| Zweites Leben: Heute lebt Claus Schnelle im hessischen Gedern am Vogelsberg. Für den passionierten Jäger kein schlechtes Revier - der Wald liegt direkt nebenan. |
Flüchtende hielt er für Kriminelle - und tut das bis heute: Als DDR-Grenzoffizier verhinderte Claus Schnelle jahrzehntelang sogenannte Grenzdurchbrüche an der Mauer. Als das Regime wankte, stellte er manches in Frage. Nur nicht das System. Von Christoph Gunkel
Natürlich hätte er geschossen, auch auf die eigenen Landsleute. Vielleicht hätte er daneben gezielt, aber da ist sich Claus Schnelle nicht einmal sicher. Eines steht für den ehemaligen DDR-Grenzoffizier jedenfalls fest. "Meine Familie und meine Karriere hätte ich nicht geopfert", sagt er. "Meine Laufbahn wäre beendet gewesen, wenn ich jemanden bewusst durchgelassen hätte."
Claus Schnelle ist ein Kind der DDR. Im Mai 1948 wurde er im thüringischen Posterstein geboren, gut ein Jahr vor Gründung des "Arbeiter- und Bauernstaates", den er bis zu ihrem Untergang treu verteidigte. Sein halbes Leben sicherte er Grenzen, zwölf Jahre an vorderster Front, acht Jahre als strenger Ausbilder für den Grenzernachwuchs.
Er brachte es bis zum Oberstleutnant, wurde respektiert und mit Orden überhäuft für "hervorragende Verdienste bei der Sicherung der Staatsgrenze". Und dann musste er 1989 den Zusammenbruch des Staates miterleben, für den er sich mit so viel Verve einsetzte - direkt vor Ort, an der Grenze durch Berlin. Es war aber auch die Zeit, in der er zum ersten Mal ein klein wenig gegen die ehernen Regeln zur Durchsetzung des brutalen "Grenzregimes" verstoßen würde.
Die Treffsicherheit des passionierter Jägers
Heute, 20 Jahre nach der deutschen Einheit, die er als "Übernahme" bezeichnet, hat er sich ein zweites Leben im hessischen Gedern am Vogelsberg aufgebaut: weißes Familienhaus, luftiger Wintergarten, das Wohnzimmer vollgestopft mit Geweihen erlegter Hirsche - Zeichen der Treffsicherheit des passionierten Jägers. Alles strahlt gesicherten Mittelstand aus - und Schnelle, ein freundlicher Mann mit roten Wangen und stechend blauen Augen, ist sich der Widersprüchlichkeit seiner heutigen Situation durchaus bewusst: "Mir geht es weit besser als vielen, die damals gegen die DDR protestiert haben", sagt er.
Dennoch lebt er auch ein wenig die DDR weiter, sie ruht in Fotoalben und in Schränken, aus denen Schnelle plötzlich seine alte Uniform hervorkramt. Sie ist immer noch akkurat gebügelt, und als der 61-Jährige für den Besucher hineinschlüpft, klimpern die Orden.
Dabei war sein Einsatz für den SED-Staat anfangs eher dem Pragmatismus geschuldet. Als die Mutter 1963 an einer Lungenembolie starb, musste der 15-Jährige auf einmal viel Verantwortung übernehmen und suchte nach Halt. "Geh zum Militär, dann hast du ausgesorgt", riet ihm sein Cousin, selbst bei der Armee. Schnelle hörte auf ihn, obwohl seine Mutter "strikt dagegen gewesen wäre". Auch sein Vater blieb skeptisch. Er hatte in Stalingrad gekämpft, war in russische Gefangenschaft geraten und kriegsmüde heimgekehrt. "Überleg dir genau, was du tust", mahnte er.
Schüsse nur nach Vorschrift
Doch der Filius entwickelte sich zum überzeugten Grenzsoldaten. Er mauserte sich in seinem Regiment in Plauen, das für die Region am Dreiländereck mit der Bundesrepublik und der CSSR zuständig war, vom Zugführer zum Kompaniechef. Fluchtversuche in dieser Gegend nennt Schnelle heute noch "Angriffe auf die Grenze", obwohl sie nicht von außen, sondern von innen kamen, von desillusionierten Bürgern, die ihre Unfreiheit nicht mehr ertragen wollten.
Dafür hatte er nie Verständnis: "Man kann nicht einfach den Schwanz einziehen und abhauen. Man muss sich den Probleme stellen und helfen, etwas zu ändern." Aber wie, wenn der Staat einem die Luft zum Atmen nimmt? "Wer weg wollte, konnte einen Antrag auf Ausreise stellen." Aber zog derlei nicht massive Repressionen nach sich? Claus Schnelle zuckt mit den Schultern. "Darüber hatte ich nicht zu befinden." Für ihn galt der Fahneneid. Und ein Grundsatz: "Wer über die Grenze fliehen wollte, beging eine Straftat." Eigenhändig schnappte er vier Fluchtwillige, darunter zwei Jugendliche: "Die haben Rotz und Wasser geheult."
Solche Menschen verstand er nicht als Opfer. "Das waren keine Freiheitskämpfer. Das waren Leute, die ein Vorstrafenregister hatten oder schon mal im Knast gesessen hatten", behauptet er. "Für die BRD wären sie keine wertvollen Bürger gewesen." Trotzdem ist Schnelle heilfroh, dass er, wie er sagt, nie auf seine Landsleute schießen musste. Er hätte es wohl getan, "aber nur nach Vorschrift" - nach der Aufforderung zum Stehenbleiben und einem Warnschuss. Das System der Unterdrückung, das Schüsse auf die eigenen Bürger zur Staatsräson erhob, hinterfragte er hingegen nicht.
Fluchtversuche mit dem Heißluftballon
1979 gab es in seinem Zuständigkeitsbereich in der Nähe von Lobenstein einen spektakulären Fluchtversuch mit einem selbstgebastelten Heißluftballon. Schnelle befand sich damals mit seiner Kompanie zu einer Militärübung im Wald. Die zurückgebliebene Wachmannschaft meldete den Ballonflug nicht weiter, und Schnelle musst sich die Frage anhören, ob er sie ausreichend instruiert hatte. Die Flucht war misslungen, weil der Ballon vor der Grenze zu Boden ging, doch die "Republikflüchtlinge" an Bord waren verschwunden.




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