| Freiheit am Brandenburger Tor: Dieser Vorschlag für ein Einheitsdenkmal sieht einen in den Boden vor dem Brandenburger Tor eingelassenen, übergroßen Schriftzug vor. |
Braucht die Berliner Republik ein Denkmal zur Erinnerung an die Wiedervereinigung? Und wenn ja, was für eines? Zwei Jahre vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls werden in Berlin erste Entwürfe präsentiert - die besten sind angenehm verspielt. Von Hans Michael Kloth
Es denkmalt wieder in Deutschland, so sehr wie wohl seit Kaiser Wilhelms Tagen nicht mehr. Nachdem die bis zu ihrem Ende 1990 vergleichsweise repräsentationsunwillige Altbundesrepublik nun bald zwei Jahrzehnte verblichen ist, schickt sich die in dieser Hinsicht ehrgeizigere Berliner Republik an, den offenbar empfundenen Nachholbedarf an gebauten Projektionsflächen zur historischen Selbstvergewisserung nach und nach zu decken.
Populär ist seit ein paar Jahren Retro-Chic - die Dresdner Frauenkirche ist bereits fertig, das Berliner Stadtschloss immerhin beschlossen - und Monumentales wie das Holocaust-Mahnmal oder das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen". Auch an Militär darf wieder in Stein erinnert werden; die Bundeswehr bekommt demnächts eine Gedenkstätte für Soldaten, die bei Auslandseinsätzen starben. Alles keine zweiten Völkerschlachtdenkmäler, schwertschwingenden Arminiusfiguren oder überlebensgroße Bronzealtkanzler, aber doch immerhin ein klarer Trend hin zum gezielt gesetzten Großsymbol.
Politisch ist der Boden schon bereitet; ein überparteilicher Gruppenantrag von 117 Bundestagsabgeordneten datiert bereits von April 2000. Und so lautet die Frage in dieser Gemengelage schon fast nicht mehr, ob die Berliner Republik eines Denkmals der deutschen Einheit bedürfe, sondern welches es denn sein soll. Wie müsste es aussehen, wo seinen Platz haben, das dann vielleicht wichtigste Zeugnis eines gemeinsamen postbundesrepublikanischen und post-realsozialistischen Selbstverständnisses?
Form ist Inhalt
Dieser Frage hat sich nun die "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" angenommen, eine Bundesstiftung, die aus der Arbeit zweier Enquetekommissionen des Bundestages zur deutschen Einheit hervorgegangen ist und die sich vorrangig um die Belange der Aufarbeitung der "zweiten deutschen Diktatur", der DDR, kümmert. Sie hat einen Wettbewerb für ein Einheitsdenkmal ausgeschrieben - ein Vorhaben, das von Berliner Einheitsmal-Befürwortern schon zum 10. Jahrestag des Mauerfalls angeschoben worden war, dann jedoch am Widerstand der in der Hauptstadt mitregierenden PDS gescheitert war.
Nun werden sich die Ideen von gut 50 Kreativen an einer Binsenweisheit messen lassen müssen: Dass bei Gedenk-, Mahn- und Erinnerungsprojekten die Form immer auch Inhalt ist. Welche politische Sprengkraft vordergründig ästhetische Fragen entwickeln können, erfuhr das neue Deutschland gleich nach 1990 bei der Debatte um das Berliner Holocaust-Mahnmal, das schließlich 2005 eingeweiht werden konnte.
Vielleicht ist die Vorlaufzeit also gar nicht so üppig bemessen, wenn die "Stiftung Aufarbeitung" am 5. November in der Berliner Nikolaikirche die Ergebnisse des Wettbewerbs um "ein Denkmal für Einheit und Freiheit" "vorstellt - rechtzeitig zum 18. Jahrestag des Mauerfalls und 2009 fest im Blick: Die Aufarbeiter wollen ausdrücklich das "Bemühen fördern, ein solches Denkmal zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution" zu errichten. Gewünschter Standort - wie eigentlich alle anderen derzeit angedachten größeren Denkmalsprojekte auch - "an einem zentralen Ort in Berlin".
Ansprechend, seriös, verspielt
Wer die Preisträger sind, ist vorerst noch das Geheimnis der Auslober, selbst von wem die Entwürfe stamme, gilt als Betriebsgeheimnis. Die Aufgabe an die Gestalter lautete, "an die Überwindung der SED-Diktatur in der DDR und der deutschen Teilung" zu erinnern und "ein Zeichen für die Zivilcourage der Menschen setzen, die sich für die Erlangung von Freiheit und Einheit eingesetzt haben". Und zwar "ansprechend und künstlerisch seriös".
Was genau "ansprechend" ist und was "seriös", haben die Juroren zu entscheiden. Interessant wird werden, ob sie "verspielt" als Gegensatz zu den beiden vorgegebenen Vokabeln sehen oder nicht - wuchtige Monumente scheinen unter den Entwürfen eher in der Minderzahl zu sein. Da ist etwa ein lichter, aber im Wortsinne plakativer Entwurf, der einen Schilderwald mit Parolen der friedlichen Herbstrevolution vorsieht: "Keine Gewalt!", "Wir sind das Volk!", "Die Mauer muss weg!" - diese längst unsterblichen Parolen von 1989/90 werden so auch materiell verewigt und zu echtem historischen Anschauungsmaterial.
Dass die deutsche Einheit nur Illusion sei, könnte eine etwas hinterfotzige Interpretation der zwei Ringelemente sein, die ein Entwurf für die Schlossfreiheit vorsieht. Vom ehemaligen Staatsratsgebäude aus gesehen, erkennt der Betrachter zwei getrennte Hälften: Doch wechselt er den Standpunkt und schaut von der im Boden eingelassenen Erinnerungsplakette für den "Tag der Einheit" auf die Skulptur, so sieht er durch eine optische Täuschung einen geschlossenes Rund - der Betrachter wird so zum Akteur in einer Art deutsch-deutschen Ringparabel.
Mit der gedankenreichste und zugleich bescheidenste Beitrag sind zwei zierliche Rankpflänzchen, unweit voneinander in pflasterplattengroße Beete mitten auf dem Alexanderplatz eingelassen, die sich, einmal groß genug, gegenseitig umfassen und durch vielfältige Berührungspunkte schließlich zusammenwachsen sollen. So eine Idee, mag man mutmaßen, könnte der Mehrzahl der Mächtigen in der Berliner Republik dann doch all zu zurückhaltend und zu wenig repräsentativ sein.
Die Debatte darüber kann jedenfalls beginnen.
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