Goethe unter Granit: Ein atombombensicherer Stollen bei Freiburg beherbergt seit mehr als 30 Jahren die Schatzkammer der Kulturnation Deutschland. Das gigantische unterirdische Archiv bewahrt Dokumente aus mehr als tausend Jahren Geschichte - für den Fall, dass das Land noch einmal zerbombt wird. Von Wolfgang Höbel
Vor 500 Jahren soll der reale Doktor Faust im nahen Staufen herumgespukt sein, in dieser schönen, spektakulär sanftmütigen Landschaft am Rand des Rheintals, wo sich die ersten Gipfel des Schwarzwalds erheben, deren berühmtester Schauinsland heißt. Heute schnurrt eine Seilbahn über Wiesen und Hügel und reichlich Laub- und Nadelwald von Freiburg hinauf bis auf 1220 Höhenmeter. Ausflügler in Bussen und Motorradfahrer verstopfen die Serpentinenstraße auf den Schauinsland, junge japanische Touristen stemmen bis spät im Herbst Bierkrüge auf der Terrasse des Seilbahn-Restaurants.
Drunten im Berg aber, nur wenige hundert Meter unter der friedlichen Idylle, besorgen deutsche Beamte seit mehr als 30 Jahren ein Geschäft, das die deutsche Kultur hinwegretten soll über die übelsten Katastrophen und Kriegsszenarien der Zukunft.
"Unser Konzept beruht auf der Vorstellung, dass der Rest von Deutschland zerbombt ist", sagt Martin Luchterhandt, Landesarchivar in Berlin und einer der Hauptverantwortlichen für das, was im Innern des Schauinsland geschieht, "zynisch ausgedrückt, sorgen wir dafür, dass die Leute nach einem Atomkrieg noch Lesestoff haben. Wenigstens hier drin im Stollen."
"Es kann sein, dass die Menschen einer fernen Zukunft unsere Dokumente so staunend betrachten werden wie wir die Höhlenzeichnungen der Steinzeitmenschen", sagt Lothar Porwich, der sich im Auftrag des Bonner Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe um den Ort kümmert, genauer: um den "Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik". Im Barbarastollen im Schauinsland schichtet man seit 1975 Edelstahlfässer auf, in denen Mikrofilme lagern. Sie dokumentieren "geschütztes Kulturgut". Darunter Handschriften Schillers und Goethes, Notenblätter von Bach und eine riesige Menge deutscher Akten, aus kaiserlichen Kanzleien, Grundbuchämtern und Gerichten. Zweimal im Jahr werden zu den derzeit 1466 Fässern neue Fuhren angeliefert, mit jeweils 10 bis 40 Stück. "Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen", heißt es in Goethes "Faust".
Wissen möchte man, warum sich im Jahr 2009, in dem der Kalte Krieg erledigt und die Gefahr eines Atomkriegs zum Glück nicht allzu drängend erscheint, die deutschen Behörden weiter eifrig für den nuklearen Ernstfall rüsten. Warum wird in einem Berg im Badischen ein Film-Schatz gebunkert, den auch schlaue künftige Erdbewohner nur mit viel Glück aufspüren werden? Vielleicht, weil der Barbarastollen nun mal einfach da und ausgebaut ist.
Der ganze Schauinsland ist durchlöchert, 800 Jahre lang hat man hier Bergbau betrieben, bis in die fünfziger Jahre hinein schürften Männer staubverschmiert nach Silber, Blei und Zink und gruben Stollen, auf 22 Ebenen und 100 Kilometer Länge.
Manche der Stollen sind für Touristen zugänglich. Der Barbarastollen nicht. Es handelt sich um einen am Osthang des Schauinsland waagerecht in den Berg gebohrten Erkundungstunnel. "Nur einmal im Jahr lassen wir bei einem Tag der offenen Tür Gruppen von 20 Leuten hinein. Die werden geführt und beaufsichtigt", sagt Porwich, der Mann vom Bundesamt.
