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1967

Kinogeschichte Der beste Film, der nie gedreht wurde


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Kostümprobe in Stanley Kubricks Garten: Beim Dreh der gigantischen Schlachten mussten Zehntausende Statisten mit französischen Infanteristenuniformen (links) ausgestattet werden. Um Kosten zu sparen, ließ Kubrick diese aus Papier herstellen.

Um das Leben Napoleons zu verfilmen, häufte Star-Regisseur Stanley Kubrick die größte private Bonaparte-Sammlung der Welt an - einschließlich Wetterdaten. Am Ende erlebte Kubrick sein Waterloo, die Produktion platzte und wurde zum Mythos. Jetzt lüftet ein Buch das Geheimnis um "Napoleon". Von Benjamin Maack


Auf den ersten Blick ist es nur ein unscheinbarer Kasten mit zwölf Schubladen, jede einzelne randvoll mit Karteikarten. Ein Ordnungsmöbel, das den staubigen Geruch von Bürokratie verströmt, eine sperrige Kiste wie sie früher zu Tausenden in Ortsämtern gestanden haben mag. Doch dieser Karteikasten hatte seinen Platz nicht im Büro eines Beamten. Es stand in Childwickbury Manor in der englischen Grafschaft Hertfordshire, dem Landhaus des legendären Filmregisseurs Stanley Kubrick.

Für Kubrick-Kenner ist diese Kiste ein heiliger Schrein, ein Symbol für die Besessenheit und Genialität eines der größten Regisseure der Kinogeschichte - aber auch ein Sarg, in dem ein Traum begraben liegt. In dem Kasten steckt die jahrelange Recherche für einen Film, der am Ende doch nicht gedreht wurde: Stanley Kubricks "Napoleon".

1967 hatte der Regisseur 20 Geschichtsstudenten der Universität Oxford engagiert, um diese einzigartige Sammlung zu erstellen. Sortiert nach Datum und Namen legten diese die Kartei mit Napoleons wichtigsten Feinden, Freunden und Geliebten an. Mit der Schreibmaschine ist auf jeder Karte festgehalten, wo sich eine Person an einem bestimmten Tag aufgehalten und was sie dort gemacht hat. Und damit nicht genug: Für jedes Datum ließ Kubrick sogar die Wetterverhältnisse ermitteln - ein irrwitziges Unterfangen, doch nur ein Bruchteil von Kubricks Versuch, in die Biografie des französischen Kaisers "einzutauchen", wie er es selbst formulierte.

Ein Monstrum von einem Denkmal

Denn der Regisseur wollte nicht einfach nur das Leben Bonapartes verfilmen. Seine Vision war nicht weniger, als den absolut besten Film aller Zeiten zu drehen. Doch das Projekt, in das Kubrick so viel Herzblut und Hoffnungen steckte, scheiterte grandios. Unter Filmfans wurde es auch so zum Mythos, als "der beste Film, der nie gedreht wurde".

Was blieb, war ein gewaltiges Archiv, das jahrzehntelang im Landhaus der Familie Kubrick schlummerte. Bis die Filmhistorikerin Alison Castle nach Kubricks Tod die privaten Archive des Regisseurs sichten durfte - und dort auf die Spuren des Mammutprojekts stieß. Erstmals kann man nun nachlesen, wie weit die Recherchen Kubricks tatsächlich gingen - und wie kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten das Projekt starb.

Castles Werk "Stanley Kubrick's Napoleon: The Greatest Movie Never Made" ist kein Buch, es ist ein Denkmal. Groß und schwer wie eine Grabplatte kommt der gewaltige Band im Design eines historischen Folianten daher. Öffnet man das vom Taschen Verlag mit viel Liebe zum Detail produzierte Monstrum, verstecken sich darin nicht weniger als zehn Bücher voll mit Dokumenten, Bildern und Aufsätzen. Die einzelnen Bände zeigen Briefe, persönliche Aufzeichnungen, Korrespondenzen, Produktionsnotizen Kubricks sowie unzählige Fotos von Kostümen und geplanten Drehorten.

