| Fertigmachen zum Abzug: Russische Soldaten im brandenburgischen Wünsdorf bereiten im März 1994 Panzer für den Abzug aus der ehemaligen DDR vor. Die Rückverlegung von rund einer halben Million Angehörigen der Westgruppe der Sowjetischen Streitkräfte in nicht einmal vier Jahren nach der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR war eine logistische Meisterleistung. |
4200 Panzer und 700 Kampfjets nebst 677.000 Tonnen Munition plus Atomraketen wurden nach der Wiedervereinigung nach Russland zurückverfrachtet - und eine halbe Million Menschen. Für die Ex-Besatzer ließ Kanzler Helmut Kohl in den weiten Russlands ganze Wohnviertel neu bauen. Von Christian Neef
Fjodor Lizkan steht auf den Höhen oberhalb von Bogutschar und blickt in die Aue hinunter, durch die sich das Flüsschen Bogutscharka dem Don entgegenschlängelt. Eine liebliche Landschaft breitet sich in sanften Terrassen vor ihm aus, nur Wälder, Wiesen und Felder ringsherum: Russland wie aus dem Bilderbuch.
"Es ist ein bisschen wie in Altengrabow", sagt Fjodor. Wehmut schwingt in seiner Stimme. Fjodor ist 39, er ist nicht groß, hat nur noch wenige Haare auf dem Kopf, aber ein gutmütiges Gesicht. Er ist Oberfähnrich, in Russlands 10. Panzerdivision. Genau genommen heißt sie "10. Ural-Lemberger Freiwilligen-Garde-Panzer-Division Marschall der Sowjetunion R. A. Malinowski", und dann folgen noch die Ehrentitel, die ihr im Verlauf von 66 Jahren verliehen worden sind: "Träger des Ordens der Oktoberrevolution, des Rotbannerordens, des Suworow- und des Kutusow-Ordens".
Die "10." war berühmt, damals, als sie noch "Stalin-Division" hieß. 1943 im Ural aus 9000 Freiwilligen aufgestellt, stürmte sie zwei Jahre unaufhaltsam Richtung Westen. An den Schlachten von Orjol und Czernowitz nahm sie teil, an der Lemberger und an der Weichsel-Oder-Operation, sie tauchte bei der Offensive in Niederschlesien auf, vor Berlin und schließlich in Prag. Die "10." war eine Eliteeinheit, ihre Kämpfer bekamen 42 368 Orden, 38 Gardisten trugen den Titel "Held der Sowjetunion".
Zum Stehen kam die Division bei Altengrabow, 35 Kilometer östlich von Magdeburg. "Die Landschaft ist so wellig wie hier", sagt Fjodor, "nur Sand und Heide."
Fjodor hat in Altengrabow gedient, wo die 10. Panzerdivision später als Teil der "Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland" stand. Einen Katzensprung entfernt vom neuen Feind - der ersten Nato-Einheit auf westdeutschem Boden.
Er hat mit ihr 1994 auch den Rückzug mitgemacht - in ein Land, das mit jenem, aus dem die Division einst kam, kaum noch etwas gemein hatte. Denn die Sowjetunion gab es zu dieser Zeit nicht mehr.

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