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1932

Entführung des Lindbergh-Babys "You gelt the Mony from Mr. Lindbergh"


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Lindbergh-Baby Entführung: Ein Zeitungsausschnitt aus dem März 1932 zeigt ein Bild des entführten Charles A. Lindbergh Jr., dem Sohn des Piloten Charles Lindbergh. Die Entführer verlangten 50.000 Dollar Lösegeld.

Charles Lindbergh war der erste Weltstar des 20. Jahrhunderts. 1932 wurde sein Sohn entführt. Noch heute gilt dieses Verbrechen als einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Welt - und als der Wendepunkt im Leben des berühmten Piloten.


Das Fenster steht einen Spalt weit offen. Ein weißer Briefumschlag liegt auf dem Sims. Und das Bett des ersten Lindbergh-Sohnes, Charles Junior, eineinhalb Jahre alt, ist leer. Der berühmte Pilot, seit seiner Atlantiküberquerung 1927 in Amerika ein Nationalheld, findet ein Kuvert mit einer Lösegeldforderung. Unbekannte verlangen 50.000 Dollar. Es ist der 1. März 1932, der Tag, an dem sich das Leben des Charles Lindbergh komplett verändert.

Die Lösegelderpressung ist in holprigem Englisch verfasst. Die Polizei tippt auf einen deutschen oder skandinavischen Kidnapper. Lindbergh trommelt sowohl sämtliche Polizeibeamte als auch Journalisten in sein abgelegenes Haus außerhalb New Yorks. Noch in der Nacht schmeißen sämtliche Zeitungen ihre Titelstory um - alle rufen zur Mithilfe im Entführungsfall auf.

Lindbergh leitet inoffiziell die Untersuchungskommission und will Herr des Verfahrens sein. Norman Schwarzkopf, Chef der Staatspolizei und Vater des gleichnamigen Oberkommandierenden der US-Streitkräfte im ersten Krieg gegen den Irak, überlässt dem Piloten das Kommando.

Lindbergh verbietet seiner Frau Tränen in der Öffentlichkeit

US-Präsident Herbert C. Hoover bietet die Unterstützung von FBI, Air Force und Geheimdienst an. Aus dem Gefängnis soll sich Mafia-Boss Al Capone gemeldet und seine Kontakte angeboten haben. Lindbergh beauftragt jedoch einen anderen Mafioso, der in der Unterwelt recherchieren soll. Die Polizei duldet es widerspruchslos.

Der Kongress bringt binnen weniger Tage ein neues Gesetz auf die Tagesordnung, das Kindesentführung mit der Todesstrafe bestrafen soll - das sogenannte "Lindbergh-Gesetz".

Lindberghs Frau Anne Morrow ist im dritten Monat schwanger. Er verbietet ihr, in der Öffentlichkeit zu weinen, und verkneift sich selbst jegliche Regung. "Es hat sie entsetzt, dass er kein einziges Mal in dieser Zeit weinte", sagt Rudolf Schröck, Autor der Biografie "Das Doppelleben des Charles A. Lindbergh". Die Frau des Piloten habe sich bei dem Lindbergh-Biografen und Pulitzer-Preisträger A. Scott Berg ausgeweint. Ihn traf Schröck im Rahmen seiner Recherche in Paris.

Die Entführung des Lindbergh-Sohnes - bei seiner Geburt am 22. Juni 1930 hatten die Radiostationen ihre Sendungen unterbrochen - ist lebensentscheidend für den Nationalhelden. Zum zweiten Mal dreht sich die Welt um ihn - wie vor fünf Jahren, als er in seiner einmotorigen "Spirit of St. Louis" in 33 Stunden nonstop und allein von New York über den Atlantik nach Paris flog. Nach seiner Landung in Paris regnete es in New York 1800 Tonnen Konfetti.

Der Weltstar des 20. Jahrhunderts zieht sich zurück

Touristen belagern nach der Entführung das Haus der Lindberghs, es gibt Souvenirs zu kaufen. Piloten fliegen Gaffer für 2,50 Dollar über das Grundstück. Niemand ahnt, dass Charles Junior längst tot ist. Erst am 12. Mai entdeckt ein Lastwagenfahrer das tote Kind in einem Wald nahe der elterlichen Villa.

