Wenn Angela Merkel und Wladimir Putin kommende Woche nach Danzig reisen, werden sie bei der Gedenkfeier zum Kriegsbeginn vor 70 Jahren mit Polens Sicht auf den Überfall konfrontiert werden. Auf SPIEGEL ONLINE erklärt Pawel Machcewicz, Berater von Premier Donald Tusk, warum die Polen den Zweiten Weltkrieg anders erinnern - und dem deutschen Gedenkbetrieb misstrauen.
Die polnische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Erinnerung anderer, besonders der westeuropäischen Länder. Diese Unterschiede werden bei den großen Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September auf der Westerplatte bei Danzig sichtbar werden. Staatschefs und Minister aus über 20 Nationen werden aus diesem Anlass Gäste von Polens Premierminister Donald Tusk sein, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Ministerpräsident Wladimir Putin.
Die Anwesenheit dieser beiden Regierungschefs hat einen besonderen symbolischen Charakter und berührt Fragen, die im Mittelpunkt der polnischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg stehen. Denn Polen wurde im September 1939 Opfer von zwei Aggressoren, die das Land unter sich aufteilten: Hitlers "Drittem Reich" und Stalins Sowjetunion. Für die Zeit zwischen dem 17. September 1939, als die Rote Armee in Polen einmarschierte, und dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, mit dem das antipolnische Bündnis der beiden Diktatoren zusammenbrach, machen die Polen keinen Unterschied zwischen den beiden Invasoren. Und so wird zum 70. Jahrestag in Polen an die Verbrechen beider Staaten erinnert.
Dass in vielen westeuropäischen Ländern die Rolle der Sowjetunion so nicht gesehen wird, empört die polnische Öffentlichkeit. Die Polen erinnern sich gut an den Massenmord an über 20.000 kriegsgefangenen polnischen Offizieren und Polizisten durch den NKWD, für den der Name Katyn steht, als Symbol für die sowjetischen Verbrechen. Und sie erinnern sich genauso gut an die "AB-Aktion" der Nationalsozialisten gegen die polnische Intelligenz, zu deren symbolischem Ort Palmiry nahe Warschau wurde, wo die Deutschen 1940 mehrere tausend polnische Intellektuelle erschossen.
JETZT AM KIOSK:
"Der Krieg der Deutschen - 1939: Als ein Volk die Welt überfiel" - mit einer DVD von SPIEGEL TV.
Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL:
> Inhalt
> Vorabmeldungen
> Abo-Angebote
> E-Paper
> Heft kaufen
Die Befreiung brachte nicht die Freiheit
Einen besonderen Platz in der Erinnerung der Polen hat der am 23. August 1939 unterzeichnete Hitler-Stalin-Pakt, der den Weg für den Krieg freimachte und den polnischen Staat zwischen zwei totalitären Großmächten aufteilte. Deshalb ist in Polen die kürzlich veröffentlichte
Erklärung deutscher Intellektueller zum Hitler-Stalin-Pakt mit großer Genugtuung aufgenommen worden. In ihr fordern rund 150 Historiker, Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, dem Hitler-Stalin-Pakt im deutschen wie im westeuropäischen Gedenken einen größeren Platz einzuräumen - und nicht nur an die deutschen, sondern auch an die sowjetischen Verbrechen dieser Epoche zu erinnern. In Polen wird dieses Dokument als erste Reaktion der westeuropäischen Intellektuellen wahrgenommen, die der osteuropäischen und speziell polnischen Befindlichkeit in Sachen Geschichte entgegenkommt.
Ein weiteres, wichtiges Element der polnischen Erinnerung ist die Überzeugung, dass die Niederlage des "Dritten Reichs" 1945 Polen keineswegs die Freiheit brachte - obwohl das Land formell zur Anti-Hitler-Koalition gehörte, vom ersten bis zum letzten Kriegstag kämpfte und zahllose Opfer brachte. Die Rote Armee befreite Polen zwar von der deutschen Besatzung und Terrorherrschaft, doch brachte sie zugleich erneute Unterdrückung in Gestalt einer kommunistischen Diktatur und vollkommener Abhängigkeit von der Sowjetunion.
