Noch in den siebziger Jahren gingen Männer samstags zum Spielen in den Hof - mit Schraubenzieher und Wagenpolitur. Dann begann das Hightech-Zeitalter, und die Herrenwelt fand sich im Gadget-Paradies wieder, bevölkert von Robo-Staubsaugern, blinkenden Smartphones und Aufsitzrasenmähern mit Rennmotoren. Von Katja Sebald
Fest steht, dass Männer schon allein beim Wort "Männerspielzeug" so glänzende Augen bekommen wie Kinder unter dem Weihnachtsbaum - egal ob sie dabei an die Unterwäsche ihrer Geliebten denken oder an den Aufsitzrasenmäher, den sie im Sommer fürs Ferienhäuschen angeschafft haben. Fest steht aber auch, dass Männerspielzeug im Unterschied zu den Spielsachen für andere Kinder nicht unter dem Weihnachtsbaum liegen - es sei denn, die Männer haben es selbst dorthin gelegt. Männer kaufen sich ihr Spielzeug grundsätzlich selber.
Die ausführliche Recherche, die Auswahl des einzig richtigen Modells, die Kaufanbahnung und die Beratungsgespräche im Laden, vor allem aber die begleitenden Fachtagungen mit Freunden und Kollegen sind wesentlicher Bestandteil des Spiels. Männerspielzeuge werden nicht selten angeblich zur effizienteren Ausübung des Berufs angeschafft oder weil sie einen scheinbar objektiv feststellbaren Nutzen haben - in Wirklichkeit aber sind sie Statussymbole und Gesprächstoff für unbegrenzt viele und unbegrenzt lange Männerrunden.
Jahrhundertelang mussten Männer zum Spielen in den Werkstattschuppen hinters Haus. Sie mussten Krippenfiguren schnitzen oder in mühsamer Kleinarbeit Flaschenschiffe zusammenfummeln. Dann endlich wurde die Eisenbahn erfunden und bald darauf auch schon die Modelleisenbahn, mit der große Männer für kleine Männer die große Welt in Klein ins Kinderzimmer holen konnten: Die zimmerfüllende Märklin-Eisenbahn dient Vätern seit nun 150 Jahren als Welterklärungsmodell für ihre Söhne. Nicht umsonst wird der Niedergang des Traditionsunternehmens daher in Fachkreisen heftiger diskutiert als der Niedergang der realen Welt samt Finanzkrise und Klimawandel.
Zum Spielen in den Hof
Eine ganz ähnliche Funktion kam den Heerscharen von Zinnsoldaten zu, mit denen die Veteranen des Kaiserreichs wieder und wieder ihre Kriegstraumata nachstellen durften, lange bevor Traumatherapie und systemische Aufstellung nach Hellinger erfunden waren. Und so lange, bis der Krieg kollektiv verdrängt wurde.
Es kam die Zeit des Wirtschaftswunders, die Erfindung der Freizeit - und die Erfindung des VW Käfers. Von da an gingen Männer am Samstagnachmittag zum Spielen in den Hof: Bewaffnet mit Schraubenzieher, Wagenpolitur und jeder Menge Fachwissen spielten sie miteinander, was bei kleineren Jungs heute "Auto-Quartett" heißt. Zwar blieb es nicht lange beim VW Käfer, doch es blieb lange Zeit beim Auto - als dem wichtigstem Spielzeug des Mannes.
Die sechziger und siebziger Jahre brachten nicht nur Rallye-Streifen auf dem Käfer, sie brachten auch die Carrera-Bahn und eine ganze Menge anderer Dinge, die zwar eigentlich fürs Kinderzimmer gekauft, tatsächlich aber vor allem von Vätern bedient und gewartet wurden: Segelflugzeuge, Modellautos, ferngesteuerte Hubschrauber oder Boote als Bausätze. In den Achtzigern sah es dann so aus, als sollte der Zauberwürfel für immer und ewig das einzig relevante Männerspielzeug bleiben, abgesehen von allen zweirädrigen, vierrädrigen oder auch räderlosen Mobilien, die natürlich weiterhin unentbehrlich fürs männliche Selbstwertgefühl waren - besonders dann, wenn das Unternehmen Zauberwürfel mangels Hirnmasse zum Scheitern verurteilt war.
Bediener-Experten
Dann aber kam die Wende. Die richtige Wende - und beinahe zeitgleich die Spielzeugwende: Was zunächst ganz harmlos mit dem ersten unansehnlichen Personal Computer im Wohnzimmer und ein paar hüpfenden Fröschen auf dem Bildschirm begann, dann fast unbemerkt mit den ersten CD-Playern und klobigen Handys in klobigen Männerhänden seine Fortsetzung fand, sollte sich innerhalb von gerade einmal zwei Jahrzehnten in einem schier nicht nachvollziehbaren Tempo zu einem gigantischen Industriezweig für Unterhaltungselektronik entwickeln.
Waren Fernseher, Telefone und Plattenspieler in ihren Funktionen einst so simpel und überschaubar wie Mutters Nähmaschine, so dass niemand auf die Idee gekommen wäre, sie Spielzeuge zu nennen, wuchs quasi über Nacht ein riesiges Heer von Bediener-Experten heran: "Kennst du schon, kannst du schon, wie machst du das mit ..." Während Frauen immer noch über Rocklängen und Modefarben diskutierten, hatten Männer eine ganz neue Sprache erlernt - Fachchinesisch. Bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten warfen sie nun damit um sich.
