Über einestages

1942-1943

Fotofund Das Rätsel des fliegenden Auges


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Hamburger Institut für Sozialforschung
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Platz mit Aussicht: Blick auf den gepolsterten Platz des Bordschützen im Heck der Focke Wulf 189. Das Maschinengewehr liefert einen Hinweis darauf, dass es sich bei der Maschine um die frühe Version des Aufklärers handelt. Die spätere Variante verfügte über Doppel-MGs für die beiden Bordschützen.

MG-Schütze im Flugzeug, Kolonnen von Kriegsgefangenen am Boden: An der Ostfront machte ein unbekannter Luftwaffensoldat sensationelle Fotos, die nun im Internet aufgetaucht sind. einestages zeigt die gestochen scharfen Bilder - und ruft auf zur Suche nach dem anonymen Fotografen. Von Hans Michael Kloth


Im Tiefflug braust das Flugzeug mit dem Hakenkreuz an den Heckflossen über eine Menschenmenge. Auf einem nackten Feld hinter Stacheldraht zusammengedrängt, harren unten am Boden Hunderte, vielleicht mehr als tausend kleine Gestalten aus. An Bord der Maschine langt ein Besatzungsmitglied zu seiner Leica und fotografiert aus dem Cockpit die zusammengepferchten Männer inmitten des großen, weiten Nichts: gefangene Rotarmisten vor dem Abtransport in deutsche Kriegsgefangenschaft.

So oder so ähnlich dürfte eines von rund 30, teils spektakulären Fotos entstanden sein, die ein unbekannter deutscher Luftwaffenangehöriger im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront machte und die erst kürzlich aufgetaucht sind. Gestochen scharf und mit ungewöhnlich professionellem Blick eingefangen, zeigen die Aufnahmen, was der Fotograf, offenkundig Besatzungsmitglied eines deutschen Aufklärungsflugzeugs vom Typ Focke Wulf Fw 189, um sich herum sah - am Boden, aber eben auch aus der Luft: eroberte sowjetische Flugplätze, zerstörte Kirchen, Kolonnen gefangener Russen. Und immer wieder seine Kameraden mit ihren Flugzeugen.

Aufgetaucht sind die Fotos im Januar 2009 in einem obskuren Internetforum namens militaryphotos.net, dessen Betreiber sich nicht zu erkennen geben. Dort wurden die Bilder von einem anonymen Nutzer mit dem Pseudonym "Bachelor" eingestellt. "Bachelor" ist inzwischen wegen Regelverstößen von den Moderatoren des Forums gesperrt worden und kann zu der Herkunft der sensationellen Fotoserie nicht befragt werden. Wurde die Maschine abgeschossen oder die Besatzung gefangengenommen und fielen die Kontaktabzüge so sowjetischen Soldaten in die Hände? Hat der heutige Besitzer die Bilder vielleicht auf einem Flohmarkt irgendwo in Russland gefunden? Oder überlebte der Fotograf den Krieg und er oder seine Nachkommen haben die Bilder selber verbreitet?

Kaum Spuren

All das ist Spekulation. Weder auf die Identität des Einstellers noch auf die des Fotografen gibt es konkrete Hinweise. Klar erkennbar ist auf den Aufnahmen immerhin das Flugzeug, zu dessen Besatzung der Fotograf offensichtlich gehörte: Eine Focke Wulf Fw 189 "Uhu", ein zweimotoriger Aufklärer mit drei Mann Besatzung. Die "Uhu" war der Standardaufklärer der Luftwaffe vor allem an der Ostfront, 846 Exemplare wurden bis 1945 gebaut. Wegen des charakteristischen Doppelrumpfs mit der rundumverglasten Kabinengondel zwischen den Motoren nannten die Russen die Maschine "Rama", Rahmen.

Viel mehr geben die Kontaktabzüge, auf denen am Rand noch die Lochstreifen der Filmrolle und die Worte "Agfa Isopan F" zu erkennnen sind, auf den ersten Blick nicht preis. Nicht einmal eine Flugzeugkennung ist zu sehen, die Hinweise auf die Einheit geben könnte. Lediglich auf einem der Fotos ist an einer Motorgondel ein Wappen zu erkennen, aber nur so klein, dass es sich nicht identifizieren lässt.

Die einzige weitere Spur sind Schnappschüsse einer russischen Stadt, aufgenommen aus der gläsernen Kanzel der "Uhu". Sie zeigen einen charakteristischen, tropfenförmigen Platz mit gepflegten Grünanlagen, umgeben von ungewöhnlichen Hochhäusern im Stalin-Stil der dreißiger Jahre. Mit aktuellen Luftaufnahmen entschlüsselten Forumsmitglieder, was der unbekannte Fotograf in der ersten Hälfte der vierziger Jahre aus dem Flugzeug auf Film bannte: den Freiheitsplatz in der ukrainischen Metropole Charkow.

Fotograf im "fliegenden Auge"

Die viertgrößte Stadt der Sowjetunion war im Oktober 1941 in deutsche Hände gefallen. Eine Großoffensive der Roten Armee, mit der die strategisch wichtige Stadt zurückerobert werden sollte, scheiterte im Mai 1942 - für Stalins Truppen eine der fürchterlichsten Niederlagen des Krieges, rund 240.000 Rotarmisten gerieten in einen Kessel und in deutsche Gefangenschaft. Insgesamt wurden vier große Schlachten um Charkow geschlagen, mehrfach wechselte die Kontrolle über die Millionenstadt, bevor die Sowjets sie im August 1943 endgültig befreien konnten.

