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1990

Uli Hoeneß' Abschied

Der Lautsprecher


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Hoeneß for President: Am 27. November 2009 soll Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung zum Nachfolger von Franz Beckenbauer als Bayern-Präsident gewählt werden (hier im Bild beim Viertelfinale der Champions League am 14. April 2009 zwischen FC Bayern München und FC Barcelona in der Allianz-Arena).

Bei dem Typ bleibt kein Auge trocken: Uli Hoeneß hat sich in knapp 30 Jahren als Manager des FC Bayern München mit so ziemlich allen angelegt - Trainern, Fans und Funktionären, Spielern und Reportern. Trotzdem sind alle traurig, dass er jetzt sein Amt niederlegt. Was bloß ist Hoeneß' Geheimnis?


Uli Hoeneß nicht zu mögen, ist verdammt einfach. Gerade erst hat der langjährige Manager des FC Bayern wieder einen Beweis für seine Bärbeißigkeit geliefert: Per Interview in der "Zeit" verpasste er Philipp Lahm, Linksverteidiger beim deutschen Rekordmeister, einen Satz heiße Ohren. Lahm hatte einige Tage zuvor in einem Interview in der "Süddeutschen Zeitung" Kritik an der Vereinsführung des FC Bayern geübt, nüchtern und durchaus konstruktiv, wie Fachpresse und Fans unisono urteilten.

Das Echo aus Hoeneß' Mund fiel anders aus. "Lächerlich" polterte er über Lahms Bemerkung, den Bayern fehle ein langfristiges Konzept. Und da er schon einmal in Fahrt war, folgte ein verbaler Rundumschlag: HSV-Nationalspieler Piotr Trochowski, lästerte Hoeneß, könne "normalerweise keine zwei Sätze geradeaus sprechen, und jetzt spricht er über Fußballpolitik". Und über Erfolgstrainer Arsène Wenger ätze Hoeneß, dass "der noch nie einen internationalen Titel gewonnen hat".

Groß in Fahrt, rechts und links austeilend - so kennt man Uli Hoeneß. Seine 30-jährige Manager-Karriere ist durchzogen von Auftritten, die in der sonst eher farblosen und weichgespülten Fußball-Statement-Welt durchaus Unterhaltungswert haben - aber nicht gerade dazu beitrugen, Hoeneß auf der Beliebtheitsskala nach oben zu peitschen.

Unvergessene Ausraster

Unvergessen sein Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" 1989, bei dem er Christoph Daum, damals Trainer des 1. FC Köln und Konkurrent um die Meisterschaft, aufs Heftigste attackierte. Daum hatte den damals restlos überforderten Bayern-Trainer Jupp Heynckes zuvor übel beleidigt und ihm unter anderem empfohlen, doch lieber Werbung für Schlaftabletten zu machen. Hoeneß stand seinem Trainer zur Seite und griff Daum vor einem Millionenpublikum frontal an. Es war der Beginn einer Intimfeindschaft, die darin gipfelte, dass Hoeneß im Jahr 2000 den Kokainkonsum Daums öffentlich machte - für Daum das Ende seiner Träume vom Amt des Nationaltrainers. Für viele Deutsche ist Hoeneß seitdem der Inbegriff des intriganten Fussball-Bonzen.

Ebenso legendär ist Hoeneß' Ausraster bei der Mitgliederversammlung des FC Bayern 2007. Nachdem sich eingefleischte Fans über die schlechte Stimmung im Stadion - ihrer Meinung nach Folge des hohen VIP-Anteils im Publikum - beschwert hatten, brannten bei Hoeneß alle Sicherungen durch. In einer minutenlangen Tirade beschimpfte er die Fans im Tonfall eines Bierkutschers. Karl-Heinz Rummenigge, der neben Hoeneß auf dem Podium saß, geriet von Minute zu Minute mehr ins Schwitzen.

Hoeneß-Hasser fühlten sich danach mal wieder in allen Vorurteilen bestätigt. In bester Mir-san-mir-Manier und mit der Arroganz des Rekordmeisters hatte der Fußball-Pate aus Bayern gezeigt, wie er den Sport interpretiert: vor allem als Geschäft. Und tatsächlich stand Hoeneß in seiner Zeit als Manager neben allen sportlichen Erfolgen auch immer für den wirtschaftlichen Erfolg des Vereins, der Jahr für Jahr Rekorderlöse erzielte.

Gutmensch Hoeneß

Doch wer genau hinhörte, der konnte anhand der Zwischentöne in der Brandrede gut heraushören, wo im Fußballstadion Hoeneß mit seinem Herzen steht: nicht in der VIP-Area, sondern auf einem Stehplatz in der Südkurve. "Was glaubt ihr eigentlich, wer eure Sieben-Euro-Plätze finanziert?", ranzte Hoeneß die Menge an, "die Leute in den Logen, denen wir die Gelder aus der Tasche ziehen!"

