"Wie komisch die Deutschen sind!" Mit einer aufwendigen Wanderausstellung versuchte die Bundesregierung Anfang der sechziger Jahre, den Afrikanern die Bundesrepublik näher bringen. Doch die Schau für den Schwarzen Kontinent geriet zur peinlichen Groteske. Von Christiane Fritsche
Freetown in Sierra Leone im Mai 1962: In flirrender Hitze errichten junge Weiße eine kleine Steinmauer mit der Aufschrift "The Wall". Sie soll eine andere, viel größere Mauer symbolisieren, die, viele tausend Kilometer entfernt, seit dem 13. August 1961 die deutsche Stadt Berlin teilt.
Die jungen Männer kommen aus der Bundesrepublik und gehören zu einer Messe-Crew, die seit Herbst 1961 durch Afrika tourt. Bis November 1963 wird die rund 50-köpfige Mannschaft insgesamt 24.000 Kilometer zurücklegen. Der Treck mit fast 20 Ausstellungswagen durchquert Guinea, Liberia, die Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Dahomey (heute Benin), Nigeria, Kamerun und Sierra Leone sowie Nordrhodesien (Sambia), Njassaland (Malawi), Tanganjika (Tansania), Burundi, Ruanda, Uganda und Kenia. Unterwegs stoppt er in 45 Städten - in Hauptstädten wie Monrovia und Nairobi, aber auch im Hinterland wie in Arusha, südöstlich vom Kilimanjaro gelegen, oder in Enugu, einer Provinzstadt im Südosten Nigerias am Fuße der Udi Hills.
Heute würde man von einer Imagekampagne sprechen. Den Ausstellungsmachern ging es darum, "die zum großen Teil mangelhaften Kenntnisse" der afrikanischen Bevölkerung über die Bundesrepublik zu "erweitern, wenn sie nicht überhaupt erst mit uns bekannt zu machen", verlautete aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Mit einer rollenden Messe wollte sich die Bundesrepublik den jungen Nationalstaaten Afrikas vorstellen - ein gewaltiges Unternehmen, das das Wirtschaftsministerium zusammen mit dem Auswärtigen Amt und dem Entwicklungshilfeministerium organisierte und mehrere Millionen D-Mark kostete. Nigerianer und Ghanaesen, Kenianer und Ugander sollten sich ein Bild von Westdeutschland machen - und dazu gehörte auch die Darstellung der Bundesrepublik als Teil einer gespaltenen Nation. Und nicht nur das: Die Westdeutschen verstanden sich offenbar auch als Heilsboten moderner Zivilisation.
"Maßnahme gegen das starke Auftreten der Ostzone"
Der Schwarze Kontinent - für die Bundesrepublik lange terra incognita - war erst Ende der fünfziger Jahre ins Blickfeld der Bundesregierung geraten. Immer mehr afrikanische Kolonien wurden zu unabhängigen Staaten - und damit zu potentiellen Handelspartnern. Auf dem Werbeplakat für die Wanderausstellung ist eine schwarz-rot-goldene Brücke zu sehen, die in den afrikanischen Kontinent hineinragte. Die klare Botschaft: Produkte made in Germany sollten den Weg in die Industrialisierung ebnen, und Bonn würde den Entwicklungsländern dabei unter die Arme greifen.
Neben Handelspartnern hoffte die Bundesrepublik mit der Ausstellung auch Verbündete im Kalten Krieg zu gewinnen. Die afrikanischen Staaten wurden zum wichtigen Schauplatz deutsch-deutscher Systemkonkurrenz. Der Kampf zwischen Ostberlin und Bonn um Anerkennung und Einfluss wurde hier mit besonders harten Bandagen ausgetragen. So kürzte die Bundesrepublik Tansania Anfang der sechziger Jahre kurzerhand die Entwicklungshilfe, nachdem die DDR in Daressalam ein Generalkonsulat hatte eröffnen dürfen. Kein Wunder also, dass die Bundesregierung ihre Wanderausstellung durch Afrika "in erster Linie [als] eine Gegenmaßnahme gegen das starke Auftreten der Ostzone im afrikanischen Raum" sah.
