| Ross und Reiter: Ein Jockey und sein Pferd werden nach dem Rennen zu den Boxen geleitet. Die farbenprächtige Kulisse zog viele Amateurfotografen an die Rennstrecke des Hialeah Park. |
Ein verschrobener Milliardär verwandelte ab 1930 eine Pferderennbahn in Florida in ein Gesamtkunstwerk. Auf dem Hialeah Park Race Track flattern Flamingos zwischen Vollblütern. 2001 kam das Aus, das Paradies sollte einem Baseball-Stadion weichen. Aber jetzt galoppieren sie wieder.
Im November 2009 schoben die Arbeiter auf der baufälligen Anlage Doppelschichten. Tore wurden lackiert, Gebäude wieder instandgesetzt. Der 78-jährige Eigentümer John Brunetti investierte Millionen, um eine Legende wieder zum Leben zu erwecken: den Hialeah Park Race Track in Floridas Metropole Miami, eine der schönsten Pferderennbahnen der USA. Am 28. November war es soweit: Nach acht Jahren Tristesse trappelten endlich wieder Pferdehufe über die Bahn des Hialeah Park Race Track.
Die Geschichte der Bahn beginnt Anfang der zwanziger Jahre. Flugpionier Glenn Curtiss und Rinderbaron James H. Bright besitzen am Rande von Miami weite Landflächen, als klassisches Spekulationsobjekt. Florida wird immer beliebter als Winterresidenz des amerikanischen Geldadels, der sich im warmen Südosten unter Palmen gerne dem Müßiggang hingibt. So entsteht die kühne Idee, in dem kleinen Örtchen Hialeah einen großen Vergnügungspark zu bauen - mit Achterbahn, Tanzsaal und Windhundrennen. Das Herzstück des Parks soll jedoch eine große Pferderennbahn sein, inklusive Tribüne und einem luxuriösen Clubhaus - ein Millionenprojekt.
Am 15. Januar 1925 ist der erste Renntag. 15.000 Turffreunde tummeln sich zur Eröffnung auf der Anlage und füllen die Tribüne - ein bunter Zirkel aus solventen Urlaubern, alteingesessenem Geldadel, lokaler Prominenz und neureichen Selfmademen. Die "New York Times" meldet: "Amerikas neueste Heimat für Vollblutpferde, die wunderschöne Rennbahn des Miami Jockey Clubs am pittoresken Außenbezirk Hialeah gelegen, wurde heute der Öffentlichkeit zugänglich gemacht."
Sieg des Außenseiters
Alles ist an jenem Tag in Bewegung. Auf der Tribüne harrt das Publikum, bewaffnet mit Programmheft und Fernglas, des Rennbeginns. Andere nehmen im Clubhaus noch letzte Erfrischungen zu sich, während an den Totalisatoren bis zur letzten Minute hohe Dollar-Beträge gesetzt werden. Doch auf welches Pferd soll man wetten? Auf der nahen Koppel scharren edle englische Vollblüter mit den Hufen - darunter eines mit Namen Corinth. Ein Außenseiter, doch wer wenige Scheine auf den Dreijährigen setzt, hat gut investiert. Nach dem Rennen wird Corinth nicht nur für eine griechische Hafenstadt und einen deutschen Impressionisten stehen, sondern auch für den ersten Sieger von Hialeah - jedenfalls im pferdesportbegeisterten Florida.
Begeistert ist das Publikum auch wegen der grandiosen Anlage. So laufen gleich in der ersten Saison knapp 800 Pferde auf dem Hialeah Park Race Track. Wer von Miami nach Hialeah fahre, so heißt es, könne die Bahn riechen, bevor er sie sieht. Aber das Fest der Pferde und der Sinne endet abrupt. Im September 1925 verwüstet ein Hurrikan den neuen Erlebnispark samt Rennstrecke, die in einen ersten Dornröschenschlaf fällt.
Fünf Jahre später kauft der Multimillionär Joseph E. Widener die Anlage. Dessen Vater, ein geschäftstüchtiger Metzger, hatte im amerikanischen Bürgerkrieg ein Vermögen damit gemacht, die Truppen der Union mit Hammelfleisch zu versorgen. Mit einem Teil des Geldes hatte er dann Werke der französischen Maler Edouard Manet und Auguste Renoir erworben. Die Liebe zur schönen Kunst teilt auch Sohn Joseph. Er sammelt Gemälde, kauft Plastiken, unterstützt Museen (über 2000 Stücke seiner Sammlung bilden später den Grundstock der National Gallery of Art in Washington) und begeistert sich nebenbei auch noch für den Turfsport. Widener besitzt einen eigenen Rennstall und hat 1924 bereits die Leitung der elitären New Yorker Rennstrecke Belmont Park übernommen. Nachdem er sich in Palm Beach, Florida, eine 12.000-Quadratmeter-Villa gebaut hat, erfüllt sich der Rennstallbesitzer mit dem Kauf der Anlage des unweit gelegenen Miami Jockey Clubs einen persönlichen Traum: Der Mäzen will aus Hialeah ein Kunstwerk machen - sein Kunstwerk.
Fliehende Flamingos
Widener lässt eine neue Tribüne errichten, die Ställe und das Clubhaus umgestalten. Rund 20.000 tropische Bäume werden gepflanzt, dazu unzählige Büsche und Kletterpflanzen. Im treibenden Klima Floridas verwandeln sich die Zufahrten zur Anlage bald in malerische Alleen mit Hunderten Königspalmen und australischen Pinien. Nicht jedem gefällt die Umgestaltung, Kritiker sehen einen "Botanischen Garten" oder ein "tropisches Gewächshaus" entstehen - Widener stört das herzlich wenig.
