| Mobile Häuser damals: Wem es daheim nicht mehr gefällt, der zieht um - warum nicht gleich mit dem ganzen Straßenzug? Die Technisierung schreitet voran, die Industrialisierung fordert Flexibilität und Mobilität von den Zeitgenossen um 1900. Der Zeichner hat die Erfordernisse und Möglichkeiten konsequent zusammengedacht. Sieht so die Zukunft aus? |
Fliegende Schiffe, Häuser auf Rollen, Schönwettermaschinen: Vom Fortschrittswahn elektrisierte Massen erhoben um 1900 Zukunftsvorhersagen zum Volkssport - je schriller, desto besser. Beim Blick zurück zeigt sich: Viele der skurril anmutenden Visionen lagen nicht weit von der Realität. Von Solveig Grothe
Flugreisen? Zum Nordpol oder gar zum Mars? Für jedermann? Eine irrwitzige Vorstellung. Oder vielleicht auch nicht. Ende des 19. Jahrhunderts rollte der Fortschritt wie eine Dampfwalze durch die Geschichte, Erfindungen sprichwörtlich am laufenden Band revolutionierten die Arbeitswelt, die Freizeit, das Leben überhaupt. Autos, Telefone, Luftschiffe - überall brach sich die Technisierung Bahn.
"Unmöglichkeiten waren keine Hindernisse mehr," schrieb der 1838 geborene US-Schriftsteller Henry Adams in seiner 1907 erschienenen Autobiografie rückblickend. Er habe "vier unmögliche Dinge wahr werden sehen", bevor er sechs Jahre alt wurde: den Ozeandampfer, die Eisenbahn, den Telegraf und die Daguerreotypie. Und noch als alter Mann erlebte Adams den rasenden Fortschritt - als über 60-jähriger Greis steuerte er im Jahre 1900 ein Automobil durch Paris - zur Weltausstellung, die ihm noch mehr Unmöglichkeiten bot: Röntgenapparate, elektrische Gehsteige und Dynamomaschinen, die Tausende Glühbirnen zum Leuchten brachten.
Es war eine Schlüsselepoche, in der sich die Welt stärker veränderte als in jeder Etappe der Menschheitsgeschichte zuvor. Adams' Großmutter habe sich noch an die Zeit vor der französische Revolution erinnern können, schreibt der Historiker Philipp Blom: "Seine Enkel würden dabei sein, wenn die Atombombe über Hiroschima abgeworfen wurde und würden im Fernsehen miterleben, wie ein Mann die ersten Schritte auf dem Mond machte. Die wichtigsten geistigen, wissenschaftlichen und emotionalen Veränderungen, die diese beiden Welten voneinander trennen, fanden in den Jahren zwischen 1900 und 1914 statt."
Und es war nicht nur der materielle Fortschritt, es war auch eine Revolution des Denkens: Der Mensch begriff, dass er sich seine Grenzen selbst setzte. Wenn man doch fliegen konnte, wenngleich nur ein paar hundert Meter weit - warum sollte man dann nicht auch irgendwann Ozeane in der Luft überqueren oder gar das All erkunden? Die vielen revolutionären Neuerungen stachelten die Phantasie der Zeitgenossen in nie gekannter Weise an. Die Jahrhundertwende wurde zu einer Ära, in der jedermann Visionär sein konnte. Der Blick in die Zukunft blieb nicht mehr Wahrsagern und Wissenschaftlern überlassen: Er wurde regelrecht zum Volkssport.
Auf kolorierten Postkarten etwa verbreiteten Künstler und Karikaturisten Bildvisionen, die die Welt von übermorgen zeigten - brav und verspielt oder drastisch bis irrwitzig: Würde man in Zukunft mit einem Unterseeboot abtauchen oder mit Schwimmschuhen über das Wasser laufen? Elektrische Bürgersteige benutzen? Bald sogar mit seinem ganzen Haus verreisen? Ansichtskarten, die damals an jedem Zeitungsstand zum Amüsement der Leute feilgeboten wurden, entfalten heute eine fast unheimliche Wirkung - denn nicht selten lagen die populären Zukunftsapostel richtig.
Per Lift ins All, Reisen auf Atombomben, eine...
Stürze ins Eismeer und Notlandungen im Nirgendwo: Anfang des...
Vom Konsumtempel zum Pleitefall: Kaufhausketten wie Karstadt...