Parallel dazu hat sich auch die Sportartikelindustrie in so rasanten Schritten entwickelt, dass man von Schritten eigentlich nicht mehr sprechen kann: Wer heute ein Fahrrad oder ein Paar Ski kaufen will, muss sich für seinen Auftritt im Geschäft ein derart umfangreiches Fachwissen und -vokabular aneignen, das früher für ein ganzes Berufsleben gereicht hätte.
Alphatiere an der Küchentheke
Männer am Ende des Jahres 2009 raunen sich die Eckdaten ihrer iPhones, Blackberrys und Palms zu, jonglieren mit Gigabite und Zoll wie mit PS und Kubik. Fragt man sie, wovon sie träumen, nachdem sie den Mega-Flatscreen mit Blue-Ray-Player und Dolby-Surround-Sound bereits zu Hause haben, schwärmen sie wahrscheinlich von der High Performance einer Kamera im Available-Light-Bereich. Und dabei klingt ihre Stimme so andächtig, als hätten sie gerade eine gotische Kathedrale betreten. Aber das ist nur eine Momentaufnahme, eine kurze Phase, flüchtig wie Träume nun mal sind. Denn spätestens vor dem Sommerurlaub wird es ein neues Modell geben, mit noch besserer Auflösung und noch mehr Sensibilität bei noch schlechteren Lichtverhältnissen.
Männer brauchen Smartphone, MacBook, Kamera, Porsche oder SUV, um im Überlebenskampf als Jäger und Sammler bestehen zu können, um für den harten Arbeitsalltag besser gewappnet zu sein als ihre Geschlechtsgenossen - kurz: um sich als Alphatiere behaupten zu können. Würde man sie selbst fragen, dann würden sie wahrscheinlich erklären, dass dies alles Arbeitsgeräte seien, keine Spielsachen. Oder zumindest "erlaubte" Spielsachen.
Die einst messerscharf gezogene Trennlinie zwischen Arbeitswelt und Privatleben gibt es längst nicht mehr, das Notebook darf natürlich mit ins Wochenende, das iPhone sogar mit ins Schlafzimmer. Aber auch die strikte Ressortaufteilung im häuslichen Bereich gilt nicht länger, seit Männer selbst Erziehungsurlaub nehmen. Kommen Gäste ins Haus, muss sich das Alphatier daher auch nicht mehr - zufällig! - gerade in der Garage zu schaffen machen, nein, es kann auf der Terrasse einen hochglanzpolierten, gasbetriebenen Hightech-Boliden bedienen, der mit dem guten alten Gartengrill nur noch den Namen gemein hat. Oder aber das Prunkstück auf der Küchentheke, das locker das Monatseinkommen eines mittleren Angestellten verschlungen hat, dafür aber nicht nur Kaffee kochen, sondern auch noch Kaffee mahlen, Milch schäumen und Tassen wärmen kann. "Ohne die Mühle wäre die ganze Maschine nichts", seufzt der Hausherr am Ende seines Fachvortrags. Und es klingt ein bisschen wie: Ohne den Motor wäre der ganze Porsche nichts.
Neue Konkurrenz
Früher mussten sich Männer nur das schnöde Arbeitsleben versüßen oder sich am Wochenende für ihr hartes Leben als Abteilungsleiter mit Rennrad, Harley, Cabrio, Motorboot oder Sportflugzeug belohnen. Heute brauchen sie einen solchen Ausgleich auch für ihren aufopferungsvollen häuslichen Einsatz - und kaufen sich den Rasenmäher zum Rasen oder führen uns ihren Mähroboter vor, der selbst zwischen Blumenbeet und Wiese unterscheiden kann. Sie bestellen Kochtöpfe aus dem Katalog für die schönen und guten Dinge und Küchenmesser vom japanischen Messerschmied, für deren Gegenwert man früher eine ganze Einbauküche kaufen konnte.
Die Männer im neuen Jahrtausend müssen manchmal Windeln wechseln und manchmal die Mikrowelle einschalten. Sie müssen die Weihnachtsfeier im Kindergarten oder die Lehrersprechstunde besuchen. Ihre Frauen wollen längst keine glitzerbesetzten Handys und rosaroten Laptops mehr. Sie tragen selbst maßgeschneiderte Businesskleidung und packen am Flughafen das neueste MacBook aus. Eine Münchener Tageszeitung fragte kürzlich Männer, wofür sie denn eigentlich noch gebraucht würden. Er fühle sich, äh, als Mann dafür zuständig, schwere Dinge zu tragen, Bierkästen etwa, antwortete einer der Befragten. Und fügte gleich darauf hinzu: "Aber eine Frau, die Krafttraining macht, kriegt das sicher auch hin."
Müssen sich Männer mit ihren Hightech-Spielsachen etwa nicht mehr nur gegenüber Rivalen positionieren, sondern auch gegenüber dem anderen Geschlecht? Rüsten sie vielleicht deshalb so engagiert auf, weil sie befürchten, selbst demnächst zum Frauenspielzeug degradiert zu werden?
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