| Illegales Wagenrennen: Judah Ben Hur treibt wie wahnsinnig das Pferdegespann an. Sein Erzfeind Messala ist ihm nicht nur dicht auf den Fersen, er trachtet ihm auch nach dem Leben. Mit rotierenden Messern, die an den Rädern seines Wagens befestigt sind und gnadenlos alles zerstückeln, was in ihre Nähe kommt. Natürlich gab es solche gemeinen Waffen nicht bei den Wagenrennen im alten Rom. Trotzdem wäre das legendäre Wagenrennen in "Ben Hur" (1959) wohl nur halb so spannend gewesen, hätte der Regisseur dieses Detail nicht dazu erfunden. Mal ganz abgesehen davon, dass nach Meinung der Historiker der grandiose Showdown zwischen Ben Hur und Messala ohnehin gar nicht möglich gewesen wäre. Als Mitgliedern der Oberschicht wäre es den beiden schlicht nicht erlaubt worden, an diesem mörderischen Rennen teilzunehmen. |
Mammuts halfen beim Pyramidenbau, Frankreichs König Ludwig XVI. hatte Angst vor Sex und eine jüdische Eliteeinheit skalpierte im Zweiten Weltkrieg jede Menge Nazis - zumindest wenn man Hollywood glaubt. einestages hat die dreistesten Fehler in Historienfilmen gefunden. Und die schönsten. Von Benjamin Maack
Was für eine Materialschlacht! Die Anfeuerungsrufe einer tausendköpfigen Menge branden auf, Pferdehufe donnern über den Boden der gigantischen Arena, römische Kampfwagen werden an die Bande gedrückt und überschlagen sich, Wagenlenker verlieren den Halt, stürzen, werden sekundenlang an Zügeln durch den Staub geschleift und schließlich erbarmungslos niedergetrampelt. Kein Crash Derby könnte packender inszeniert werden. Das große Wagenrennen in dem Sandalen-Epos "Ben Hur" ist eine der besten Actionszenen der Filmgeschichte - und doch völlig unmöglich.
Der Showdown zwischen Judah Ben Hur, gespielt von Charlton Heston, und seinem Erzfeind Messalla hätte so gar nicht stattfinden können. Zumindest, wenn man einen Geschichtsexperten fragt. Den beiden Mitgliedern der römischen Oberschicht wäre es schlicht nicht erlaubt worden, an diesen mörderischen Rennen teilzunehmen, stellt der Historiker Marcus Junkelmann in seinem Buch "Hollywoods Traum von Rom" fest. Doch soll man deshalb auf eine so grandiose Szene verzichten?
Im Vorfeld zu Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" warfen viele Kritiker die Frage auf, wie weit man Geschichte verfälschen darf. "Times Online" erstellte zum Filmstart gar eine Top Ten der Filme mit den größten historischen Ungenauigkeiten. Darf man also ein Corps eiskalter jüdischer Nazijäger erfinden und darüber einen Kinofilm drehen? Oder sind die historischen Tatsachen unantastbar? Dürfen Filmschaffende die Geschichte nach Belieben aufribbeln und ein eigenständiges Kunstwerk daraus stricken? Oder ist das unmoralisch gegenüber den Menschen, die dabei waren?
Ein Angriff auf die Erinnerungen
Letzteres gilt natürlich vor allem für Stoffe, deren Protagonisten noch nicht selbst Geschichte sind. Etwa der Kriegsfilm "Die letzte Schlacht" von 1965, in dem die Ardennen-Offensive dramatisiert wurde. Das falsche Wetter, die falsche Landschaft und die falschen Panzer - die Kinoversion der Niederschlagung der letzten deutschen Großoffensive des Zweiten Weltkriegs war so sehr von kleineren und größeren Fehlern durchsetzt, dass Dwight D. Eisenhower persönlich reagierte. Der Ex-US-Präsident und ehemalige Oberbefehlshaber der Alliierten berief trotz Ruhestand eine Pressekonferenz ein, um seinen Unmut über den Film zu äußern.
