| Massive Kritik: Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schweizer Bankgeheimnis aus dem Ausland immer wieder scharf attackiert. Kritiker warfen der Schweiz vor, Steuerhinterziehung zu begünstigen und die dunklen Geschäfte von Despoten, Drogenhändler und Finanzschieber zu unterstützen. |
Wurde die Schweiz aus Mitmenschlichkeit zur Steueroase? Jahrzehntelang behaupteten die Eidgenossen, das Bankgeheimnis sei 1934 Gesetz geworden, um jüdische Gelder vor der Gier der Nazis zu schützen. Eine schöne Legende - die die Banken 1966 mit einem PR-Coup selbst in die Welt setzten. Von Christoph Gunkel
Der Tipp erwies sich für die Steuerfahndung als brandheiß. Am 26. Oktober 1932 um 16.10 Uhr stürmten Gendarmen in Paris ein luxuriöses Fünf-Zimmer-Apartment in der Nähe der Champs-Elysées. Dort waren der Direktor und der Vizedirektor der hochseriösen Basler Handelsbank gerade dabei, einigen gutsituierten Mitgliedern der französischen Oberschicht zu helfen, Dividendenscheine heimlich in die Schweiz zu transferieren, um die französische Couponsteuer zu umgehen. Und nicht nur das: Bei der Razzia zur Tea Time fiel den Polizisten ein Verzeichnis mit den Namen von 2000 Franzosen in die Hand, die zusammen nicht weniger als zwei Milliarden Francs am Fiskus vorbei in die Schweiz überwiesen hatten.
Kaum waren die beiden Bankiers aus dem Nachbarland verhaftet, schlug in der Öffentlichkeit eine Welle der Empörung hoch. Die Presse attackierte wüst die Schweizer Banken, das Parlament debattierte. Ein sozialistischer Abgeordneter goss Öl ins Feuer, indem er die Namen prominenter Steuersünder preisgab - unter ihnen Bischöfe, Senatoren, Generäle, der Großindustrielle Peugeot und der Inhaber der konservativen Tageszeitung "Le Figaro". Aber auch in der Schweiz sorgte der Skandal für ein mittleres Erdbeben: Erst gegen eine Kaution von 3,5 Millionen kamen die beiden Basler Banker frei, ihr Arbeitgeber musste zudem mehrere Hundert Millionen an verunsicherte Kunden zurückzahlen - das Unternehmen geriet an den Rande des Kollaps.
Der Skandal um Schweizer Steuerschlupflöcher wurde zur Geburtstunde einer Reform der besonderen Art: Er war der wohl wichtigste Anstoß zur Kodifizierung des inzwischen legendären Schweizer Bankgeheimnisses. Das entsprechende Gesetz, 1934 verabschiedet, stellte die Verletzung des Bankgeheimnisses kurzerhand unter Strafe - und schuf damit die Grundlage für jenen dubiosen Standortvorteil im Kampf um fremde Kapitalströme, der über die Jahrzehnte regelrecht identitätsstiftende Bedeutung für die Schweiz entwickeln sollte.
Schutz für Despoten und Dealer
Doch mochten die Schweizer ihre Geheimniskrämerei um die Nummernkonten von Steuerflüchtlingen auch zu einer Frage der Ehre, ja des eidgenössischen Nationalstolzes erklären: Von Anbeginn sorgte das Bankgeheimnis für Skandale und reichlich Empörung im Ausland. Bis die Schweizer Kreditwirtschaft zum Befreiungsschlag gegen die zunehmende Kritik aus dem Ausland ausholte. Es war ein PR-Coup sondergleichen und der Beginn einer Legende, die bis heute nachwirkt - und deren Entstehung ein interessantes Licht auf die aktuelle Debatte um den Ankauf einer Steuersünderdatei durch die deutsche Bundesregierung wirft.
Im November 1966 erschien im Bulletin der Schweizerischen Kreditanstalt (SKA) ein zwölfseitiger Aufsatz. Das Bankgeheimnis, so die These des Artikels, sei 1934 deshalb gesetzlich festgeschrieben worden, um der "intensiv betriebenen Spionage nach jüdischem Geld" Einhalt zu gebieten. "Ohne Übertreibung darf man feststellen", behauptete der anonyme Autor, "dass die Entschlossenheit, mit der das Bankgeheimnis gewahrt wurde und wird, Tausenden von Menschen Vermögen und Existenz gerettet hat." Das Bankgeheimnis, so die Botschaft, sei aus durchweg edlen Motiven eingeführt worden, nämlich um jüdisches Geld vor den Raubzügen der Nazis zu sichern.
Jahrzehntelang hinterfragte niemand diese Behauptung. In etlichen Artikeln wurde sie wiederholt, bis sie in der Alpenrepublik zum Allgemeingut gehörte. Selbst Sozialdemokraten wie Jean Ziegler und Rudolf Strahm, eigentlich prominente Kritiker des Bankgeheimnisses, übernahmen die Argumentation, und alsbald trat sie auch im Ausland ihren Siegeszug an. Dabei gab die Schweizerische Bankiersvereinigung schon im Erscheinungsjahr 1966 offen zu, sie kämpfe für das "oft falsch verstandene Bankgeheimnis in der Weltpresse" mit der "Platzierung aufklärender Artikel".
"Gut inszeniertes Märchen"
Erst fast dreieinhalb Jahrzehnte später überprüfte der Berner Historiker Peter Hug die Geschichte von der Geburt des Bankgeheimnisses aus dem Geist der Mitmenschlichkeit in Archiven - und entlarvte sie als "gut inszeniertes Märchen". Mit einer "hemmungslos moralischen Selbstüberhöhung" habe die SKA Kritik aus dem Ausland erfolgreich entschärft. Jahrzehntelang sollte diese Taktik die Schweiz gegen immer wieder aufflammende Kritik immunisieren.
