| Sonderling im All: Pluto gab den Wissenschaftlern viele Rätsel auf - nicht nur, weil er der mit Abstand kleinste der neun Planeten war. Seine Umlaufbahn ist so schief und eiförmig, dass der Abstand zur Sonne sehr stark variiert. Pluto kreist auf einer anderen Ebene um die Sonne als die anderen Planeten. |
Es war eine astronomische Sensation: Vor 80 Jahren erspähte ein 24-jähriger Sternenforscher aus Arizona den Planeten Pluto. Die USA bejubelten ihren ersten Erfolg im All - doch dann wurde der Himmelsliebling degradiert. Von Christoph Gunkel
Diese 3,5 Millimeter waren eine Weltsensation. Und Lohn für eine nahezu unmenschliche Fleißarbeit, die den Sternenforscher Clyde Tombaugh "fast umbrachte", wie er später gestand. Denn Tombaugh war auf der Jagd nach dem mysteriösen "Planeten X". So nannten Wissenschaftler den mutmaßlichen neunten Planeten unseres Sonnensystems, von dem sie ausgingen, dass es ihn geben müsse. Nur: Niemand hatte ihn je gesichtet.
Seit 1929 suchte Clyde Tombaugh im Lowell-Observatorium im US-Bundesstaat Arizona Nacht für Nacht den Sternenhimmel ab. Systematisch machte er durch ein 33-Zentimeter-Teleskop fotografische Aufnahmen von bestimmten Himmelsregionen, immer im Abstand von mehreren Tagen. Das Kalkül: Hatte im Vergleich der beiden Aufnahmen Lichtpunkte ihre Position verändert, waren dies Hinweise auf bewegliche Himmelskörper: Asteroiden, Kometen, Planeten.
Diese Methode war eine Sisyphusarbeit. Auf den 35 mal 42 Zentimeter großen Fotoplatten, die Tombaugh verglich, befanden sich durchschnittlich 300.000 Sterne. "Ich hatte immer Angst, ich könnte etwas übersehen", sagte er später. "Das hat mich die ganze Zeit verfolgt." Schließlich sichtete er bis zu 60.000 Sterne pro Tag. Sein wichtigstes Hilfsmittel war ein "Blinkkomparator". Dieser Apparat wechselt schnell die Fotoplatten hin und her. Verändert ein Himmelskörper seine Position, "springt" das Bild. Genau das passierte am 18. Februar 1930. Im Grenzbereich der Sternbilder Zwillinge und Stier hüpfte ein Lichtpünktchen - um 3,5 Millimeter. "Ich habe Ihren Planeten X gefunden", teilte Tombaugh schlicht dem Chef seiner Sternwarte mit.
Ein amerikanischer Volksheld
Der Entdecker konnte es kaum fassen. Schon nach zehn Monaten Suche sollte er etwas gefunden haben, wonach Wissenschaftler aus der ganzen Welt seit Jahrzehnten gefahndet hatten? Auch sein Chef blieb misstrauisch. Neue Fotoplatten wurden angefertigt. Erst als sich die Forscher ganz sicher waren, ließen sie am 13. März 1930 die Bombe platzen: Sie löste eine Welle der Astronomie-Euphorie aus, machte Clyde Tombaugh über Nacht zum amerikanischen Helden - der Jahrzehnte später dennoch zur tragischen Figur wurde.
Das Datum war mit Bedacht gewählt und hochsymbolisch: Der 13. März 1930 war der 149. Jahrestag der Entdeckung des Planeten Uranus durch den deutsch-britischen Forscher Wilhelm Herschel. Und es war gleichzeitig der 75. Geburtstag des fanatischen Astronomen Percival Lowell. Der hatte Ende des 19. Jahrhunderts das nach ihm benannte Lowell-Observatorium gestiftet. Hartnäckig suchte er von dort nach Beweisen für Leben auf dem Mars - vergeblich. Blamiert in der Fachwelt, erlitt er einen Nervenzusammenbruch, machte vier Jahre Pause und stürzte sich 1905 weitere zehn Jahre verbissen in die Jagd auf "Planet X". Zunächst ohne "Blinkkomparator" verglich er mit einem Vergrößerungsglas zigtausende Sterne - erneut erfolglos.
Clyde Tombaugh rehabilitierte nun den längst verstorbenen und vergessenen Percival Lowell - an jenem Observatorium, an dem Lowell einst selbst geforscht hatte. Dabei war auch Tombaugh alles andere als ein etablierter Wissenschaftler. Der Farmersohn aus Illinois hatte lediglich einen Highschool-Abschluss. Tagsüber schuftete er auf den Feldern, nachts widmete er sich seiner Leidenschaft, der Astronomie. "Alles, was das Universum betraf, hat mich fasziniert", sagte er. Doch "nicht im Traum" habe er geglaubt, einmal berühmt zu werden.
Herrscher der Unterwelt
Der Autodidakt hatte sich eigene Teleskope gebastelt und Zeichnungen von Planeten angefertigt. Einige davon schickte er an die Lowell-Sternwarte - und beeindruckte deren Direktor so sehr, dass Tombaugh 1929 prompt ein Angebot für eine Assistentenstelle bekam. Kurz danach gelang dem gerade 24-Jährigen sein astronomischer Sensationscoup. In den USA wurde Tombaugh wie ein Filmstar gefeiert, weil er als erster Amerikaner überhaupt einen Planeten gefunden hatte. Merkur, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Venus und Neptun waren allesamt von europäischen und arabischen Forschern entdeckt worden.
