Barrack Obama besucht Weimar und Buchenwald - einen doppelten Knotenpunkt deutscher Geschichte. Hier sonnten sich die Nazis im Glanz der Klassiker, dort regierte das Grauen im KZ. Es waren die Amerikaner, die Weimars Bürger 1945 zwangen, sich den Horror in ihrer Nachbarschaft endlich anzusehen. Von Claus Christian Malzahn
Am Morgen des 16. April 1945 bot sich vor dem Hauptbahnhof in Weimar ein merkwürdiger Anblick. Einige hundert Bürger waren hier an diesem schönen Frühlingsmorgen auf dem Platz zusammengekommen; der Himmel strahlte sein fröhlichstes Blau, die Vögel zwitscherten in den Bäumen und die Menschen hatten sich herausgeputzt, als gäbe es etwas zu feiern.
Seit einigen Tagen patrouillieren amerikanische Soldaten in der Stadt. Sie unterstehen dem Befehl des US-Generals George Patton. Seine Soldaten haben Thüringen von den Nazis befreit, der Krieg ist vorbei - jedenfalls am 16. April in Weimar. Vielleicht herrscht deshalb bei den Weimarern so eine gelöste Stimmung. Sie sind auf direkten Befehl der amerikanischen Militärbehörden zum Bahnhof bestellt worden.
Angeblich soll man zum Lager auf dem Ettersberg marschieren. In diesem Lager wurden "Verbrecher umerzogen", hatte Gisela H. von ihrer Mutter und ihrem Lehrer gehört. Aus jedem Weimarer Haushalt hatten die Amerikaner eine über 17 Jahre alte Person zum Bahnhof bestellt. Und weil die 22-jährige Studentin Gisela H. ihrer Mutter den 10 Kilometer langen Marsch auf den Berg nordwestlich der Stadt nicht zumuten wollte, steht sie nun in einem Frühlingskleid am Bahnhof und beäugt neugierig die amerikanischen Soldaten - es sind auch schwarze GIs darunter.
An diesem 16. April 1945 befand sich Deutschland noch im Kriegszustand mit den Alliierten. Doch die totale Niederlage war längst absehbar und nur noch eine Frage von Tagen. Die Wehrmacht in Deutschland war an fast allen Fronten geschlagen oder eingekesselt. Hitlers letztes Aufgebot, der sogenannte "Volkssturm" aus alten Männern und kleinen Jungs, stellt sich noch hier und da den amerikanischen oder sowjetischen Panzern in den Weg. Den Deutschen, die lange an den "Endsieg" durch "Wunderwaffen" geglaubt hatten, dämmerte inzwischen, dass das Dritte Reich nicht mehr wie Phönix aus der Asche auferstehen würde.
Weimar als Hochburg der Nazis
Adolf Hitler hockte an diesem Tag im Führerbunker und schob brüllend Geisterarmeen auf Generalstabskarten hin und her. Wenige Tage später beging er Selbstmord. Aber davon ahnten Gisela H. und die Leute am Bahnhof nichts, und unter anderen Umständen wäre die Bevölkerung von Weimar vermutlich auch damit beschäftigt gewesen, diesen Führer-Geburtstag wie in den Jahren zuvor mit rotbraunem Pomp, Hakenkreuzfahnen und Nazi-Lametta vorzubereiten, anstatt sich am Bahnhof von schwarzen amerikanischen Soldaten herumkommandieren zu lassen.
Weimar galt schon Jahre vor der "Machtergreifung" als Hochburg der Nazis. Auch Gisela H., die am 16. April am Bahnhof stand, war schon 1933 als Zehnjährige in den BDM, "Bund Deutscher Mädel", eingetreten. Allein zwischen 1926 und 1936 hatte Adolf Hitler Weimar über 40 Mal besucht. Er wusste: Wenn er Weimar erobern kann, diese Hochburg der Klassik und der Kultur, dann würde ihm auch bald ganz Deutschland zufallen.
Wenn Hitler im Hotel Elephant am Marktplatz abstieg, versammelten sich Tausende auf dem Platz vor der noblen Herberge. Auch Frau H. war manchmal dabei. Dann riefen die Leute: "Lieber Führer, bitte, bitte - lenk auf den Balkon die Schritte! Lieber Führer, komm heraus, aus dem Elephantenhaus!" Und wenn der Führer dann immer noch nicht auf den Balkon heraus trat, skandierte die Menge: "Lieber Führer, sieh doch ein, wir können nicht mehr länger schrein!" Das Affentheater endete gewöhnlich mit dem Ruf: "Lieber Führer, geh nicht fort, bleib an diesem schönen Ort."
Für Führers Auftritte auf dem Balkon hatten sich die Weimarer immer in Schale geworfen. In Schale warfen sie sich auch am Morgen dieses 16. April." Die Stimmung war sehr gut. Doch was sie oben auf dem Ettersberg bezeugte, sollte sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen.
Auf dem Ettersberg hatte Goethe einst seine Gespräche mit Eckermann gehalten - doch anstatt von "Glaube und Schönheit" wird Gisela H., nachdem sie das Tor mit der Aufschrift "Jedem das Seine" durchschritten hat, vom Tod angeweht.