Dabei hatten ausländische Regierungen, voran die USA, seit den fünfziger Jahren immer wieder angeprangert, dass die Schweiz Kapitalflucht und Steuerhinterziehung fördere und das schmutzige Geld von Despoten, Drogenhändlern oder Finanzschiebern schütze. Mitten im Kalten Krieges drehte sich die Debatte auch um Weltpolitik: Die USA glaubten, die Sowjetunion versuche, sich heimlich über Aktienstimmrechte in wichtige US-Rüstungsfirmen einzukaufen. Die wahren Besitzer der US-Beteiligungen, so der Vorwurf, würden durch das Schweizer Bankgeheimnis völlig verschleiert.
Historiker Hug belegt, dass die PR-Offensive von 1966 den schärfsten US-Kritikern damals den Wind aus den Segeln nahm. So sagte der Präsident des Bankenausschusses im US-Kongress bei der Präsentation eines gegen das Schweizer Bankgeheimnis gerichteten Gesetzentwurfs, das Bankgeheimnis gehe "unmittelbar auf einige schreckliche deutsche Gestapo-Operationen" zurück.
Deutsche Spione in Zürich
Zwar gab es Fälle von deutscher Bankspionage in der Schweiz, die tatsächlich die Befürworter eines Bankgeheimnisses stärkten. Aber die Ursachen dafür lagen in der Zeit vor Hitlers Machtübernahme. Weil nach dem Ersten Weltkrieg die Steuerlast in der Weimarer Republik zunahm, floss viel deutsches Vermögen in die Schweiz. 1931 führte Reichskanzler Heinrich Brüning die Devisenbewirtschaftung ein und unterstellte den Devisenhandel einer staatlichen Kontrollstelle. Berliner Bankspione schnüffelten gleichzeitig in Bern und Zürich. 1932 etwa wurde als Erster der Deutsche Arthur Pfau enttarnt, der bei der Schweizerischen Bankgesellschaft Informationen über deutsche Bankkunden sammeln wollte.
Dass viele Politiker also einer lange gepflegten Legende aufsaßen, hat nicht nur Historiker Hug nachgewiesen, den seine Gegner in der Schweiz gerne als "ultralinks" zu diskreditieren versuchen. Auch eine gut 100-seitige Studie des Historikers Robert Vogler von 2005 verweist die lange präsentierte Ursprungsgeschichte des Bankgeheimnisses "ganz klar ins Reich der Mythen". Und deren Autor steht nicht im Verdacht, das Bankgeheimnis aus politischen Motiven demontieren zu wollen: Vogler ist der langjährige Pressesprecher und Chefhistoriker der Züricher Großbank UBS.
Allerdings kommt er an einigen Punkten zu anderen Schlüssen als Hug. Das Bankgeheimnis sei weniger auf Grund der Übergriffe deutscher und französischer Steuerfahnder entstanden, sondern als Antwort auf die große Bankenkrise in der Schweiz Anfang der dreißiger Jahre. Zwischen 1930 und 1935 nämlich schrumpfte die Bilanzsumme aller acht Großbanken zusammen um mehr als die Hälfte, die Schweizer Volksbank musste mit massiver staatlichen Beteiligungen in Höhe von 100 Millionen Franken gestützt werden.
Die Erfolgsstory wird zum Bumerang
Diese spektakuläre Rettungsaktion, so Vogler, sei der eigentliche Anlass für die Einführung eines eigenen Bankengesetzes gewesen. Dass das Bankgeheimnis seinerzeit ohne große Debatten beschlossen wurde beweist für Vogler, dass der spätere Heilige Gral des Finanzplatzes Schweiz nur das "Nebenprodukt" eines Krisenpakets war. Niemand habe damals geplant, damit der Schweiz einen Standortvorteil zu verschaffen. Zudem sei das Bankgeheimnis nur "ein Element unter vielen Erfolgsfaktoren" für den rasanten Aufstieg der Schweiz zu einem der weltweit wichtigsten Finanzplätze gewesen - was Historiker Hug bestreitet: Der Erfolg der Schweiz habe von Beginn an "auf dem Unterlaufen auswärtiger Steuervorschriften" basiert.
So oder so - fest steht: Der Versuch, das Bankgeheimnis mit ethischen Argumenten zu verteidigen, wurde langfristig zum Bumerang - nämlich als Mitte der neunziger Jahre publik wurde, dass Schweizer Bankiers, Geschäftsleute und Anwälte systematisch mit den Nazis kooperiert hatten bei deren Versuch, sich die Vermögen aus Deutschland geflohener Juden unter die Nägel zu reißen. Zudem mussten einige Schweizer Banken einräumen, dass sie still und heimlich angeblich "herrenlose" Vermögen von Holocaust-Opfern horteten, ohne dass Angehörige davon wussten.
Noch unglaublicher: Die Schweizer Nationalbank hortete seit dem Zweiten Weltkrieg Nazi-Raubgold. Der Skandal fegte wie ein Hurrikan durch die ansonsten so ruhige Schweiz. Am Ende legten die ansonsten so geheimniskrämerischen eidgenössischen Kreditinstitute entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheiten Tausende Bankdaten aus der NS-Zeit offen, damit Ansprüche auf stillschweigend einbehaltene jüdische Vermögen geltend gemacht werden konnten. Es war das Aus für den Versuch, das Bankgeheimnis moralisch zu rechtfertigen. Das Ende der Geheimniskrämerei selbst war es noch nicht.



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