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1932-2007

Hawaii-Hemd Der Stoff, aus dem die Träume sind


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Tom Selleck alias Magnum: Tom Selleck ans Thomas Magnum in der gleichnamigen Serie. Der coolste und schönste Privatdetektiv der Fernsehgeschichte lebt auf Hawaii - und ist entsprechend gekleidet.

Wenn ein Kleidungsstück eine Botschaft hat, dann dieses: Mit dem Hawaii-Hemd zeigt der Träger, dass er sich durch nichts und niemanden die Laune verderben lässt. Haben Sie auch eine quietschbunte Geschmacksverirrung im Schrank?


Der Fall ist einmalig: Ein Kleidungsstück erfindet den dazugehörigen Ort. Ohne das Hawaii-Hemd gäbe es die Inselgruppe nämlich gar nicht. Abgelegen im Pazifik, wäre Hawaii eine obskure Gegend, die mal von Japan schwer angegriffen wurde und ansonsten bloß Wellen für verrückte Jungs bietet plus devote Ureinwohnerinnen, die immerzu "Aloha!" rufen.

Hawaii wäre - immer vorausgesetzt, es hätte das Hawaii-Hemd nie gegeben - zu weit weg, um dorthin zu reisen, von der Vulkangefahr gar nicht zu reden. Hawaii? Nein, uninteressant und uncool, eine Gegend, von der gesungen wird, dass es dort kein Bier gibt. Irgendwas wie die Molukken oder die Azoren. Von dort kommen Pfeffersäcke und Wetterhochs, das sind doch keine mythischen Orte!

Das Hawaii-Hemd hat alles verändert. Die USA nahmen 1959 die Inseln als 50. Staat auf, nachdem sogar die Präsidenten Truman und Eisenhower sich in "Aloha-Shirts", wie das Hemd eigentlich heißt, hatten fotografieren lassen. Das Hawaii-Hemd beeinflusst sogar die deutsche Gegenwart: Die Fernsehsendung "Extreme Activity" mit dem Moderator Jürgen von der Lippe sähe ohne das Hemd anders aus, und in deutschen Fußgängerzonen gäbe es weit weniger dickbäuchige Farbtupfer. Sage also niemand, das Hawaii-Hemd sei ein unschuldiges Bekleidungsteil.

Verachtet. Geschmäht. Verlacht.

Die Bedeutungsvielfalt ist beinahe so groß wie die Motivbandbreite. Es war Touristenmitbringsel, Hipster-Accessoire, Kriegsteilnehmer, Vorbote der Popkultur, dann Unterschichtenkluft und Kitsch par excellence, Ramschteil und äußerst teures Objekt, für das Sammler mehrere tausend Dollar bezahlen. Immerzu ging es mit dem Ansehen auf und ab. Momentan ist die ästhetische Wertschätzung des Hawaii-Hemdes in etwa auf einer Stufe mit Mahmud Ahmadinedschad oder Britney Spears - man möchte damit nicht gesehen werden.

Das Hawaii-Hemd kündet von genauer sozialer Zugehörigkeit und steht in einer Gesellschaft mit Herrensandalen, Rüschenblusen, falsch gewählten Jogginganzügen. Es wird verachtet. Geschmäht. Verlacht. Der komische und ziemlich erfolgreiche Fernsehmoderator Jürgen von der Lippe ist berühmt für seine Hawaii-Hemden-Vorliebe. Auf Bildschirm und Bühne erscheint er mit den fiesesten Farbkombinationen. Aber von der Lippe sagt: Nie würde er ein Hawaii-Hemd privat tragen. Er doch nicht. Reine Dienstkleidung. Immerhin: Als Verkäufer von easyness, Freizeitwillen und Dauerspaßbereitschaft trifft die Verkleidung die Kundschaft ins Herz. "Es gibt kein Bier auf Hawaii, / drum bleib ich hier."

