: "Keine Bedürfnisse wecken!" Der Ukas aus dem SED-Politbüro sollte helfen, die Achillesferse des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates zu schützen - das, was man im Westen gemeinhin als "Konsumwunsch" bezeichnete.
Im Kapitalismus mochten Kaufräusche als gute Sache gelten, mit denen die Volkswirtschaft in Schwung gehalten wurde. Nicht so in der DDR. Deren Mangelökonomie ächzte seit den siebziger Jahren unter immer anspruchsvolleren Kunden, die unter "materieller Bedürfnisbefriedigung" nicht mehr nur den Erwerb eines Fahrrads oder einer Waschmaschine verstanden. Da die Produktion nicht mitkam, verordnete die SED-Führung ihren Untertanen kurzerhand Konsumverzicht.
Und doch: Auch die DDR-Bürger lebten in einer Warenwelt. Nicht so üppig, nicht in Hochglanz verpackt wie im Westen - gleichwohl fanden sie in den Regalen der (besseren, teureren) Exquisit-Läden und Centrum-Kaufhäuser nicht nur namenlose Einheitswaren, sondern Markenprodukte, nur sozialistische eben: Florena-Hautcreme statt Nivea, Stern-Radios statt Grundig oder Heiko-Füllfederhalter an Stelle der im Westen üblichen Pelikan- oder Geha-Füller.
Ansagen vom "Amt für Formgebung"
Auch dies waren Produkte mit einer Identität, einer Geschichte, einem Anspruch und einem Image, das auf ihren Besitzer abstrahlte. Für DDR-Konsumenten ging Bedürfnisbefriedigung angesichts der Mangelwirtschaft zwar zwangsläufig vor Statusdenken - aber wenn er doch mal die Wahl hatte, griff auch er lieber zum schickeren, angesagteren Anzug, Radiorekorder oder Couchtisch.
Das mit dem Chic war natürlich so eine Sache, denn die SED betrieb eben auch eine Geschmacksdiktatur. Einer schlichtweißen Vase, parteiamtlich als "unkünstlerisch" eingestuft, wurde da schon mal von Staats wegen ein buntes Blumendekor verordnet. Ein "Amt für Formgebung" wachte seit 1972 über die "Produktgestaltung im Sozialismus", ihr Chef war Mitglied der DDR-Regierung im Range eines Staatssekretärs.
Die in den sechziger Jahren in Kombinaten, Volkseigenen Betrieben und vielen der noch halbprivaten Firmen durchaus urwüchsige Designkultur der DDR geriet so endgültig unter zentrale ideologische Kontrolle. "Wohl nirgendwo sonst wurden vielversprechende Design-Innovationen in so großer Zahl wegen ideologischer Einwände ausgebremst, wie in der sozialistischen Staatswirtschaft", resümiert der Designexperte Günter Höhne, Autor mehrerer Bücher über DDR-Formgestaltung.
Belächelte Sammelleidenschaft
Dennoch: Zwischen all den unsäglich schlechten Erzeugnissen aus DDR-Fertigung, die nach 1989 zu Recht auf dem Müllhaufen der Geschichte landeten, stechen immer wieder Produkte hervor, denen jemand den Geist der guten Form einhauchte. Es sind die Spurenreste jener Entwurfskultur, die in der DDR bis 1952 noch hochgehalten wurden - dem Jahr, als die SED den niederländischen Bauhaus-Künstler Mart Stam, den Erfinder des Stahlrohr-Freischwingers, als Rektor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee verjagte.
Aber viele bemerkenswerte Ostprodukte traf mit dem ganzen, großen, grauen Rest der Bannfluch "DDR-Fabrikat", welches bestenfalls noch dazu taugt, in Studenten-WGs den Charme von Sperrmüll-Ostalgie und Siebziger-Retro-Ästhetik zu verbreiten.
Nur eine Handvoll einsamer Streiter haben sich seit 1990 unter meist prekären Arbeitsbedingungen darangemacht, den kleinen, qualitätvollen Teil der DDR-Warenwelt und Alltagskultur ernsthaft zu sammeln und zu bewahren - etwa der Berliner Kulturjournalist Höhne oder das 1993 gegründete Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR im brandenburgischen Eisenhüttenstadt, dessen Macher inzwischen über 50.000 Objekte zusammengetragen haben.
Lange als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme belächelt, schaffen solche Privatinitiativen doch die Grundlage für einen frischen, geschärften Blick auf eine mittlerweile unwiederbringlich verlorene Warenwelt - eine Welt, die wenige sich zurückwünschen, aber aus der nun die bunten Tupfer, die das Grau weniger gräulich machten, nun deutlicher hervortreten. Ohne sie ließe sich das ABC des Ostens nur 20 Jahre nach dem Ende der DDR bereits nicht mehr durchbuchstabieren.




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