Sein Gestaltungsdrang ist noch lange nicht gestillt. In der Mitte der Rennbahn lässt der Tycoon einen künstlichen See ausheben. Um die Farbgebung aufzulockern, sollen Flamingos auf der Anlage herumlaufen. Aus dem nahen Kuba lässt er die Stelzvögel importieren, insgesamt 14 Stück. Die Flamingos sind rosa und sehr dekorativ - aber auch freiheitsliebend. Nach wenigen Tagen sind alle entfleucht. Widener ist not amused. Er ordert neues Federvieh aus Kuba, Chile und Argentinien und lässt den Krummschnäbeln diesmal die Flügel stutzen. Es sind 268 Stück - das größte Flamingo-Gehege in den USA.
Schnell wird Phoenicopterus ruber (so der lateinische Name für den Flamingo) zum Blickfang der Besuchermassen und zum Symbol des Mitte Januar 1932 wiedereröffneten Hialeah Park Race Track. 1,3 Millionen Dollar hat Widener in die Anlage gepumpt, davon allein 350.000 Dollar in einen elektromechanischen Totalisator für Pferdewetten. Der macht das Zocken zum Kinderspiel: Der Kunde muss nur noch die Dollar-Scheine zücken und seinen Tipp abgeben - nach wenigen Sekunden hat er seinen ausgedruckten Wettschein in der Hand.
Die Geburt des Foto-Finish
So gilt Hialeah nicht nur als die schönste Rennstrecke der USA, sondern auch als die modernste: Anfang 1936 wird hier die erste automatische Zielkamera installiert und so das Photofinish geboren. Und Widener versteht es, für Top-Attraktionen zu sorgen - etwa das Debüt des legendären Vollbluthengstes Seabiscuit 1935 oder die Auftritte von dessen Dauerrivalen War Admiral. Hialeah wird zum Publikumsmagneten, und alles scheint rosa.
Dann greifen die Japaner Anfang Dezember 1941 Pearl Harbor an. Der Kriegseintritt der USA dämpft Hialeahs rasanten Aufschwung. Die Wetteinsätze gehen zurück, Rennen fallen aus, die Bahn muss zeitweilig sogar geschlossen werden. Als im Mai 1943 ein Aktienanteil der Rennbahn zum Verkauf angeboten werden, schlägt eine graue Eminenz zu: Joseph Patrick Kennedy. Der Vater des späteren US-Präsidenten John F. Kennedy ist nicht nur Diplomat, sondern auch Wertpapierjongleur und einstiger Chef der Börsenaufsicht. Mit dem Kauf der Rennbahnaktien beweist er einmal mehr einen guten Spürsinn.
Denn nach Kriegsende galoppiert Hialeah in sein goldenes Zeitalter. Das Geschäft zieht wieder an, die Besucherzahlen schnellen in die Höhe, ebenso die Wettumsätze. Hialeah steht nun endgültig für Florida, Flair, Flamingos und Fun. Ein Image, mit dem sich solvente und prominente Gäste an den Totalisator locken lassen. Hollywood-Star Elisabeth Taylor entspannt sich in Hialeah genauso wie US-Präsident Harry S. Truman oder der britische Kriegspremier Winston Churchill. Es ist die Zeit der großen Rennen und der legendären Pferde. Der junge Hengst Citation gewinnt 1948 die "Flamingo Stakes" - er wird als erstes Pferd die Eine-Million-Dollar-Gewinnmarke durchbrechen und zu einem Turf-Mythos werden. In Hialeah wird für Citation ein Bronzedenkmal errichtet.
Kulisse für Sakko-Cops
In den siebziger und achtziger Jahren dient die Anlage als Kulisse für mehrere amerikanische Filmproduktionen. Faye Dunaway dreht hier Teile des Boxerdramas "Der Champ", Richard Dreyfuss die Komödie "Alles auf Sieg". Und natürlich erscheint Hialeah in der Krimiserie "Miami Vice", in der die Sakko-Cops Sonny Crockett und Ricardo Tubbs im schwülwarmen Florida gegen Drogenbarone ermitteln. Im knallbunten Vorspann gebärdet sich eine Gruppe der Hialeah-Flamingos, als ob sich die Tiere durch die Rauschmittelfunde in der Asservatenkammer des Miami Vice Squads geknabbert hätten.
Doch wieder folgt auf die hochfliegenden Erfolge ein drastisches Ab. Nach einschneidenden Änderungen im Rennkalender wird die Bahn 2001 erneut geschlossen. Den letzten Lauf gewinnt ein vorlautes Fräulein, der Galopper Cheeky Miss.
Seither kämpfen Bürger von Miami für den Erhalt der Anlage. 2007 wird der Hialeah Park Race Track, der eigentlich schon seit 1979 unter Denkmalschutz steht, in die Liste der elf gefährdetsten historischen Orte der USA aufgenommen: Das Gelände ist als Standort für das Baseball-Stadion der Florida Marlins ins Gespräch gekommen. Doch der Besitzer John Brunetti kann sich nicht von der im Dornröschenschlaf liegenden Anlage trennen. Vielmehr legt er ein Konzept zur Wiederbelebung der Bahn vor. Es sieht zunächst Pferderennen mit Quarter-Horse-Züchtungen vor, später soll auf der Anlage ein Casino mit Glücksspielautomaten eingerichtet werden. Noch ist Hialeah nicht verloren.



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