| HJ-Radler: Bericht aus der "Boston and Spalding Free Press" vom 3. August 1937 über einen Besuch von Hitlerjungen beim Spalding Rotary Club. Wie nun veröffentlichte Dokumente des britischen Geheimdienstes nahelegen, sollen die jungen deutschen Radtouristen bei ihren vermeintlich harmlosen Ausflügen die Landschaft ausspioniert haben. |
Schickte die NS-Führung vor dem Zweiten Weltkrieg Jugendliche als Spione nach England? Neu veröffentlichte Dokumente des britischen Geheimdienstes legen nahe, dass als Fahrradtouristen getarnte Hitlerjungen englische Ortschaften ausspähten - und dabei enge Beziehungen zu den Briten unterhielten. Von Katja Iken
Sie radelten quer durch England, die blonden jungen Männer mit ihren Lederhosen, und schauten sich die historischen Sehenswürdigkeiten an. Dass es sich bei den Fahrradtouristen allerdings nicht um harmlose Jugendliche handelte, legen nun veröffentlichte Berichte des britischen Geheimdienstes aus der Zeit um 1937 nahe: Den Akten zufolge sollen die Hitlerjungen bei ihren Ausflügen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Wahrheit systematisch die Landschaft ausspioniert haben. In einer Ära vor der Satellitenfotografie waren ihre Erkenntnisse von unschätzbarem Wert für die militärische Kriegsführung.
Dabei waren sich die Briten der Gefahr offenbar bewusst: Im Jahr 1937 mehrten sich laut den am Montag veröffentlichten Dokumenten die Hinweise für eine solche Spionage. Polizeiberichte warnten etwa, dass die Deutschen mit Kameras ausgestattet waren und Fotos schossen. Zudem veröffentlichte die Zeitung "Daily Herald" im Mai 1937 einen Artikel zum Thema "spyclists". Anlass war laut einem BBC-Bericht ein Hinweis des nationalsozialistischen Deutschen Radfahrer-Verbandes an alle Englandreisenden, sich die landschaftlichen Beschaffenheiten vor Ort doch bitte ganz genau anzuschauen.
"Prägen Sie sich alle Orientierungspunkte wie etwa Kirchturmspitzen, Türme, Furten und Brücken so genau ein, dass Sie in der Lage sind, sie auch nachts wiederzuerkennen", lautete die Aufforderung der NS-Organisation an die deutschen Radfahrer. Dadurch sollten sie später in der Lage zu sein, die Beobachtungen "eines Tages zum Wohle des Vaterlandes nutzen zu können". Der britische Geheimdienst wurde unruhig - zudem sich Hinweise dafür häuften, dass die Hitlerjugend systematisch Kontakt zu den englischen Pfadfindern suchte - ein perfekter Schachzug, um die Spionagetätigkeiten noch zu intensivieren.
Spionage auf zwei Rädern
Anfang 1937 war mit Jochen Benemann einer der Köpfe der Hitlerjugend nach London gezogen - angeblich, um dort zu studieren. Der Geheimdienst hingegen vermutete, dass er auf die Insel gereist war, um einen englischen Ableger der Hitlerjugend zu gründen. Bereits 1934 und 1935 war Benemann nach England gekommen und hatte mehrere binationale Jugendlager ins Leben gerufen.
Alarmiert beschloss die MI-5-Leitung unter Colonel Sir Vernon Kell, die auf zwei Rädern durch England rollende Hitlerjugend zu observieren. Zwar konnte der britische Geheimdienst keine direkten Beweise für Spionagepläne finden. Trotzdem bekam die Polizei den Auftrag, jede neu eintreffende Gruppe deutscher Radler sofort zu melden. Laut Geheimdienstakten machten die Engländer fünf verschiedene deutsche Gruppen ausfindig, die in Teams von je rund 20 jungen Männern unterwegs waren. Ihre Routen führten meist rund um die historisch sehenswerten Stätten wie Cambridge, Oxford und London - da der Geheimdienst die deutschen Fahrradfahrer jedoch nicht streng beschatten ließ, ist nicht bekannt, wen sie trafen oder wo sie übernachteten.
Die Hitlerjugend, die durch England radeln durfte, gehörte laut Geheimdienstinformationen zu einer auserwählten Elite; manche der Jugendlichen bereiteten sich in speziellen Trainingscamps vor. Während ihrer Aufenthalte kamen die Deutschen in Kontakt mit den englischen Boy Scouts, mitunter entwickelten sich sogar Freundschaften. So besuchte eine Gruppe etwa die Scouts in Tamworth - diese waren dank ihres extrem prodeutschen Lehrers bereits zur Hitlerjugend nach Hamburg gereist, um etwa an Fackelumzügen teilzunehmen und gemeinsam mit den gleichaltrigen Deutschen den Hitlergruß zu vollführen.
Als die deutschen HJ-Radler dann im Sommer 1937 nach Tamworth reisten, entzündete sich innerhalb der Lokalpresse eine hitzige Debatte. Während die einen das vorbildliche Benehmen der jungen Deutschen anpriesen, geißelten die anderen deren Manieren als Trick, um von den Grausamkeiten der Nazis abzulenken. Laut Geheimdienst herrschte jedoch selbst auf höchster Ebene ein freundschaftlicher Ton zwischen Hitler-Jugend und Boy Scouts.
So soll der Gründer der britischen Pfadfinderbewegung, Lord Baden-Powell, ein großer Bewunderer der Hitler-Jugend gewesen sein und im November 1937 den Obergebietsführer der Hitlerjugend, Karl Nabersberg, auch persönlich getroffen haben. Sogar ein Treffen mit Adolf Hitler soll Lord Baden-Powell nach Berichten des BBC nicht ausgeschlagen haben - allerdings habe die britische Regierung dies vereitelt.
Mit Material von AP und dpa
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