Es war der Beginn eines kleinen Märchens: Aus "Planet X" wurde Pluto - angeblich, weil ein elfjähriges Mädchen aus Oxford diesen Vorschlag über ihren Großvater erfolgreich ins Rennen schickte. Der neue Name passte nicht nur perfekt, weil er an den römischen Gott der Unterwelt erinnerte - schließlich kreist Pluto in der eisigen Finsternis des Alls, weiter von der Sonne entfernt als die anderen Planeten. Nein, in "Pluto" fanden sich auch die Initialen des einst verspotteten Astronomen Percival Lowell wieder. Als kurz danach auch noch Walt Disney seinen Comic-Hund "Pluto" nannte, wurde der neue Planet noch beliebter - und die Nachfrage nach Teleskopen stieg sprunghaft.
Dabei stellte sich bald heraus, dass die Annahme, von der Tombaugh, Lowell und ihre Vordenker ausgegangen waren, völlig falsch war. Sie hatten vermutet, dass es einen "Planeten X" geben müsse, weil Ungenauigkeiten in den Flugbahnen von Neptun und Uranus entdeckt worden waren. Dies, so die kühne Schlussfolgerung, könne nur ein unbekannter Planet verursachen, der dazu mindestens die Größe der Erde haben müsse.
Abstieg in die Zwergenliga
Nur: Der vermeintliche neue Riese am Sternenhimmel entpuppte sich schon bald als Zwerg. Pluto hatte gerade einmal einen Durchmesser von 2300 Kilometern, weit weniger als die Erde (12.800 Kilometer). Somit war klar: Mit dieser geringen Masse konnte er nicht der lang gesuchte "Planet X" sein. Als sich später herausstellte, dass die angeblichen Ungenauigkeiten in den Flugbahnen von Neptun und Uranus banale Messfehler waren, brach die ganze Hypothese zusammen.
Es sollte noch schlimmer kommen für Pluto: Ausgerechnet wenige Jahre nach dem Tod seines Entdeckers, der 1997 im Alter von 90 Jahren starb, begannen hitzige Diskussionen um seinen Status. Mit verbesserter Technik konnten neue Himmelskörper entdeckt werden, die ähnlich groß wie Pluto sind und im sogenannten Kuiper-Gürtel kreisen, einer Region jenseits von Neptuns Umlaufbahn. Gehört Pluto also nur zu einem Schwarm von Mini-Planeten? Sollte man diese neuen Himmelskörper, die "Xena", "Quaoar" oder "Orcus" genannt wurden, als Planeten bezeichnen? Oder lieber den Kleinsten einfach aus der Champions League der Sterne verbannen?
Darüber tagte 2006 der Weltkongress der Internationalen Astronomischen Union (IAU) in Prag - und trieb mit einer drastischen Maßnahme alle Anhänger Plutos zur Weißglut. Denn die IAU verabschiedete eine neue Definition, bei der Pluto durchs Raster fiel. Demnach sollte ein Planet seinen Orbit von anderen Himmelskörpern "freiräumen", also so viel Gravitationskraft haben, dass er andere Objekte anzog. Weil Pluto dazu die Schwerkraft fehlte, wurde er kurzerhand in die neue Kategorie der "Zwergplaneten" gesteckt. Als profane Nummer 134340. Nun gab es plötzlich nur noch acht Planeten.
Der kleinste Planet wird zum Kult
Das brachte besonders Wissenschaftler aus den USA in Rage, sahen sie nun den einzigen amerikanischen Planeten-Entdecker nachträglich desavouiert. Aufgebracht wurde die IAU als "Irrelevante Astronomische Union" beschimpft. Sogar die 93-jährige Witwe von Entdecker Clyde Tombaugh meldete sich zur Wort. "Mein Herz ist nicht gebrochen", sagte die alte Dame, "aber aufgewühlt". Schon bald war Pluto wieder in aller Munde - fast so wie 1930. Die Degradierung löste Beschützerinstinkte aus und machte Pluto zum "Planeten der Herzen", wie die sonst so nüchterne "FAZ" titelte.
So protestierten in den USA Studenten unter der schlüpfrigen Parole "Größe spielt keine Rolle" gegen die Entscheidung. T-Shirts mit einem traurigen Gesicht des Planeten-Außenseiters wurden zum Verkaufsrenner. Das Parlament von New Mexiko rief den 13. März kurzerhand zum "Planet-Pluto-Tag" aus. An der National Mall in Washington, wo ein maßstabgetreues Modell der Planeten steht, legten Besucher Blumen und Kondolenzkarten ab. "Ruhe in Frieden" stand da, oder: "Wir vermissen dich", unterschrieben von Jupiter, Mars, Venus und den anderen.
Der neue Kult hievte den Ex-Planeten gar in altehrwürdige Lexika - als neues Verb. "To pluto" bezeichnet demnach den Vorgang, jemanden abzuwerten. Das Verb wurde in den USA prompt zum Wort des Jahres 2006 gekürt. Noch etwas tröstete manch traurigen Pluto-Fan: Ausgerechnet im Jahr seiner Deklassierung zum "Zwergplaneten" hatte die Nasa ihre erste Pluto-Mission gestartet, die sich ihrem Ziel 2015 bis auf 9500 Kilometer genähert haben soll.
An Bord der Sonde befindet sich auch ein kleines Gefäß mit etwas Asche von Clyde Tombaugh, dem später keine zweite Sensation mehr gelingen sollte - obwohl er unermüdlich noch 90 Millionen Sterne abglich.



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