Statt Postkarte

Die Grundbedingungen des Aloha-Shirts sind einfach. Der Schnitt ist gerade, keinesfalls tailliert. Auch der Saum läuft gerade, das Hemd soll ja über der Hose getragen werden. Die Hemdtaschen dürfen das Muster nicht unterbrechen, Knöpfe sind aus Kokosnussschale gefertigt. Bei den Motiven gibt es natürlich keinerlei Beschränkungen, je bunter, je auffälliger, je besser. Anything goes, Zurückhaltung ist anderswo. Die Shirts müssen schreien.

Die große Zeit des Hemdes sind die dreißiger bis fünfziger Jahre. Begonnen hat das Ganze als Marketinginstrument. Hawaii musste bekannt werden, damals, Ende der Zwanziger, als das "Royal Hawaiian Hotel" gebaut wurde, aber jährlich nur wenige Touristen mit Schiffen auf den Inseln anlandeten. Das Hawaii-Hemd wurde für den Export erfunden, und der Bekleidungsbotschafter erfüllte seine Dienste besser als jedes andere Andenken: eine Postkarte, die der Absender persönlich nach Hause trägt.

Es gibt zahlreiche Vorläufer. Unter den Einwanderern aus Asien im 19. Jahrhundert waren viele Schneider. Sie fertigten karierte Drillichhemden für die Landarbeiter und später vorwiegend weiße Kleidung aus Leinen oder Segeltuch für die anderen Hawaiianer. Die Ureinwohner hatten - Nacktheit war schockierend - von den christlichen Missionaren Wickelstoffe verordnet bekommen, die zum Teil bedruckt waren. Die Motive dieser handbedruckten "Tapas" kamen aus Tahiti. Später wurden sogenannte Pareos aus Baumwolle hergestellt, deren einfarbige Blütendrucke auf den Hemden wieder auftauchten.

Das erste Aloha-Shirt

Anfang der dreißiger Jahre muss das erste Aloha-Shirt geschneidert worden sein. Der genaue Ursprung liegt im Dunkeln. Viele Japaner und Chinesen hatten sich aus der Heimat bedruckte Stoffe senden lassen und zu Hemden verarbeitet. Der chinesische Schneider Ellery J. Chun entwarf 1932 oder 1933 kurzärmelige Hemden aus buntem Kimonostoff und verkaufte sie als "Hawaii-Hemden" für 1,95 Dollar. Das Geschäft ging sehr gut, 1937 ließ Chun sich den Begriff "Aloha Shirt" auf 20 Jahre schützen. Aber er war nicht der Einzige.

Zahlreiche Geschäfte führten die neuen Hemden aus Rohseide oder Rayon. Musa-Shiya the Shirtmaker, ein Chinese, ließ seine Werbeanzeigen absichtlich in Pidgeon-Englisch verfassen. Das Hawaii-Hemd verkaufte von Anfang an den Sehnsuchtstraum des unberührten Paradieses: Naturintensität, Ursprünglichkeit und Unschuld, das Lebensgefühl der ewigen Freizeit, alles romantisch überhöht und mit delirierenden Farben dargestellt.

Die Motive waren zunächst floral: Hibiskusblüten, Brotfrüchte, Nachtblüten wie Cereus oder wild ineinander verschlungene Blätter. Bald kamen Früchte dazu, Ananas, Kokosnüsse, Blumenkränze, Vögel, Fische, Meerestiere, dann Gegenstände wie Ukulelen, Ruder- und Segelboote, Fischernetze. Andere Motive zeigten Hula-Mädchen, Surferboys, einzelne Szenen wie Feldarbeit, Frauen zu Hause. Und immer wieder Vulkanausbrüche. Naturkatastrophen haben auf dem Hawaii-Hemd noch etwas Liebliches - und den erotischen Subtext sowieso. Die neuen Freizeithemden waren Dauerexplosionen, der Wille zum Vergnügen stand den Trägern auf Bauch und Rücken geschrieben, alle riefen lauthals "Aloha".

