"Eure Armut kotzt mich an", "Bis dass der TÜV uns scheidet", "Nur die Titanic liegt tiefer!" - in den achtziger Jahren wurde noch per Stoßstange kommuniziert. Bunte Aufkleber zierten beinahe jedes Wagenheck und verrieten viel über die Gesinnung des Fahrers. einestages zeigt die besten Ansagen zum Aufkleben. Von Michail Hengstenberg
"Eure Armut kotzt mich an" - wer in den achtziger Jahren der Welt sagen wollte, dass er es endlich zum Porsche gebracht hatte, konnte das per Aufkleber tun. Wer sich auf dezente Weise als Kiffer outen wollte, pappte sich einfach "Don't drink and drive when you can smoke and fly!" auf den Heckdeckel. Freunde der gemütlichen Fahrweise warnten ihre ungeduldigen Hintermänner mit dem bunten Hinweis: "Fahr ruhig dichter auf, ich kann das Geld brauchen." Wer sich nur eine alte Rostlaube leisten konnte, entschuldigte sich mit "Bis dass der TÜV uns scheidet" für den erbärmlichen Zustand seines fahrbaren Untersatzes.
Verkehrsexperten fordern seit langem schon eine Verbesserung der Car-to-Car-Kommunikation, um Staus zu vermeiden. Dabei funktionierte die schon mal bestens. In den siebziger und achtziger Jahren sendeten die Stoßstangen Zigtausender deutscher Autos per Autoaufkleber glasklare Botschaften. Gut, Staus wurden dadurch sicher nicht vermieden, aber immerhin wusste man damals ganz genau, wer wo steht auf deutschen Straßen.
Wer damals genau hinschaute, konnte ein fein austariertes System an verschlüsselten Botschaften ausmachen, mit dem sich Autobesitzer voneinander abgrenzten. Anhänger der gerade aufkeimenden Öko-Bewegung propagierten mit Stickern "Atomkraft - nein danke!" auf Ente, Käfer oder VW-Bus ihre Gesinnung, Atomstrom-Fans keilten mit Persiflagen wie "Steinzeit - nein danke!" zurück.
Aufkleber als Orientierungshilfe
Alte Gewerkschaftskader forderten in rundem Rot die 35-Stunden-Woche, Computer-Freaks bekannten sich mit Werbeaufklebern für den Bildschirmtext zu ihrer Leidenschaft und einfach gestrickte männliche Verkehrsteilnehmer bewarben mit Sprüchen wie "Lach nur über dieses Auto, aber deine Tochter könnte schon mal hier drinnen gelegen haben" ihre Manneskraft.
Heute ist der Autoaufkleber dagegen beinahe ausgestorben. Kaum jemand will sich noch per sogenanntem Bumper-Sticker bekennen. Hier und da ziert noch ein verschüchterter Umriss der Szeneinsel Sylt die Heckklappe, ab und an muss ein "Baby An Bord"-Aufkleber als Rechtfertigung für eine lahme Fahrweise herhalten. Doch ansonsten sind die Heckansichten deutscher Autos kahl und leer, selbst der "D"-Aufkleber ist mit der Einführung der Euro-Kennzeichen größtenteils verschwunden.
Dabei würden sie heute mehr benötigt denn je. Gehören die ganzen Porsche Cayennes mit ihrem archaischen Spritverbrauch vor dem Bio-Supermarkt wirklich gealterten Ex-Ökos? Es herrscht totale Orientierungslosigkeit. Fast wünscht man sich, sie würden, wie früher, mit einer Friedenstaube auf weißem Grund, Farbe bekennen. Denn das war doch das schönste an den bunten Heckverzierungen: An der Ampel auf gleicher Höhe halten, gucken, wer da eigentlich seine Botschaft in die Welt posaunt - um dann manchmal richtig ablachen zu können.
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