"Warum lacht man über die Ostfriesen? Weil man es satt hat, über die Bayern zu weinen": Die ganze Bundesrepublik begann Anfang der siebziger Jahre, über die wortkargen Küstenbewohner zu kichern. Doch kaum einer wusste, wo die Ostfriesenwitze erfunden wurden - in einer Berliner Jugendherberge. Von Lena Wendte
"Ich bekomme meine eigenen Witze nicht mehr zusammen", sagt Borwin Bandelow und lacht. Der 57-Jährige strotzt nur so vor Heiterkeit. Kein Wunder, schließlich war es seine blühende Phantasie, die, der Legende nach, vor 40 Jahren eine Humorlawine lostrat, die Deutschland alsbald unter sich begrub: Bandelow gilt als Erfinder des Ostfriesenwitzes.
Es begann mit acht Schuljungen, die 1968 in den Hochbetten einer West-Berliner Jugendherberge lagen - drei Ostfriesen und fünf Oldenburger. Sie waren mit ihrer zehnten Klasse in die geteilte Stadt gereist und hatten ein paar Flaschen Schnaps auf ihr Zimmer geschmuggelt. Das kurbelte die Stimmung ordentlich an. Die Teenager klopften Sprüche, Oldenburger gegen Ostfriesen. Auf jede scherzhafte Stichelei tranken sie einen Schluck und trieben die Witze auf die Spitze. "Heute würde man das wohl Brainstorming nennen", scherzt Bandelow, inzwischen Psychiatrieprofessor an der Uni Göttingen.
Kaum aus Berlin zurück, verwurstete er die im Schwips entstandenen Sticheleien in der Schülerzeitung seines Gymnasiums im ammerländischen Westerstede. Im "Trompeter" betreute der Pennäler eine eigene Rubrik, die sich mit den Eigenarten der Nachbarregion Ostfriesland auseinandersetzte. "Die einen haben sehr politische Texte über den Vietnam-Krieg geschrieben", erzählt Bandelow, "ich war für den unterhaltsamen Teil zuständig." Und das las sich etwa so: "Warum haben Ostfriesen ein kurzes und ein langes Bein?" Antwort: "Weil sie immer am Deich entlanglaufen."
Dem Mythos nach waren diese harmlosen Neckereien in einem Pennälerblatt der Beginn der Ostfriesenwitzwelle. Die glich im Fall des kleinen Völkchens von der Wasserkante eher einem Tsunami: Von Flensburg bis Füssen und Düren bis Dannenberg lachten sich die Bundesbürger schlapp über die angeblichen Dämlichkeiten des Völkchens in Deutschlands nordwestlichstem Landstrich. In Dutzenden von Ostfriesenwitzbüchern, in Hörspielen, Liedern und Filmen wurden die Nordniedersachsen durch den Kakao gezogen. Mitleidig schreib der SPIEGEL 1971: "Dort, wor so lut de Nordsee bullert, leben die jüngsten Opfer des deutschen Humors - die Ostfriesen."
Flach und nüchtern
Komiker wie Otto Waalkes und Fips Asmussen machten sich den Ostfriesen-Boom zunutze und begründeten eine ganz eigene Sparte des Klamauks: den Döskopp vom platten Land, der Witze über sich und die seinen reißt. Vor allem die lustvollen Selbstironisierungen des gebürtigen Emdeners Otto wirkten für die Popularisierung des Ostfriesenwitzes wie der Nachbrenner bei einer Rakete. Ein etwas eigenartiger Ruf eilte den Flachlandbewohnern zwischen Ems und Jade allerdings schon länger voraus. Der Dichter Heinrich Heine hatte nach einer Reise zu den ostfriesischen Inseln bereits 1825 ein zwiespältiges Urteil über deren Bewohner abgegeben. Die Ostfriesen besäßen zwar "das Talent der Freiheit", seien ansonsten aber "ein Volk, das flach und nüchtern ist, wie der Boden, den es bewohnt, das weder singen noch pfeifen kann".



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