"Verdammt in alle Ewigkeit"

Touristen kauften die wild gemusterten Hemden sofort, sie strömten nach Ankunft von den Schiffen in die Läden und bestellten nach Maß. 1936 gab es in Honolulu bereits 275 Schneider, das Hawaii-Hemd gehörte zum Hawaii-Besuch unbedingt dazu. Bald gab es überall Hemden von der Stange zu kaufen. Und die Einheimischen richteten sich danach. Als der deutsche Politologe Klaus Mehnert 1937 auf Hawaii Geschichte lehrte, freute er sich, dass alle seine Studenten - Amerikaner, Chinesen, Japaner - im Hörsaal Aloha-Hemden trugen.

Das Exportgut wurde zum Allgemeingut. Die auf Hawaii stationierten amerikanischen Soldaten tauschten beim Ausgang die Uniform gegen das Hawaii-Hemd, sie brachten sie mit nach Hause und popularisierten sie so in der Heimat. In "Verdammt in alle Ewigkeit" gehen Montgomery Clift und Frank Sinatra in Hawaii-Shirts tanzen, als Clift nach dem Angriff auf Pearl Harbor stirbt, trägt er eins mit Palmen, weißen Wolken auf schwarzem Hintergrund und dem Vulkan Diamond Head.

Ende der vierziger Jahre explodierten die Exportzahlen. Die Textil-Industrie auf Hawaii blühte auf wie der Hibiskus. Hawaii-Besucher und Hawaii-Einwohner wurden ständig mehr. Der Ex-Schwimmstar, Weltklassesurfer und Gelegenheitsschauspieler Duke Kahanamoku reiste als Botschafter Hawaiis um die Welt. Er lieh Hemden seinen Namen, die von der "New York Times" als "hawaiianische Halluzinationen" bezeichnet wurden. Und in seinen Werbeanzeigen hieß es: "Duke Kahanamoku empfiehlt: ,Hoomanau Nui'" ("Nimm's leicht").

Das Aloha-Shirt war jetzt das Zeichen der aufstrebenden Jugend: dem Weltkrieg entronnen, der Freizeit und dem Vergnügen zugewandt. Bing Crosby und später Elvis Presley schmachteten dazu Hawaii-Songs. Der Traum des leichten Lebens ohne Hindernisse ließ sich mit dem Hemd schnell überstreifen. Der Hersteller Tommy Bahama Tropical Shirts dichtete den Slogan "Life is just one long weekend".

"Sakkos sind lächerlich"

Unter der Woche musste natürlich in anderen Kleidern gearbeitet werden. Doch die Hawaiianer trotzten der Regierung einen erstaunlichen Dresscode ab. Der Bezirksstaatsanwalt von Honolulu hatte schon 1941 versucht, Freizeithemden während der Bürostunden zu gestatten. 1947 erklärte er, es sei doch lächerlich, unbequeme Sakkos zu tragen, "nur weil ein Franzose 1700 die Krawatte erfunden hat".

Im selben Jahr wurde die erste "Aloha-Woche" mit Hemdenerlaubnis eingeführt, sie dauerte einen Monat. 1948 gab es die "Aloha Wednesdays", später den "Aloha Friday", in den fünfziger Jahren setzte sich schließlich durch, dass im Sommer vom Lei Day (1. Mai) bis zum Ende der Aloha Week (Ende November) die legere Kleidung erlaubt war. Diese Idee schwappte sogar über den Pazifik, der "Casual Friday" in amerikanischen Firmen und anderswo ist also dem Hawaii-Hemd zu verdanken, auch wenn es dabei selten so bunt zugeht wie am Ursprungsort.

Der Verfall der Hawaii-Hemden-Coolness kommt mit den Hippies. Sie verachten alles, was die Väter gut finden, und machen sich ihren Farbenrausch lieber mithilfe von LSD. Die Surfer und Beachboys von Waikiki stiften in den späten Sechzigern die schlabberige Badehose mit wilden Mustern als sinnstiftendes Teil, das bis heute als enorm sportlich gilt. Ihre Aloha-Shirts aber sagen den Blumenkindern nichts mehr, da ist ausnahmsweise einmal die Hose näher als das Hemd.