Diese Aussage, die sich kaum ein anderer deutsche Fußballmanager ungestraft erlauben könnte, wirft ein Schlaglicht auf eine Seite von Hoeneß, die in den Medien zwar auch gelegentlich erwähnt wurde, an die sich aber im Zweifelsfall niemand erinnern will, weil sie so schlecht passt zum Feindbild Hoeneß: die des durch und durch bodenständigen Fußballurgesteins, des leidenschaftlichen Kickers mit dem Herz am rechten Fleck. Wer will, findet dafür reichlich Belege - zum Beispiel die Benefizspiele, die Hoeneß mit dem FC Hollywood - wie der Rekordmeister von vielen abfällig genannt wird - immer wieder für finanziell klamme Vereine veranstaltet.

So ließ Hoeneß sein Starensemble 2003 nach Hamburg einfliegen, als der FC St. Pauli, damals in der Regionalliga beheimatet, wegen Geldmangels vor dem Verlust der Lizenz stand. Unter dem Jubel der Fans, die sonst am liebsten "Zieht den Bayern die Lederhosen aus" skandieren und Hoeneß gerne mal beim Einlaufen mit Geldstücken bewarfen, drehte Hoeneß vor dem Spiel im braunen "Retter"-T-Shirt des Kiezklubs eine Runde im Stadion - und bekundete so eine für viele Fans vollkommen überraschende Sympathie für die selbsternannten "Freibeuter der Liga".

Legendäre Momente

Mehr oder weniger einmalig ist auch Hoeneß' Fürsorge für verdiente Bayern-Spieler. Er war es, der in den achtziger Jahren den legendären Bayern-"Bomber" Gerd Müller überredete, einen Alkoholentzug zu machen und in der kritischen Phase täglich zu Müller in die Klinik fuhr. Auch unterstützte er immer wieder Bayern-Spieler finanziell, die während oder nach ihrer Karriere in die Schuldenfalle geraten waren. Regelrecht rührend war sein Engagement für Sebastian Deisler, der, im Jahr zuvor für einen mehrstelligen Millionenbetrag von Hertha BSC nach München gewechselt, im November 2003 seine Depression öffentlich machte und als Spieler ausfiel.

Während Edmund Stoiber, damals Vorsitzender des Verwaltungsbeirates des Rekordmeisters, Deisler öffentlich als "das größte Verlustgeschäft des Clubs" bezeichnete, stellte sich Hoeneß vor den jungen Spieler - und kümmerte sich in den folgenden Jahren bis zu Deislers Rückzug aus dem Profifußball aufopferungsvoll um seinen Schützling.

Eins jedenfalls steht fest: Wenn sich Uli Hoeneß nun als Manager des FC Bayern verabschiedet, ist das für den deutschen Fußball ein Verlustgeschäft - es geht eine Reizfigur, ein Lautsprecher, der sich nicht scheut, klare Kante zu reden, wo sonst oft genug nur Phrasen gedroschen werden. Den FC Bayern trifft es noch härter. Der Club verliert nicht nur sein wandelndes soziales Gewissen, sondern einen Manager, der in Zeiten von Rekordablösesummen und Verschuldungsspirale stets die Bodenhaftung behielt - und den FC Bayern trotzdem wieder und wieder zum Erfolg geführt hat. Noch heute erinnern sich Anhänger des Rekordmeisters gern an legendäre Siege wie den gegen Valencia in der Champions League 2001 durch ein 5:4 im Elfmeterschießen nach Verlängerung.

Mächtiger denn je?

Weniger wohlig wird ihnen beim Rückblick auf die vergangenen anderthalb Jahre ihres Lieblingsvereins, in denen auch Hoeneß nicht immer eine gute Figur abgab. Das Klinsmann-Experiment, dessen schneller Abschuss, die Verpflichtung von Trainer Louis van Gaal gepaart mit teilweise wenig nachvollziehbaren Spielereinkäufen; vor allem ein sportliches Abschneiden weit unter allem, was beim FC Bayern sonst selbstverständlich war - irgendwie schien es, als wolle Hoeneß auf den letzten Metern seiner Regentschaft ein Denkmal hinterlassen, allerdings mit Schnellbeton gebaut. Die ruhige, nachhaltige Arbeitsweise, die ihn sonst auszeichnete, schien Aktionismus gewichen.

Vielleicht ist es gerade deswegen vorschnell, in Hoeneß' Abschied vom Posten des Managers auch seinen Abschied vom Fußball und von den Bayern zu sehen. Noch ist Hoeneß nicht einfach ein abgehalftertes Stück Fußballgeschichte - einer wie er wird wohl weiter im Hintergrund die Fäden ziehen.



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