Zivilisten vor Leichenbergen
Schon auf dem Weg lagen Erschossene am Straßenrand in Drillichsachen und Holzpantoffeln, ohne Strümpfe und zu Skeletten abgemagert. Im Lager stapeln sich Hunderte Leichen meterhoch. In den Baracken des KZ sieht sie Häftlinge zu dritt auf einer Pritsche liegen, "die konnten nicht laufen." Die Amerikaner zwingen die Weimarer, sich diese Hölle auf dem Ettersberg genau anzusehen. Ein paar Stunden bleibt die junge Frau auf dem KZ-Gelände. Diese Stunden, in denen deutsche Zivilisten mit der Hölle der Konzentrationslager konfrontiert wurden, haben amerikanische Fotografen im Auftrag der US-Armee festgehalten. Aus amerikanischer Sicht war der Marsch der Weimarer nach Buchenwald eine der ersten Entnazifizierungsmaßnahmen der neuen Besatzungsmacht.
Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún, der 18 Monate Haft in Buchenwald überlebt hatte, beschreibt die Konfrontation von Weimarer Bürgern mit dem Grauen von Buchenwald in seinem Roman "Schreiben oder Leben": "Im Hof des Krematoriums sprach an jenem Tag ein amerikanischer Leutnant zu ein paar Dutzend deutschen Frauen, Heranwachsenden beiderlei Geschlechts und Greisen der Stadt Weimar. Die Frauen trugen Frühlingskleider in lebhaften Farben. Der Offizier sprach mit neutraler, unerbittlicher Stimme. Er erklärte, wie der Verbrennungsofen funktionierte, nannte die Sterbeziffern von Buchenwald. Er erinnerte die Zivilisten von Weimar daran, dass sie, teilnahmslos oder als Komplizen, mehr als sieben Jahre unter den Rauchschwaden des Krematoriums gelebt hatten. ... Die Frauen - zumindest viele von ihnen - konnten ihre Tränen nicht zurückhalten, flehten mit theatralischen Gebärden um Vergebung. ... Die Heranwachsendenverschanzten sich in verzweifeltem Schweigen. Die Greise sahen anderswohin, wollten sichtlich nichts hören."
Die Frage, was die Deutschen über die Verbrechen des NS-Regimes wussten und wer dieses Volk, das einen Goethe und einen Goebbels hervorgebracht hat, eigentlich ist, drängt sich nirgendwo so sehr auf wie in Weimar. Von der Antwort hing auch die Identität des künftigen Deutschland ab, von dem seine Bewohner am wenigsten wussten, wie es in Zukunft aussehen sollte. Man konnte diese Fragen bei Goethes Gartenhaus auf einer schattigen Parkbank stellen - oder im Schatten von Leichenbergen im KZ Buchenwald. Mitte der neunziger Jahre habe ich in Weimar mehrere ältere Einwohner zum Thema Buchenwald befragt. Ich wollte wissen, was sie damals gewusst haben. Doch die Recherche brachte kein eindeutiges Ergebnis - außer: Man weiß über staatlich angeordnete Verbrechen immer so viel, wie man wissen will - das gilt erst recht in Diktaturen.
Gisela H., die ich damals kennen lernte, machte auch in hohem Alter einen naiven Eindruck - gepaart mit einer Portion Selbstzufriedenheit. Sie hatte sich damit zufrieden gegeben, "da oben" säßen nur Kriminelle - mehr wollte sie auch gar nicht wissen. Die Konfrontation mit den Ermordeten und den "stummen, übergroßen Augen" der überlebenden KZ-Häftlinge erfüllte sie dann mit Entsetzen - doch Schuld und Scham über die in deutschem Namen begangenen Verbrechen empfand sie erst im hohen Alter. Mit Goethe identifiziert es sich eben leichter. Es ist bemerkenswert, dass viele Weimarer bis heute ohne mit der Wimper zu zucken über den Dichterfürsten sprechen, als sei er ein verstorbener Großonkel gewesen, über Buchenwald aber allenfalls seufzen - und dann schweigen. Hans Magnus Enzensberger hat den ständigen Verweis der besiegten Deutschen auf die Klassiker nach dem Zweiten Weltkrieg einmal als "verblasenen Idealismus" bezeichnet, der doch nichts anderes sei als "nur eine andere Form der Bewusstlosigkeit".
"Tränen sind nicht genug"
Die Geschichte von Wolfgang Held, der später in der DDR als Schriftsteller vor allem für seine Kinder- und Jugendbücher bekannt wurde, klang wieder ganz anders. Er war von sich aus auf den Ettersberg gewandert, weil er hoffte, dort oben im Lager "meinen Onkel zu finden". Held war im April 1945 erst 16 Jahre alt, doch er begriff mehr als die meisten Erwachsenen. Sein Onkel war als Kommunist nach Buchenwald verschleppt worden - nun hoffte er, ihn unter den Überlebenden zu finden. Doch er hatte kein Glück. Der Onkel war zwar tatsächlich einige Zeit in Buchenwald inhaftiert, hatte sich aber, um dem KZ zu entgehen, freiwillig für ein sogenanntes "Himmelfahrtskommando" der Wehrmacht gemeldet und war in der Sowjetunion von der Truppe desertiert und übergelaufen. Die Russen aber hielten ihn für einen Spion und haben ihn wahrscheinlich erschossen.
Der Onkel verschwunden, ringsum ihn Leichen, "nackt, kahl, nur noch Haut und Knochen, aufgeschichtet zu einem Stapel". Held rennt verzweifelt in den Wald, vorbei an frischen Massengräbern. Er weint, bis ein Häftling auf ihn zukommt und mit Blick auf eine Grube voller Leichen sagt: "Da sind Tränen nicht genug, mein Junge." Held wollte für sein Leben Konsequenzen ziehen aus dem Erlebnis auf dem Ettersberg. Nicht jeder, der sich mit den Gräueln der Nazis konfrontiert sah, hielt das für nötig.
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