Der Stollen endet nach 680 Metern in Granit und Gneis. Der einzige Eingang liegt gut versteckt. Hinter dem Dorf Oberried geht es erst auf einer schmalen Teerstraße steil bergwärts, dann biegt man in einer Rechtskurve auf einen Feldweg ab. Hinter dem nächsten Felsvorsprung erkennt man, eingefasst von einer drei Meter hohen moosüberwachsenen Stützmauer, ein Metallgittertor unter einem merkwürdig mickrigen Regendach.
Gemächlich wuchtet der Wachmann einer privaten Sicherheitsfirma, die täglich einmal nach dem Rechten sieht, das Gittertor auf. An den Stäben ist eine Stahlplatte angeschraubt. Auf ihr klebt dreifach ein blau-weißes Rautenmusterwappen. Es ist das Zeichen der Haager Konvention zum "Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten", ausgehandelt 1954. Über hundert Nationen sind ihr bisher beigetreten, Deutschland im August 1967. Seither werden überall die blau-weißen Rautenwappen verteilt. Man sieht sie auf den Fassaden deutscher Burgen, Schlösser und Museen.
Aber drei Wappen? Die markieren besonders erhaltenswerte Orte, die laut Haager Konvention "Sonderschutz" genießen. Drei Wappen haben in Europa nur der Vatikan und das Rijksmuseum in Amsterdam. Und eben der Barbarastollen in Oberried. Flugzeuge dürfen den Schauinsland nicht überfliegen, Militärfahrzeuge und Uniformierte müssen dem Stollen in einem Bannkreis von drei Kilometern fernbleiben.
Natürlich kann niemand verhindern, dass zerstörungswütige Eindringlinge im Kriegsfall alle Schutzverdikte missachten. So wie die Taliban in Afghanistan 2001 die durch die Konvention geschützten Buddhastatuen in Bamian gesprengt haben; so wie Serbenführer Radovan Karadzic 1992 die Nationalbibliothek in Sarajevo mit Granaten beschießen ließ; so wie die Deutschen in zwei Weltkriegen in halb Europa Kulturschätze abfackelten, darunter 1914 die Universitätsbibliothek im belgischen Löwen, trotz der damals gültigen Vorläuferregeln zur Haager Konvention.
Im Barbarastollen jedenfalls geht es hinter dem Eingang unter Leuchtstoffröhren schnurgerade durch einen geräumigen Tunnel, die Temperatur sinkt schon nach den ersten Schritten auf nahezu konstante 10 Grad. Nach 250 Metern ist auf der linken Seite eine rote Stahltür in die Stollenwand eingelassen, dahinter folgt ein kurzer Seitentunnel, von dem zweigen nach wenigen Metern die beiden Lagerräume des "Zentralen Bergungsorts" ab.
"Weil die Lagerstollen parallel zum Hauptstollen verlaufen, könnte eine Druckwelle von draußen nichts ausrichten", sagt Porwich, ein großer, schwerer Mann mit rheinischem Temperament. Selbst der Vision eines atomaren Vernichtungsschlags gewinnt er eine irritierende Heiterkeit ab.
Die Schatzkammer der Kulturnation sieht aus wie ein gut aufgeräumter Heizungskeller. Die 1466 Fässer stehen eng aneinander, je zur Hälfte auf dem Boden und auf einstöckigen Regalen, darüber wölbt sich die Stollendecke. Jeder Behälter wiegt 122 Kilogramm und enthält 16 Filmrollen à 1520 Meter, das entspricht pro Rolle rund 50.000 Einzelaufnahmen, pro Fass 800.000.
Was genau zeigen die Filme, die im Stollen lagern? Es sind Kopien der wichtigsten und ältesten Dokumente, die in ganz Deutschland in staatlichen und städtischen Archiven aufgehoben werden. Der Vertragstext des Westfälischen Friedens, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete, gehört dazu. Die Urkunde von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler durch Hindenburg. Die Baupläne des Kölner Doms. Und als ältestes Schaustück eine Urkunde Karls des Großen zugunsten des Klosters St. Emmeram in Regensburg, die auf den 22. Februar 794 datiert ist.

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