"Tapferkeit, Grausamkeit und Sex"

Das Leben Napoleon Bonapartes - der es von bescheidenen Anfängen auf der Mittelmeerinsel Korsika zum Kaiser der Franzosen und Beherrscher Europas gebracht hatte - zu verfilmen, wurde für Kubrick zur Obsession, ja Manie. Jahre bevor er ernsthaft den Film in Angriff nahm, verschlang der Regisseur Hunderte Bücher über den größten Feldherrn und Staatsmann seiner Zeit - historische Romane ebenso wie wissenschaftliche Arbeiten und populäre Biografien. Als die Idee zum Projekt zu reifen begann, stellte Kubrick den Historiker und Napoleon-Experten Felix Markham als Berater ein. In stundenlangen Gesprächen und Briefwechseln trieb er den Experten mit Detailfragen bisweilen an den Rand des Wahnsinns: Wie genau umarmte man sich zur Zeit der französischen Revolution? Wurde 1799 eigentlich Silvester gefeiert? Welche Hufeisen trugen die Pferde der napoleonischen Armee beim Russland-Feldzug?

Eine Armada von Mitarbeitern durchkämmte für Kubrick Archive, Bibliotheken, Privatsammlungen und Museen in ganz Europa, um Gemälde, Stiche und Zeichnungen aus napoleonischen Ära abzufotografieren. So entstand eine Bildsammlung von mehr als 17.000 Bildern, die der Ordnungsfanatiker Kubrick per Lochkarten mit einem IBM-Computer systematisch erfasste - Ende der sechziger Jahre für die meisten Menschen noch ähnlich unvorstellbare Zukunftsmusik wie Kubricks Visionen in seinem Klassiker "2001 - Odyssee im Weltraum".

Innerhalb weniger Jahre häufte der Regisseur auf diese Weise eines der größten privaten Napoleon-Archive der Welt an. Kein anderer von Kubricks Filmen verschlang schon in der Vorarbeit so viel Zeit und Geld. Besessen versuchte der Perfektionist, die Biografie Bonapartes Detail für Detail zu erschließen. Dessen Leben habe "alles, was eine gute Story braucht", schwärmte Kubrick einmal: "Einen überragenden Helden. Starke Feinde. Bewaffnete Kämpfe. Eine tragische Liebesgeschichte. Treue und verräterische Freunde. Und viel Tapferkeit, Grausamkeit und Sex."

Gigantische Schlachtenszenen mit 50.000 Schauspielern

All das wollte Kubrick auch zeigen, mit allen Mitteln, die Hollywood zur Verfügung standen. Auf seiner Wunsch-Besetzungsliste fanden sich einige der größten Schauspielernamen der Epoche: Audrey Hepburn, Peter O'Toole, Alec Guinness, Charlotte Rampling und Jean-Paul Belmondo. Im Gespräch für die Rolle des Napoleon waren Jack Nicholson, Ian Holm und der österreichische Schauspieler Oskar Werner.

Doch Kubricks Detailbesessenheit wurde schließlich zur Falle: Was sollte er bloß weglassen von dieser monumentalen Jahrhundert-Vita, von der Bonaparte am Ende selbst gesagt haben soll "Was für ein Roman mein Leben war!" Kubrick lechzte danach, alles zu erzählen: Napoleons Kindheit auf Korsika und seinen kometenhaften Aufstieg im Windschatten der Französischen Revolution, die bittere Niederlage bei Waterloo, gefolgt von Verbannung und Tod auf dem Felseninselchen St. Helena. In furiosen Sexszenen wollte er seine von Gewalt und Betrug gezeichnete Liebe zu Joséphine de Beauharnais in Bilder bannen. Von den Schlachten Napoleons schwärmte der Regisseur als "gewaltiges Todesballett", er entwarf gigantische Kriegstableaus, in denen bis zu 40.000 Infanteristen und 10.000 berittene Soldaten auftreten sollten. Es wären die größten Massenszenen gewesen, die je gedreht wurden.