Die rollende Messe sollte einen möglichst tiefen Eindruck hinterlassen. Die Crew haute daher kräftig auf die Pauke - im wörtlichen Sinne, denn ihre Fahrzeuge rollten mit lauter Marsch- und Blasmusik in die Städte ein. Die Ausstellungswagen, umgebaute Lastwagen, wurden an den Seiten aufgeklappt und so flugs zu Ausstellungsflächen. Mit einem Feuerwerk und den Hymnen der Bundesrepublik und des Gastlands eröffneten die Deutschen ihre Schau.
Bewegliches und Buntes für die "Primitiven"
Gezeigt wurden in erster Linie "Bewegliches und möglichst Farbiges", wie ein Beamter des Wirtschaftsministeriums beschrieb, damit die "primitiven Völker" auch wirklich verstünden, was sie zu sehen bekamen. Statt Texttafeln und komplizierter Grafiken also vor allem Modelle und Filme. Mitarbeiter mit Mikrofon gaben zusätzliche Informationen.
Teil der Schau war die erzieherische Aufklärung etwa zu Gesundheit und Hygiene. Ein beweglicher Pappmaché-Mohr führte dem Publikum vor, wie man sich richtig die Zähne putzte. Daneben gab es Schaubilder zur westdeutschen Entwicklungshilfe und Fotos vom bundesdeutschen Alltag.
West-Berlin war mit einem eigenen Wagen vertreten. Während Dias einen optischen Eindruck von der geteilten Stadt vermitteln sollten, wirbelte ein Ventilator den Besuchern zum Spaß "Berliner Luft" ins Gesicht - direkt neben der kleinen Steinmauer als Miniaturausgabe der Ost-West-Grenze. Andere Fahrzeuge waren zu kompletten Werkstätten umgerüstet: Auf ihnen wurde mit Hilfe von Maschinen made in Germany Töpfe und Metallkellen hergestellt - und anschließend im Publikum verteilt.
"Freudentänze" der Eingeborenen
Die offiziellen Vertreter der besuchten Staaten waren zumeist voll des Lobes, bevor der deutsche Treck nach ein paar Tagen weiterzog. Der Handelsminister Guineas etwa bekundete im Gästebuch der Ausstellung pflichtschuldig seine "große Bewunderung und tiefen Dank". Auch manch ein westdeutscher Journalist machte beim afrikanischen Publikum schier grenzenlose Begeisterung aus. Eine Koblenzer Zeitung beispielsweise berichtete von "Freudentänzen", die die Eingeborenen bei der Einfahrt der deutschen Wagen veranstaltet hätten.
Doch es gab auch Kritik - und das nicht zu knapp. Ein deutscher Kaufmann aus Nairobi empfand die Schau als "peinliche Demonstration" und klagte: "Die deutsche Wirtschaft muß sowas bezahlen und hinterher in mühsamer Kleinarbeit die Scherben wieder zusammenkitten." Auch Egon Bahr, zu diesem Zeitpunkt noch Leiter der Pressestelle beim Berliner Senat, war mit dem Berlin-Wagen ganz und gar nicht glücklich. Der SPIEGEL bezeichnete die Schau gar als "Vormarsch des deutschen Afrika-Korps".
In der Tat wirkte vor allem der Auftritt zu den harten Klängen deutscher Marschmusik gerade einmal 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs reichlich deplaziert. Abgesehen davon war die Schau auch in sich nicht stimmig: Versuchte man einerseits, dem von Bonn ganz unverblümt als "primitiv" bezeichneten Publikum die Mundhygiene nahezubringen, setzte man anderseits die Kenntnis deutscher Schlager - ohne die sich der Scherz mit der "Berliner Luft" nicht erschloss - einfach voraus.
"Komische Deutsche"
Bei großen Teilen des Publikums stieß die rollende Messe auf blankes Unverständnis. Ein afrikanischer Besucher etwa sagte beim Betrachten von Fotos, die zeigten, wie im August 1961 Menschen aus den Häusern an der Bernauer Straße springen, zu seinem Begleiter: "Wie komisch die Deutschen sind. Sie werfen ihre Menschen aus dem Fenster."
Reaktionen wie diese und die harsche Kritik an der Ausstellung führten dazu, dass die Bundesregierung Pläne für ein ähnliches Unternehmen in Südamerika stillschweigend ad acta legte. Die rollende Messe durch Afrika blieb damit ein einmaliger Versuch, die Bundesrepublik auf diese Weise im Ausland zu präsentieren.



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