Im kollektiven Gedächtnis der Polen herrscht die allgemeine Überzeugung, dass für sie der Krieg nicht im Mai 1945 zu Ende ging, sondern erst im Sommer 1989, als Polen die Unabhängigkeit wiedergewann und die kommunistische Diktatur abwarf. Aus diesem Grund stehen 2009 zwei eng miteinander verknüpfte Daten im Mittelpunkt des Gedenkens: der Kriegsausbruch am 1. September 1939 und der 4. Juni 1989, als Polen mit den halbfreien Wahlen einen entscheidenden Schritt in die Freiheit tat.
Die Duplizität des Gedenkens
Diese Duplizität des historischen Gedenkens verbindet sich mit einem anderen brisanten Erinnerungsort der Polen: In Jalta, dem Badeort auf der Krim, besiegelten im Februar 1945 die "Großen Drei" Roosevelt, Churchill und Stalin das polnische Nachkriegsschicksal, indem sie Polen der sowjetischen Einflusszone in Europa zuschlugen und die polnische Regierung in die Hände der Stalin ergebenen Kommunisten legten. Neben dem Hitler-Stalin-Pakt und Katyn ist Jalta für die Polen das wichtigste und schmerzhafteste Symbol des Zweiten Weltkriegs, das von den Westeuropäern nicht immer ganz verstanden wird.
Im Zentrum der polnischen Erinnerung stehen nicht zuletzt die von Deutschen begangenen Verbrechen - und die Befürchtung, dass diese in der Bundesrepublik wie auch in den andren Ländern in Vergessenheit geraten. Welcher Deutsche, Franzose oder Amerikaner hat - von Fachleuten einmal abgesehen - von den Morden gehört, die deutschen Truppen in den ersten Tagen des Warschauer Aufstands 1944 an mehreren tausend Einwohnern der polnischen Hauptstadt verübten, darunter an Frauen und Kindern? Diese Sorge der Polen ist keineswegs abstrakt, wenn man sich daran erinnert, dass der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1994 am Vorabend des Jahrestags den Warschauer Aufstand von 1944 mit dem Aufstand des Warschauer Ghettos von 1943 verwechselte.
So, wie die Polen beider Aufstände mit gleicher Sorgfalt gedenken wollen, wünschen sie sich, dass ihre westlichen Nachbarn, auf denen eine so große historische Verantwortung lastet, mindestens die Grundzüge der polnischen Geschichte kennen. Aber in Deutschland ist es kein Teil der kollektiven Erinnerung, dass Einheiten der Sicherheitspolizei, der SS und des SD allein im September und Oktober 1939 anhand vorbereiteter Listen etwa 20.000 polnische Intellektuelle ermordeten. Bereits im September 1939 führten die Deutschen einen totalen Krieg - auch gegen die Zivilbevölkerung. Militärisch unbedeutende Städte wie Wielun, das die deutsche Luftwaffe in den ersten Stunden des Kriegs dem Erdboden gleichgemachte, wurden bombardiert, die Zivilbevölkerung beschossen, Verbrechen an Kriegsgefangenen verübt. Allein bei einem Massaker bei Ciepielow, zwischen Lodz und Lublin, ermordeten Wehrmachtsoldaten in den ersten Kriegstagen 300 Kriegsgefangene.