"Ein sehr kruder Film"

Kubrick wurde immer mehr selbst zum Strategen, der Menschenmaterial hin- und herschob, um es optimal für seine Zwecke einzusetzen: Er müsse ein Land finden, dass seine Armee zur Verfügung stellen würde, damit die Kosten nicht explodieren, befand der Regisseur etwa. Der Drehort für die Schlacht müsse in Laufweite zur Kaserne liegen: "Nehmen wir einmal an", rechnete Kubrick damals einem erstaunten Reporter vor, "wir arbeiten mit 40.000 Infanteristen und könnten 40 von ihnen in einem Transporter unterbringen, dann würden wir tausend solcher Transporter benötigen, um sie von A nach B zu fahren." So stieg die Budgetplanung für die Mega-Produktion auf fünf Millionen Dollar - "Napoleon" wäre damit der teuerste Film seiner Zeit geworden.

Doch warum dieser ganze Aufwand? Kubricks Prämisse lautete, es habe bisher nie einen guten Historienfilm gegeben. Kein Regisseur habe jemals historische Fakten interessant aufbereitet und dabei trotzdem ein Gefühl für den Alltag der Figuren in ihrer Zeit vermittelt. Und gerade über seinen Helden Napoleon Bonaparte habe es "nie einen guten oder wirklichkeitsgetreuen Film" gegeben, sprach Kubrick und fegte damit selbstbewusst Hunderte von Werken der Filmgeschichte hinweg. Denn der Korse war schon Anfang des 19. Jahrhunderts, kurz nach seinem Tod, einer der Stars in der Schattenwelt der Laterna Magica gewesen. Auch die Gebrüder Lumière machten schon 1897 Bonaparte zum Thema. Und mit den Kamerafahrten seines Stummfilms "Napoléon" von 1927 hatte der französische Regisseur Abel Gance ein unbestrittenes Meisterwerk des frühen Kinos geschaffen. "Ein sehr kruder Film", urteilte Kubrick nur, "ich fand ihn wirklich fürchterlich."

Am Ende erlebte der Regisseur wie sein Held ein Waterloo. Das Projekt war bereits in voller Fahrt, das Drehbuch geschrieben, Schauplätze gefunden, Kostüme gefertigt - da stieg Produzent Metro-Goldwyn-Mayer 1969 plötzlich aus. Das Projekt war den Geldgebern zu groß geworden, sie fürchteten, dass der Zeitpunkt für ein Historiendrama falsch sei. Als kurz darauf der Napoleon-Film "Waterloo" des Star-Produzenten Dino De Laurentiis an den Kinokassen floppte, war dies der endgültige Todesstoß für Kubricks Traum.

Das Projekt wurde ad acta gelegt, der Mythos blieb. Mitte der Neunziger entdeckte der Filmproduzent Fred Kleeman das Drehbuch in den Archiven der United Artists und schwärmte in einem Zeitungsinterview: "Selbst die letzte Szene von 'Citizen Kane' kann da nicht mithalten." Davon können sich Kubrick-Fans nun selbst überzeugen - das Drehbuch liegt der neuen Veröffentlichung bei.


Zum Weiterlesen:



"Stanley Kubrick's Napoleon: The Biggest Movie Never Made". Taschen Verlag, Köln 2009. 2974 Seiten, 500 Euro.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Wolfgang Borgfeld am 7. November 2009, 13:50
Das mit den 5 Mio. $ und dem teuersten Film kann nicht stimmen. Im zitierten Brief (Bild 10) steht Budget 5 Mio. ohne Währungsangabe. Ende der 60er Jahre hatte Kubrick bereits...

adi kiescher am 4. November 2009, 22:22
Der beste Film, der nie gedreht wurde, ist natürlich "Stalingrad" (Arbeitstitel) von Sergio Leone.


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