Sie nannten sich King Kong Bundy, Hulk Hogan oder Macho Man: Wrestler waren die heimlichen Sportstars der achtziger Jahre. In lächerlichen Kostümen lieferten sie sich vor Millionen Fans absurde Prügelorgien. einestages feiert die Helden von damals - und verrät, was aus ihnen wurde. Von Denis Krah
Die Menge tobt. Unglaublich! Der Muskelberg mit dem Trucker-Schnurrbart und der knallgelben Badehose hat sich tatsächlich wieder aufgerappelt. Eben noch lag der Kerl bewusstlos am Boden, jetzt steht er wieder in der Ringmitte und lässt sich vom Publikum anfeuern. Unter seiner eingeölten Haut zeichnen sich im grellen Scheinwerferlicht die Muskeln ab. Dann wendet sich der Wrestler seinem Gegner zu, der schnaubend in den Seilen hängt. Mit Leichtigkeit stemmt Hulk Hogan den 240 Kilo schweren und 2,13 Meter großen Riesen namens André The Giant auf Schulterhöhe und schleudert ihn brutal auf den Ringboden.
Das Publikum hält es nicht mehr auf ihren Sitzen - gellende Anfeuerungsrufe erfüllen die Halle. Die fassungslosen TV-Kommentatoren brüllen wieder und wieder "Ich kann es nicht glauben" in ihre Mikrofone während Hogan das scheinbar Unmögliche vollbringt. Mehr als 90.000 Menschen im gigantischen Pontiac Silverdome und Millionen Zuschauer an den Fernsehgeräten rund um den Globus befinden sich im Freudentaumel, als wäre ihr Land gerade Fußballweltmeister geworden. Es ist der 29. März 1987 und der finale Höhepunkt in einem wahnwitzigen Sportevent, das auch heute noch seinesgleichen sucht - Wrestlemania III.
Das Festival der Fleischberge ist ein Meilenstein in der Geschichte des Wrestlings, eines seltsam anmutenden Sports, der Ende der achtziger Jahre auch in Deutschland ungeahnte Popularität erlangte. Die World Wrestling Federation, einer der größten Veranstalter der USA, hielt dank Kabelfernsehen Einzug in die Wohn- und Kinderzimmer der Bundesrepublik. Der neue Sport war spektakulär - spektakulär brutal, hinterhältig und vor allem unterhaltsam.
Vollkontakt im Wrestling-Theater
Denn Wrestling ist viel mehr als eine Maskerade muskelbepackter Sonderlinge. Es ist ein Paralleluniversum, in dem es nur Helden und Schurken gibt - und alle Meinungsverschiedenheiten im Ring entschieden werden. Die Heroen heißen Ultimate Warrior, Hulk Hogan oder Macho Man. Die Bösen tragen brachiale Namen wie André the Giant, Honky Tonk Man oder King Kong Bundy. Was alle vereint: Wie Superhelden kleiden sie sich in - mitunter völlig verrückte - Kostüme, an denen man sie sofort erkennen kann. Und wie die Protagonisten in Actionfilmen äußern sich die Kontrahenten in schmissigen Einzeilern.
Jeder von ihnen spielt seine feste, perfekt durchgeplante Rolle auf der Bühne des Wrestling-Theaters. Die Kämpfe sind viel weniger Kämpfe als spektakuläre Action-Inszenierungen - die Gewinner der Fights stehen schon lange vor dem ersten Gongschlag fest. Fast jeder Griff und jeder lustvolle Regelverstoß ist abgesprochen, fast nichts dem Zufall überlassen. Und erlaubt ist während dieses Show-Kampfes eigentlich alles, was die Unterhaltung fördert. Die Kämpfer hauen sich Klappstühle über die Schädel, schmeißen den Gegner aus dem Ring ins Publikum und vergreifen sich auch an Opfern, die scheinbar bewusstlos am Boden liegen. Fließt doch einmal Blut, dann ist meist auch das nur Teil der Show. Sports-Entertainment nennen das die Amerikaner.