SPIEGEL TV Dokumentation:
"Der seltsame Sieg - Hitlers Blitzkrieg gegen Frankreich"
Sonnabend,
29. August 2009 um
20.15 Uhr auf VOX
Auseinanderdriften der deutsch-polnischen Sensibilitäten
Die berühmt-berüchtigte Wehrmachtausstellung, die in den neunziger Jahren die Verbrechen der regulären deutschen Armee dokumentieren wollte, enttäuschte die Polen. Sie zerstörte zwar die Legende von der "sauberen" Wehrmacht, aber da sie erst mit dem deutschen Überfall auf die UdSSR 1941 einsetzte, suggerierte sie dem Publikum, dass der Septemberfeldzug 1939 gegen Polen von den deutschen Soldaten noch ehrenvoll geführt wurde.
So befürchten die Polen, dass in Deutschland zwar an den Holocaust und die im Krieg gegen die Sowjetunion begangenen Verbrechen erinnert wird, für die nationalsozialistische Besatzung ihres Landes und deren völkermörderischer Charakter zu wenig Raum gelassen wird. Es ist diese Furcht, die die gelegentlich allzu emotionalen Reaktionen der Polen erklärt, wenn sich die Deutschen in den letzten zehn Jahren zunehmend auf das eigene Leiden im Zweiten Weltkrieg konzentrieren - auf die Bombardierungen deutscher Städte durch die Alliierten, auf die Flucht vor der Roten Armee, auf die Vergewaltigungen deutscher Frauen oder die nach dem Krieg erlittenen Zwangsumsiedlungen. Besonders verärgert sind die Polen über die geschichtspolitischen Aktivitäten von Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, die ihnen als Belastung für die deutsch-polnischen Beziehungen gilt.
Hintergrund dieser Spannungen ist das Auseinanderdriften der deutschen und der polnischen Sensibilitäten in Sachen Geschichte in den vergangenen Jahren. Sowohl die polnischen Historiker als auch die polnische Öffentlichkeit haben es in den vergangenen zehn Jahren geschafft, sich mit den heiklen Seiten der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Es wurde eine große Debatte über den Mord an den Juden von Jedwabne im Juli 1941 geführt, an dem Polen beteiligt waren. Die polnische Presse hat auch die Morde thematisiert, die 1945 von polnischen Milizionären an deutschen Zivilisten in Aleksandrow Kujawski und Nieszawa verübt wurde. An beiden Orten wurden Denkmäler errichtet, die an das Geschehen erinnern.
Schlimme Spirale
Wir haben sehr viel für die aufrichtige Auseinendersetzung mit der eigenen Geschichte getan. Viele Polen sind der Meinung, dass dies von den deutschen Nachbarn nicht genügend geschätzt wird. Die Deutschen, so ist die herrschende Sicht, seien in eine andere Richtung gegangen, indem sie sich auf das eigene schmerzhafte Schicksal konzentrieren und andere - darunter auch Polen - für Ereignisse wie zum Beispiel die Zwangsumsiedlungen verantwortlich machen.
Ist ein Ausweg aus dieser schlimmen Spirale denkbar? Eine einfache Lösung gibt es nicht. Manche Initiativen und Ereignisse geben jedoch Hoffnung für die Annäherung unserer historischen Empfindlichkeiten. Ein Beispiel dafür ist die vor kurzem eröffnete Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten zwei Jahrhunderten. Die polnische Öffentlichkeit nahm die Ausstellung sehr positiv auf. In Polen wiederum wurde eine Initiative ins Leben gerufen, in Danzig ein "Museum des Zweiten Weltkriegs" zu errichten, in dem die polnischen Erfahrungen mit denen anderer Länder, darunter auch Deutschlands, verknüpft werden sollen. Vielleicht wird es uns 2014, wenn das Museum eröffnet werden soll, etwas leichter fallen, die unterschiedlichen historischen Erfahrungen unserer Länder zu verstehen.
Pawel Machcewicz, 43, ist Professor für Geschichte an der Kopernikus-Universität in Thorn (Torun). Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat Machcewicz 2008 zum Bevollmächtigten seiner Regierung für das in Danzig geplante "Museum des Zweiten Weltkriegs" ernannt.
Übersetzung aus dem Polnischen von Malgorzata Piekarz, Andreas Mix und Jan Puhl