Das Hawaii-Hemd steht plötzlich für Spießertum, nostalgieumwehte Geschmacksverirrung, für Sorg- und Gedankenlosigkeit. Fast ist es ein Menetekel. In "French Connection 2" wird Gene Hackman 1974 als Bulle von New York nach Marseille gesandt. Er läuft wie ein Urlauber im blau-gelben Aloha-Shirt durch die Stadt und schleckt Eis. Prompt wird er geschnappt und mit Heroin süchtig gemacht.

Kombi mit Bierbauch und Tennissocken

Auch Detektiv Thomas Magnum ist ein Bruder Leichtfuß, der - im Fernsehen der achtziger Jahre - in echten Hawaii-Hemden, aber geborgtem Ferrari durchs Leben saust. Magnums Kleiderstil ist nicht mehr cool, aber seine Randexistenz erscheint gerechtfertigt, weil sein steifer Gegenpart Higgins noch lächerlicher ist.

Rasch altert das Freizeithemd mit seinen ersten Befürwortern. Immer mehr Bierbäuche wachsen in das Aloha-Shirt hinein. Wer es trägt, steigt auch in Tennissocken und Ledersandalen. Der deutsche Schlager der siebziger Jahre nimmt sich nun Hawaii zum Herzen. Bata Illic, Udo Jürgens, die Flippers und andere verklären die Insel; ihre Lieder sind gesungene Hawaii-Hemden. Die alten Originalhemden aus Hawaii werden für wenige Cent im Trödel verramscht. Heute sind sie als Vintage-Hemden stark gesucht.

Das "Honolulu Magazine" hatte schon 1967 gewarnt: "Die Wahrheit ist, dass fast kein Mann über 30 in einem Aloha-Shirt gut aussieht." Das ist ein Problem bis heute. Beim Gang durch Einkaufspassagen kann man viele Hawaii-Hemden-Männer sehen, die dem Rentenalter nahe sind. Der "Playboy"-Chef Hugh Hefner, 81, ist ihr prominenter Anführer, immer in Aloha-Kluft auf dem Kreuzzug für Libertinage und Lebenslust. Und Homer Simpson, Stilikone und Gesellschaftsanalytiker Nummer eins, erklärt seiner Frau eines Nachts im Bett: "Es gibt nur zwei Arten von Kerlen, die Hawaii-Hemden tragen: Schwule und dicke, fette Partytiere."

Aber es gibt auch Hoffnung. Das Hawaii-Hemd ist flatterhaft, flüchtig, auf Sand gebaut. Kommt eine neue Modewelle, schwemmt sie das bisherige Strandgut fort. Gut möglich, dass eine Band mit neuer, aufregender Musik das Hawaii-Hemd wieder für cool erklärt und populär macht. Oder die Klimakatastrophen bringen neue Impulse. In Japan wird derzeit diskutiert, Gebäude im Sommer nicht so stark zu kühlen wie bisher. Um Energie zu sparen, sollen in Büros 28 Grad herrschen statt 22 Grad. Deshalb soll künftig erlaubt sein, legere Hemden mit kurzen Ärmeln zu tragen statt den obligatorischen weißen Hemden mit Krawatte. Man stelle sich nun fleißige japanische Angestellte in glutroten Hawaii-Hemden mit Vulkanausbrüchen vor: Wäre das nicht radikal schick, historisch selbstbewusst und obendrein ökologisch superkorrekt?

Der Autor, Holger Kreitling, 43, besitzt mehrere ziemlich bunte Hemden, aber keines aus Hawaii. Sein Sohn, 8, hat gerade ein orangefarbenes Aloha-Shirt mit weißen Hibiskusblüten bekommen. Auf dem Etikett steht geschrieben "Made in Bangladesh".

Gefunden in ...



www.mare.de


Debatte

insgesamt 1 Beiträge zur Debatte
Toerless Eckert am 11. Oktober 2007, 09:50
Launische Betrachtung, leider mit einem etwas frustriert noerglerischen Unterton. Der Author sollte sich mal eine Reportagereise nach Hawaii bezahlen lassen damit er auch mal das...


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