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Heute ist Wrestling ein gigantisches Geschäft. Aus der World Wrestling Federation (WWF) ist inzwischen das riesige Unternehmen World Wrestling Entertainment geworden. Die WWE erwirtschaftete allein in 2008 einen Nettoumsatz von über 500 Millionen Dollar. Ihre TV-Shows werden mittlerweile in 145 Länder und in 30 Sprachen übertragen. Flankiert werden die Kämpfe von Videospielen, Filmen, Zeitschriften, Merchandising vom Kaffeebecher bis zur Actionpuppe und Live-Events - die WWE ist ein perfekt aufgestelltes Medienimperium.
Festival der Vorurteile
Wrestlemania III, jenes Beispiellose Event im Pontiac Silverdome im US-Bundesstaat Michigan, markierte den Beginn dieser Erfolgsgeschichte. Es war zu seiner Zeit das größte Hallensportereignis der Welt. Das Großevent wurde vom damaligen WWF-Besitzer und heutigen WWE-Boss Vince McMahon perfekt inszeniert und vermarktet. Souldiva Aretha Franklin sang herzergreifend die Eröffnungshymne. Schockrocker Alice Cooper coachte Wrestler Jake "The Snake" Roberts in dessen Ringecke.
Die Fights waren perfekt choreografiert, die Dramaturgie leicht nachzuvollziehen und monatelang vorbereitet. Groß gegen Klein, Schön gegen Hässlich, die westliche Welt gegen den bösen Osten und die USA gegen Kanada - es war ein Fest der Vorurteile. In einem Zwergenmatch, bekamen die beiden "Riesen" Hillbilly Jim (2,01 Meter) und King Kong Bundy (1,96 Meter) jeweils Unterstützung von zwei kleinwüchsigen Wrestlern. Der Russe Nikolai Volkoff (der eigentlich aus Kroatien stammte) und sein iranischer Partner Iron Sheik bekamen von dem patriotischen "Hacksaw" Jim Duggan - der im Ring gerne die US-Flagge schwang - die Hintern versohlt. Dem selbsternannten Schönling Adrian Adonis wurden gegen seinen Willen die Haare gekürzt.
An den Mikros sorgten unterdessen die Kommentatoren für Unterhaltung. Unvergessen, wie Ringreporter "Mean Gene" Okerlund sämtliche prominente Gesprächspartner an seinem Mikrofon stets als "close, personal, long-time friend" vorstellte. Selbst wenn diese innigen Freundschaften erst seit 30 Sekunden bestanden. Auch mit dabei waren der bedächtige Gorilla Monsoon und sein politisch inkorrektes Gegenstück Jesse "The Body" Ventura. Vor allem der Ex-Wrestler Ventura kannte verbal kein Pardon. Schon vor dem Mega-Event Wrestlemania III war das Großmaul negativ aufgefallen. Als der schwarze Schauspieler und Teilzeit-Wrestler Mr. T (bekannt aus der TV-Serie "A-Team") bei einem Match gegen "Rowdy" Piper mit einem Gürtel mehrfach auf den Rücken geschlagen wurde, johlte Ventura, es würde sich hierbei um "gutes, altmodisches Auspeitschen" handeln und bezeichnete das Ganze als Fortsetzung des Sklavenepos "Roots". Autsch.
Seiner späteren Karriere als Schauspieler ("Predator", "Running Man") und Politiker schadeten solche Äußerungen nicht. 1998 wurde der Lautsprecher sogar zum Gouverneur des US-Bundesstaates Minnesota gewählt und hielt sich vier Jahre im Amt. Inzwischen arbeitet Ventura wieder im TV und geht in einer neuen Show hanebüchenen Verschwörungstheorien auf den Grund.
