Über Parallelgesellschaften wird viel gestritten. Dabei wird kaum auf die Erfahrungen katholischer Eigenkulturen zurückgegriffen. Die unterschiedliche Entwicklung in Österreich, Deutschland und den Niederlanden liefert vorzügliches Anschauungsmaterial für die Zwiespältigkeit von Separatkulturen.
In Deutschland und den Niederlanden befanden sich die Katholiken im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in der klassische Ausgangslage für Parallelgesellschaftlichkeit. Der Katholizismus umfasste in Deutschland und Holland gut ein Drittel der Bevölkerung. Die Katholiken bildeten somit eine Minderheit, besaßen aber doch eine Größe und Umfang, die sie stark genug für den organisatorischen Auf- und Ausbau einer eigenen schlagkräftigen Subgesellschaft machten. Entscheidend für die christlich-katholische Milieubildung war der Feldzug der Liberalen gegen die konfessionelle Schulaufsicht. In Deutschland trieb der Kulturkampf die Katholiken, die durch die preußisch-protestantische Reichsgründung und antijesuitische Kampagnen sowieso schon verunsichert waren, in die Wagenburg konfessioneller Abwehrhaltung. Denn die Schule war ihnen neben der Familie - wir sehen es bis heute - die wichtigste Einflussstätte.
Vor allem homogenisierte sich der Katholizismus in jener Sattelzeit kulturkämpferisch hergestellter Parallelgesellschaftlichkeit. Querelen im Episkopat verloren an Bedeutung, Differenzen zwischen den nationalen Kirchen und dem römischen Papst traten in den Hintergrund, die jahrhundertealte Unterschiede zwischen katholischer Volksreligion und katholischer Elitereligion schliffen sich ab. Je feindlicher die unmittelbare Umwelt auf die Katholiken wirkte, desto stärker rückten die Gläubigen in eigenen Organisationen zusammen.
Die deutschen und niederländischen Katholiken einte ihre Minderheits- und Entfremdungserfahrung, ihre gesellschaftliche Randständigkeit in einer politisch-ökonomisch und kulturell eindeutig protestantisch dominierten Gesellschaft. Das war, nachgerade lehrbuchmäßig, der gesellschaftliche Stoff für eigenorganisatorische Abkapselung und autonome sozial-kulturelle Versorgungsstrukturen.
Das Gegenbeispiel
In Österreich aber war die Lage der Katholiken ganz anders. In Österreich schien, lehrbuchmäßig gesehen, nichts für eine Separatstruktur des katholischen Volkes zu sprechen. Aber ausgerechnet im Alpenstaat formierte sich im Laufe des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts die politisch aggressivste katholische Eigenwelt in Europa überhaupt. Dabei lebten die Katholiken in Österreich in einem überwiegend katholischen Land. Der Monarch war ein guter Katholik. Der österreichische Staat ließ der Kirche beträchtliche finanzielle Mittel zukommen. Und auch bei der Inthronisation geistiger Würdenträger sprachen sich Papst und Kaiser einvernehmlich ab. In Österreich war der Katholizismus keine gefährdete, ausgegrenzte Minderheitsreligion, er bedeutete Religion und Kultus der Mehrheit, war Sinn- und Legitimationsstifter für Staat und Gesellschaft.
Eben deshalb unterschied sich der österreichische Katholizismus vom deutschen und niederländischen. Auch der österreichische Katholizismus mutierte Ende des 19. Jahrhunderts zum Milieu, aber unter ganz anderen Voraussetzungen. In organisatorisch-struktureller Hinsicht ähnelten sich die verschiedenen katholischen Eigenwelten, aber in ihrer politischen Mentalität und Stellung unterschieden sie sich beträchtlich. Der Anspruch des Katholizismus war universell und im Prinzip dogmatisch, aber er brach sich doch an den je spezifischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der Nationalstaaten. Eigentlich war der ultramontane Katholizismus kategorischer Feind der Moderne, unversöhnlicher Gegner der Aufklärung, der Toleranz, des Liberalismus, der Ideen von 1798. In den Enzykliken seit 1860 hatte der Papst diese Position verbindlich verkündet und die katholischen Gläubigen in der ganzen Welt darauf verpflichtet. Aber es war dann gerade der Minderheitenkatholizismus, der die Rechtsgüter der bürgerlich-liberalen Gesellschaft zu schätzen, nutzen und verteidigen lernte. Denn gerade als gesellschaftliche Minorität war der Katholizismus auf den Rechtsstaat angewiesen. Um sich gegen die Bedrohung der Moderne zu schützen, gebrauchten die Katholiken die Rechtsinstitute und Mittel der Moderne - und näherten sich so der Moderne an.
Populistisch-autoritäre Modernisierung
Den österreichischen Katholiken wurde diese Lektion nicht erteilt. Für sie waren Toleranz und Minderheitenschutz nicht von Bedeutung. Sie brauchten nicht die Rechtsgarantien des liberalen Verfassungsstaats; davon profitierten lediglich ihre Gegner: die Sozialdemokraten. Die Angst vor dem Sozialismus war das parallelgesellschaftliche Fundament im österreichischen Katholizismus. Nicht Diskriminierungserfahrungen und Ausgrenzungsdruck trieben die Katholiken hier in eine eigenkulturelle Sondergesellschaft, sondern die Bedrohung der kulturellen Dominanz durch einen in nachgerade atemberaubender Geschwindigkeit anwachsenden Feind, der all das repräsentierte, was die überwiegend agrarisch-provinziellen Katholiken verstörte und ängstigte: die Hauptstadt Wien, das industrielle Proletariat dort an der Basis und die urbanen jüdischen Intellektuellen an der Spitze.