Lindbergh identifiziert den Leichnam - und lässt ihn danach sofort verbrennen. "Er wollte vermeiden, dass sich die Paparazzi auf ihn stürzen - und trotzdem gab es einen Schnappschuss aus der Leichenhalle. Außerdem sollte es keine Beerdigung unter der Begleitung Hunderter Reporter und einer gebrochenen, schwangeren Ehefrau an seiner Seite geben", sagt Lindbergh-Biograf Schröck.

Trotz Blitzlichtgewitter schmuggelt Lindbergh später die Urne mit den sterblichen Überresten seines Sohnes an Bord seiner Maschine und verstreut die Asche über dem Atlantik. Am selben Tag wird sein zweiter Sohn Jon geboren. Die Öffentlichkeit erfährt von der Geburt erst sechs Wochen später.

Der Tod seines Kindes markiert einen Wendepunkt in Lindberghs Leben. Der Pilot verbannt die Öffentlichkeit, meidet sie konsequent. Er ist der erste Weltstar des 20. Jahrhunderts. Nie zuvor gab es einen vergleichbaren Hype um eine einzelne Person, nie zuvor war ein Mensch mit so viel Fanpost auf einen Schlag bombardiert worden. Und Lindbergh hasst es.

Die Entführung und menschliche Katastrophe weckt eine bisher unbekannte Seite in Lindbergh. "Sie erzeugt eine Art Trotzreaktion", schreibt Schröck. "Ihr habt mir mein erstes Kind genommen, aber ich werde noch viele Kinder in die Welt setzen!", soll der Pilot gesagt haben.

Die Gerüchte um den Entführungsfall sind bis heute nicht verstummt. Immer wieder tauchen Menschen auf, die behaupten, sie seien eigentlich das "Lindbergh-Baby". Andere stellen die Theorie der inszenierten Entführung auf: Lindbergh habe nur einen Kindstod oder einen Unfall vertuschen oder das Kind gar zur Adoption freigegeben wollen.

Die Biografen Berg und Schröck, die beide die Akten des Kriminalfalles durcharbeiteten, halten solche Thesen für abstrus. "Ich hatte Zweifel an der Täterschaft Hauptmanns, doch die habe ich seit der Akteneinsicht nicht mehr", sagt Schröck. "Ich halte aber den Prozess für skandalös: Die amerikanische Justiz konzentrierte sich damals nur auf Hauptmann. Der war meines Erachtens an der Tat beteiligt, aber nicht alleine."

Die Kennedys sind Lindberghs Vorbild

Auch Berg, der als erster Autor Zugang zu dem vollständigen Nachlass Lindberghs und den Tagebüchern von Anne Morrow hatte, beteiligt sich nicht an Verschwörungstheorien: Er lässt dennoch Fragen nach Mittätern offen und beschreibt eine schlampige Ermittlung sowie einen unfairen Prozess.

Lindbergh selbst machte bis zu seinem Tod im Jahr 1974 Hauptmann für den Tod verantwortlich - und die Boulevardpresse, die ihn mit Mitleid überschüttete und ihn in seinen Augen noch mehr zur Beute der Öffentlichkeit, zum möglichen Opfer weiterer Krimineller und Wahnsinniger, machte. Für kurze Zeit flüchtet er deshalb mit seiner Familie nach Europa.

Mit seiner Frau Anne Morrow zeugt Lindbergh nach Charles Junior und Jon noch vier Kinder. Daneben gründet er heimlich drei Familien und wird noch sieben Mal Vater. Mit den Müttern seiner Kinder, zwei Schwestern aus München und seiner Privatsekretärin, führt er ein Doppelleben und verwirklicht seinen Traum von einer Großfamilie. "Der kinderreiche Kennedy-Clan war sein großes Vorbild", sagt Schröck, der Zugang zum Familienarchiv sowie zu 400 Seiten heimlicher Korrespondenz zwischen Lindbergh und einer der beiden Schwestern, Brigitte Hesshaimer, hatte.

Denn Lindbergh war Anhänger der Eugenik, deren Ziel es ist, den Anteil positiver Erbanlagen zu vermehren. In seinen Memoiren beschreibt er, wie er seine Spermien unter dem Mikroskop betrachtete und das Bedürfnis empfand, sich zu vermehren. Schröck sagt: "Der Mord an seinem Kind war eine Art Katalysator, die seine Struktur nach außen kehrte."

Julia Jüttner

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 01.03.2007


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