17 Schüsse in den Hinterkopf
Nicht alle Helden von Wrestlemania III haben so eine Karriere hingelegt. Sucht man heute nach den Helden und Schurken von einst, wird man schnell mit den Schattenseiten des Sports konfrontiert. Der Glamour ist bei vielen früheren Stars längst verflogen. Statt in großen Arenen kämpfen sie heute auf kleineren Events der sogenannten Independent Tour oder prügeln sich auf Fan-Conventions in Vorstadt-Turnhallen. Nur manchmal dürfen sie noch als Gaststars bei WWE-Events auftreten.
Dabei sind viele der ehemaligen Wrestling-Größen durch den Vollkontaktsport und den Missbrauch von Muskelaufbaupräparaten körperlich schwer angeschlagen. Hinzu kommen bei einigen Kämpfern Probleme mit Alkohol und Drogen. Einige Kämpfer, die nicht mehr in den Ring steigen konnten, gerieten sogar auf die schiefe Bahn. So soll sich Billy Jack Haynes eine Zeit lang als Marihuanakurier für die mexikanische Mafia verdingt haben. Vermutlich, weil er seine Auftraggeber um Geld betrogen hatte, wurde er vor einem Fitnessstudio krankenhausreif geprügelt. Noch schlimmer traf es den Kanadier Dino Bravo, der einst ebenfalls bei Wrestlemania III angetreten war. Der selbsternannte stärkste Mann Kanadas wurde 1993 in seinem Haus mit 17 Schüssen in den Hinterkopf vor dem Fernseher hingerichtet. Gerüchten zufolge hatte sich der Wrestler mit Zigarettenschmugglern angelegt.
Auch André the Giant ist bereits tot. 1993 erlag der Franzose im Alter von nur 45 Jahren einer Herzattacke. Genau wie Hercules im Jahre 2004, der nur 48 Jahre alt wurde, und Davey Boy Smith. Eine Autopsie ergab, dass unter anderem die jahrelange Einnahme von Steroiden und Drogen zum Herzstillstand des 39-Jährigen geführt hatte. Sein damaliger Partner, Dynamite Kid, sitzt inzwischen im Rollstuhl - zu viele nicht ausgeheilte Verletzungen, zu viele Medikamente für den Muskelaufbau und gegen die ständigen Schmerzen. Seit 2007 hat auch die WWE erkannt, dass sie ihren früheren Recken helfen muss. Sie bietet ihren ehemaligen Kämpfern inzwischen Suchttherapien an.
Das höchste Tier im Wrestling-Zirkus
Glücklicherweise sind nicht alle Helden von Wrestlemania III gefallen. Hillbilly Jim arbeitet erfolgreich als Country-DJ. Koko B. Ware, der sich gern mit knallbunten Haaren und einem Papageien auf der Schulter präsentierte, tritt heute als Gospelsänger auf. Und aus Slick, dem Manager der beiden Wrestler, ist ein angesehener Pfarrer geworden.
Doch eins ist gleich geblieben: Damals wie heute gab es viele große Namen im Wrestling - aber nur einen Superstar. Hulk Hogan verkörpert den Wrestling-Helden wie kein Zweiter. Er feierte Erfolge als Film- und Fernsehschauspieler, hatte seine eigene Reality-Show "Hogan Knows Best" und verhalf durch seine Berühmtheit sogar seiner Tochter Brooke zu einer Karriere als TV-Sternchen und Sängerin. Der Hulkster steht aber genauso für die tragische Seite des Ring-Zirkus. Selbst Hogan scheint nicht mehr unzerstörbar zu sein.
2007 plagten den Wrestler während des Scheidungskrieges von seiner damaligen Frau Selbstmordgedanken. In diesem Jahr kämpfte Hogan vor allem mit einer schweren Rückenverletzung. Nichtsdestotrotz muss er immer wieder in den Ring steigen und Geld verdienen. So trat er jüngst in Sydney gegen den ebenfalls schwer in die Jahre gekommenen Wrestler Ric Flair an. Angesichts solcher Trauerspiele bleibt da den alten Fans nur die Erinnerung an die Helden von einst. Und natürlich an Wrestlemania III, als Hogan von den Bewusstlosen auferstand und mit spielerischer Leichtigkeit André den Giganten besiegte.