Zur Panik steigerte sich die Grundstimmung nach dem Sturz der Habsburger Dynastie und der revolutionären Eruptionen Ende 1918. Der österreichische Katholizismus verlor als Mehrheitsreligion ganz unvorbereitet seinen staatlichen Schutzpatron, was tiefe Frustrationen, Angstgefühle, schließlich aggressive Gegenstrategien gegen die anfänglichen sozialdemokratischen Sieger des Systemwechsels auslöste. Vor allem war der sozialistische Gegner des österreichischen Katholizismus ganz ungewöhnlichen Kalibers. Die österreichischen Sozialdemokraten waren die Musterschüler im internationalen Sozialismus. Ihre Organisationserfolge waren einzigartig - und erschreckten die Katholiken zutiefst. 1909 zählte die deutsch-österreichische Sozialdemokratie erst 112.000 Mitglieder; zwanzig Jahre später waren es - in einem Land von kaum acht Millionen Einwohnern - schon 718.000. Die Partei kam bei Wahlen in der Zwischenkriegszeit durchweg auf etwa 40 Prozent; und über 40 Prozent ihrer Wähler hatte die österreichische Sozialdemokratie zudem als Mitglieder rekrutiert, was sonst keine anderen demokratischen Partei in Europa auch nur ansatzweise fertig brachte. Im Unterschied zur deutschen Sozialdemokratie standen an der Spitze der österreichischen Partei einige glänzende Intellektuelle, die dem sozialistischen Programm Pathos und Vision verliehen. Der sozialdemokratische Sozialismus in Österreich besaß stets messianische Züge. Dadurch aber kam er auch viel mehr in Konkurrenz zur christlichen Religion, zum Katholizismus.
Die Organisations- und Agitationskraft der österreichischen Sozialdemokratie wurde zum steten Bedrohungsszenarium für die Katholiken im Alpenstaat. Daher schloss sich der Katholizismus, trotz nahezu dauerhafter Regierungsführung auch in den zwanziger Jahren, ganz ähnlich strukturell und subkulturell zusammen wie der Minderheitskatholizismus in den Niederlanden und in Deutschland. Mit den modernen Instrumenten freier Vereinsbildung aber bekam das katholische Milieu in Österreich keine demokratischen, sondern populistisch-autoritäre Züge. Schon ab Mitte der zwanziger Jahre setzte sich der politische Katholizismus in Österreich offen von der Demokratie und den liberalen Verfassungsstaat ab und steuerte auf ständestaatlich-autoritäre Alternativen zu. In der Auseinandersetzung mit den Sozialisten verbündete er sich mit den paramilitärischen Milizen der Heimwehr, die von christdemokratischen Länderregierungen konspirativ Waffen zugeschoben bekamen. Der politische Katholizismus unterhöhlte so das Gewaltmonopol des Staates und bereitete dadurch den Bürgerkrieg vor. Die Eigenkulturen waren in Österreich zu Lagern geworden, also zu schroff polarisierenden Feindlinien in einer militarisierten Gesellschaft.
Domestizierter Minderheitenkatholizismus
In den Niederlanden waren die Verhältnisse anders. Hier fehlten schon numerisch die Grundlagen für eine autoritäre katholische Gesellschaft. Das mäßigte und domestizierte die Katholiken. Keiner der großen politisch-kulturellen Strömungen der holländischen Gesellschaft war allein zur Regierung in der Lage. Das bewirkte den Zwang zur Verhandlung und zum Kompromiss. In Holland konnten die Subkulturen für sich bleiben, aber politisch mussten ihre Eliten kooperieren. Dieser Typus von Elitenkooperationen und Kompromissbildung wurde zur konstanten Struktur holländischer Politik bis (mindestens) in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein. Die niederländische Säulenstruktur war toleranter und politisch pragmatischer, konsensfähiger als die deutsche Milieukultur; und erst recht war sie weit von der intransigenten Aggression der österreichischen Lager entfernt.
Dafür war in Holland einfach das gesellschaftliche Klima nicht so spannungsgeladen wie in Deutschland oder in Österreich. Holland war von 1839 bis 1940 in keine der großen internationalen Konflikte involviert. Das ersparte dem Land die aufwühlenden Mobilisierungsschübe und Brutalisierungserfahrungen, von den andere europäische Länder, vor allem eben Deutschland und Österreich, seit den 1860er Jahren erfasst wurden. Holland erlebte 1918 nicht den Untergang einer Dynastie, nicht den Absturz einer herrschenden Klasse. Hier hatte kein Milieu einen traumatischen Machtverlust zu verarbeiten, brauchte keine Rachepläne zu schmieden. Dann fehlten der holländischen Gesellschaft die Geburtenberge der Jahrhundertwende, wie es sie in den meisten übrigen europäischen Ländern gab. Aber gerade diese Kohorten der um 1900 Geborenen bildeten die Aktivkräfte des politischen Radikalismus in den Milieus und Lagern Deutschlands und Österreichs der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Das relative Altern der holländischen Gesellschaft schützte das Land vor jugendlichem Extremismus in den Zeiten der ökonomischen Depression.
Katholische Parallelgesellschaft war also nicht gleich katholische Parallelgesellschaft. Es gab bedeutsame Differenzen zwischen den verschiedenen nationalen Katholizismen im Umfang, in der Verdichtung, in den Kultformen und in der politischen Strategie. Die spezifischen Nationalkulturen, der Charakter des entscheidenden Kulturrivalen, die jeweiligen Klassenverhältnisse, auch demografische Faktoren und die Auswirkungen von Krieg, Revolution und Systemwechsel prägten unterschiedliche Wege der Parallelgesellschaftlichkeit aus.
Franz Walter
Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 20.04.2007
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