Einen Schnitzer von diplomatischer Brisanz leistete sich der Drehbuchautor des Kriegsfilms "U-571" von 2000. Auch David Ayer dramatisierte eine Episode des Zweiten Weltkriegs. Den Tatsachen entsprechend ließ er die Alliierten durch das Entern eines deutschen U-Boots an eine der Enigma-Chiffrier-Maschinen inklusive der Codebücher gelangen. Ein spannender Stoff, den Ayer mit einem Dreh noch besser auf das amerikanische Publikum zuschneiden wollte - er ließ das Verschlüsselungssystem von amerikanischen Soldaten erbeuten. Tatsächlich wurde die Enigma aber am 9. Mai 1941 von der Besatzung des britischen Zerstörers "HMS Bulldog" erobert.


Der damalige britische Premierminister Tony Blair nannte den Film "einen Angriff auf die Erinnerungen" jener, die an der Aktion beteiligt waren. Bill Clinton, damals US-Präsident, antwortete auf diesen Vorwurf mit einem Brief, in dem er bekräftigte, dass es sich um eine Fiktion handele. Noch 2006 wurde Ayer in einem Interview mit der BBC auf den Vorfall angesprochen - und zeigte Reue. "Meine beiden Großväter waren Offiziere im Zweiten Weltkrieg", kroch er zu Kreuze, "und ich wäre persönlich beleidigt, wenn jemand ihre Leistungen verzerren würde."
Wollhaarmammuts in der Wüste
Doch nicht alle Faktenfehler in Historienfilmen sind so ernst zu nehmen. Oft genug sind sie einfach nur zum Schreien komisch. Etwa, wenn Roland Emmerich in seinem Steinzeit-Blockbuster "10.000 BC" den Zuschauer glauben machen will, dass die ersten Pyramiden 7000 Jahre vor ihrer tatsächlichen Entstehung mit der Hilfe von Wollhaarmammuts, die als Lastentiere dienten, erbaut wurden.
Manchmal entfaltet ein Film nach historischer Vorlage aber auch erst durch Eingriffe in die wahre Geschichte die ganze Schönheit und Wucht, zu der Kino fähig ist. In dem Biopic "Ed Wood" zum Beispiel lässt Regisseur Tim Burton etwas Ungeheuerliches geschehen. Wood, der sich mit Filmen wie "Plan 9 From Outer Space" und "Glen Or Glenda" den Ruf als schlechtester Regisseur aller Zeiten erfilmt hat, trifft hier auf einen der großen Innovatoren des Kinos, Orson Welles. Natürlich hat diese Begegnung in Wirklichkeit niemals stattgefunden. Doch das Zusammentreffen der beiden Regisseure ist einer der magischen Momente der Kinogeschichte.
Es ist nur ein kurzer Dialog über die Probleme, mit denen man als visionärer Regisseur konfrontiert wird. Orson Welles versucht gerade verzweifelt, Mittel für die Produktion einer "Don Quichotte"-Verfilmung aufzutreiben, Ed Wood verzweifelt an den Dreharbeiten zu "Plan 9 From Outer Space". "Wenn man eine Vision hat", sagt Welles zu Wood, "dann muss man für sie kämpfen. Wer will schon sein Leben lang die Träume anderer verwirklichen?" Danach geht der Trash-Filmregisseur zurück ans Set und beendet seinen Science-Fiction-Streifen, "Don Quichotte" sollte niemals fertig werden.
Auch "Ben Hur"-Regisseur William Wyler wollte etwas Magisches entstehen lassen - einen möglichst realistischen Film, der zur Zeit des römischen Reichs spielt. Nach der Fertigstellung aller Kostüme und Kulissen lud er deshalb eine Historikerin ein, die alles auf seine Authentizität überprüfen sollte. "Was", fragte Wyler am Ende des Rundgangs gespannt, "soll ich machen, damit es noch echter wird?" Die Reaktion der wissenschaftlichen Beraterin hätte eindeutiger nicht sein können: "Man müsste alles verbrennen." Wohl gerade, weil Wyler das nicht getan hat, wurde "Ben Hur" ganz großes Kino.
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