Am südlichen Abschnitt der Ostfront hatte die deutschen Invasoren zahlreiche sogenannte Nahaufklärergruppen (NAG) stationiert. Das waren Einheiten, die formal zur Luftwaffe gehörten, aber Gefechtsfeldaufklärung für die Wehrmachtsverbände am Boden flogen und diesen deshalb taktisch unterstellt waren. Die Stärke der sogenannten "H"-Staffeln betrug etwa 360 Mann an fliegendem und Bodenpersonal, darunter rund 20 Offiziere.

Die Frage lautet also: Welche dieser Einheiten flog das "fliegende Auge" (Wehrmachtsjargon) vom Typ Focke Wulf 189 und nicht den ebenfalls verbreiteten Hochdecker Henschel Hs 126 oder andere Maschinen? Und welche dieser Aufklärer waren zwischen Oktober 1941 und August 1943, als Charkow in deutscher Hand war, in der Umgebung stationiert? Die Fotos entstanden offenkundig in der warmen Jahreszeit, die jungen Männer auf den Aufnahmen sind schon mal mit freiem Oberkörper zu sehen, die Vegetation deutet auf Frühjahr oder Frühsommer. Vermutlich knipste der Fotograf also im Sommer 1942 oder 1943.

Mit Paulus nach Stalingrad?

Aus erhaltenen Unterlagen der Luftwaffe lässt sich schließen, zu welchen Einheiten das Flugzeug des unbekannten Fotografen gehört haben könnte. Möglich wäre, dass er zur 4. Staffel der Nahaufklärergruppe 10, genannt "Tannenberg", gehörte. Deren acht Focke-Wulf-Maschinen flogen im Mai und Juni 1942 Einsätze von Charkow aus. Weitere acht "Uhus" waren im Juni 1942 mit der der 1. Staffel des NAG 10 in Kupjansk, gut 100 Kilometer östlich von Charkow, stationiert. Die Schlacht um Charkow war da soeben mit der Einkesselung der zur Befreiung der Stadt angetretenen sowjetischen Truppen durch die Wehrmacht zu Ende gegangen.

Möglich, dass eine Crew dieser Staffeln es sich nicht nehmen ließ, Charkow zu überfliegen und ein paar Erinnerungsfotos zu machen. Auch die Aufnahmen von gefangenen Rotarmisten am Boden passen. Sie sprechen auch dagegen, dass die Fotos erst im Sommer 1943 entstanden - da war die Wehrmacht schon auf dem Rückzug; die 1942 in Charkow stationierte 6. Armee von General Friedrich Paulus war inzwischen in Stalingrad untergegangen.

Näher an den fliegenden Fotografen führt die Recherche nicht heran, doch eine Hoffnung bleibt: In gestochen scharfen Aufnahmen portätierte der talentierte Amateurfotograf immer wieder auch seine Kameraden - den hochgewachsenen, schon etwas älter wirkenden Piloten mit den Lachfalten und den schlechten Zähnen, den jungenhaften Bordbeobachter mit den freundlichen Augen, den Mechaniker mit gewelltem Haar und Segelohren. Unwillkürlich fragt sich der Betrachter, was aus diesen jungen Männern wurde. Folgten sie der todgeweihten 6. Armee weiter nach Stalingrad? Kehrten sie zurück? Lebt einer von ihnen noch und kann erzählen, wie diese Bilder entstanden? Gibt es noch Angehörige, die einen der Soldaten wiedererkennen?

Ein kleines Wunder

Es wäre ein kleines Wunder, aber es gibt sie. Wie im Fall der Focke Wulf 189 mit dem Rufzeichen V71H, die am 4. Mai 1943 um 3.37 Uhr an der Bahnstrecke Murmansk-Leningrad (heute St. Petersburg) von sowjetischen Jägern abgeschossen wurde und in einen Wald stürzte. 1990 wurde das Flugzeugwrack entdeckt, von britischen Luftfahrtenthusiasten gekauft und mit irrwitzigem Aufwand restauriert. Heute ist die Maschine mit der Werksnummer 2100 die einzige noch bekannte "Uhu" der Welt.

Und die Recherchen der Luftfahrtfans endeten mit einer weiteren Sensation. In Deutschland stießen die Briten auf den Piloten der Maschine, Lothar Mothes, damals Unteroffizier. Der einzige Überlebende des Crashs hatte sich bei arktischen Temperaturen zwei Wochen lang durch die Wildnis zurück zu den eigenen Linien durchgeschlagen und den Krieg überlebt.

53 Jahre später stand er 1996 auf dem Flugplatz Biggin Hill bei London wieder vor seiner flugbereiten "Uhu".

Erkennen Sie jemanden auf einem der Fotos? Wissen Sie, wer Sie gemacht haben könnte? Haben Sie andere Anhaltspunkte? Dann geben Sie uns hier einen Hinweis.


Debatte

insgesamt 62 Beiträge zur Debatte
SYLVAIN HARLE am 1. März 2012, 20:52
Hallo
Ich habe mit viel interresses dieses forum gelesen.
Ich suche informationen über meinen grossvater , der auf focke wulf 189 geflogen ist. Ich weiss leider nicht viel...

Fredo Oderf am 23. März 2011, 23:56
Hallo...mhhhh, in dem Buch "Luftwaffe Photo-Report 1919-1945" von Karl Ries (Motor Buch Verlag) findet mann auf seite 148 ein foto der besagten fw-189 reihe. In der...


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