| Das letzte Hemd: "Mit nackten Tatsachen" protestierten Studenten in der Kasseler Innenstadt gegen Mittelkürzungen an den Hochschulen. Die Studenten der Fachhochschule Gießen entledigten sich mitten in der belebten Fußgängerzone ihrer Kleider und zogen sich unter erstaunten Blicken zahlreicher Passanten bis auf die Unterwäsche aus. |
Überfüllte Seminare, fehlende Bücher, überforderte Dozenten: Vor zehn Jahren führte die Misere an den Universitäten zu einem der größten deutschen Studentenstreiks aller Zeiten. Doch der Protest verpuffte - weil ihm die Gegner fehlten. Von David Frogier de Ponlevoy
Es ist die erste Versammlung von streikwilligen Studenten. Sie passt in den größten Vorlesungsraum der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Was nicht sehr groß ist. Vielleicht 200 Marburger Studenten - von 20.000. Ein Prozent. Auf dem Pult steht eine Studentin und ruft den Anwesenden zu: "In Gießen wird gestreikt!" Jubelgeschrei. "Bremen hat sich uns angeschlossen!" Jubelgeschrei. "Bochum will sich uns anschließen!" Jubelgeschrei. Dann folgt eine Liste mit einem Dutzend deutscher streikwilliger Städte, untermalt von studentischem Jubelgeschrei. Währenddessen stehe ich mitten in der Menge und denke: "Wahnsinn. Wir können etwas bewegen. Wir werden Zeitgeschichte schreiben."
Fünf Minuten später bin ich wieder draußen an der frischen Luft und frage mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Noch nicht einmal Marburg "streikt" in Wirklichkeit zu diesem Zeitpunkt. Von den anderen Städten ganz zu schweigen. Die Proteste von 1997 beginnen für mich mit einer Lektion darin, wie ansteckend euphorische Begeisterung und Massenbewegungen sein können. Drei Jahre später wird mir das noch einmal begegnen: in einem Theaterkurs, in dem der Leiter seine Schüler zu einer griechischen Phalanx zusammenstellt und sie durch gemeinsames Geschrei und Getrommel erleben lässt, warum die Soldaten in der Antike, die damals vorne rannten, sich unbesiegbar fühlen, obwohl sie als Erste von den Feinden aufgespießt wurden.
"Akademiker sind nicht links"
Dem bundesweiten Studentenstreik wurde schon 1997 gerne vorgeworfen, dass er nicht politisch gewesen sei. Dass die Generation Golf eben mehr Geld für die Unis gefordert habe. Die Zigaretten-Karikatur "Lucky Streik" wurde zum Sinnbild, "glücklicher Streik". Gießen veranstaltete mit Geigern ein Streichkonzert und nannte es "Streikkonzert", in Marburg wurden Zündhölzer als "Streikhölzer" bedruckt. Das war humorvoll, und man könnte sagen es war unpolitisch.
War es auch ziellos?
Ich war damals im ersten Semester. Alles war neu, alles gewöhnungsbedürftig, aber schon in der ersten Woche wurde deutlich, dass irgendetwas nicht ganz stimmte: Es gab Vorlesungen mit 100 Teilnehmern bei 40 Sitzen. Es gab eine Professorin, die ihr Seminar absichtlich auf 7 Uhr morgens legte und trotzdem noch 60 Anwärter vor sich hatte. In anderen Seminaren wurden die Plätze ausgelost. In der Uni-Bibliothek klebten auf den Fächern der wissenschaftlichen Zeitschriften in langen Reihen die Zettel "abbestellt". Der SPIEGEL druckte später ein Foto von diesen Marburger Regalen.
Als die Nachbar-Uni aus Gießen in den Streik eintrat, schwappte die Diskussion auch nach Marburg. Die Kernfrage lautete: Wie wollen wir studieren? Es gab keine großen politischen Projekte, an denen man sich abreiben konnte. Vom Bologna-Prozess war noch keine Rede. Studiengebühren waren nur ein fernes Echo. Der gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen konnten, lautete: mehr Geld für die Universitäten, mehr Lehrkräfte, mehr Bücher, mehr Zeitschriften. Im Vergleich mit den 68ern, die gegen den Vietnamkrieg und die Gesellschaftsordnung protestieren konnten, wirkte das ziemlich zahm. "Akademiker sind nicht links", wurde später Georg Fülberth zitiert, der mittlerweile pensionierte marxistische Marburger Politikprofessor. Selbst die 68er seien möglicherweise in ihrem Links-Sein überschätzt worden.
Sturm der revolutionären Massen
Mein Eindruck: Die Studenten waren 1997 so zersplittert wie es eine gemischte Gruppe aus allen Winkeln der Gesellschaft eben sein kann. Als mehrere Fachschaftsvertreter sich Ende Oktober trafen, um über Ziele und Aktionen zu beraten, forderte einer "Studiengebühren, weil das mehr Geld und mehr Wettbewerb" bringe. Ein anderer nuschelte mit Pathos in der Stimme: "Planen? Da kann man doch nichts planen! Wenn die revolutionären Massen das Vorlesungsgebäude stürmen, dann muss sich die akademische Elite eben hintendran stellen." Zwei Tage später war das Vorlesungsgebäude tatsächlich von einer kleinen Gruppe besetzt. Es kam zu Handgreiflichkeiten zwischen Studenten, weil andere um ihr Semester fürchteten.
Der 1997er-Streik, heißt es, sei der größte seit 68 gewesen. Die Gründe dafür könnten recht banal sein: Weil Massenbewegungen mitziehen und weil sich jeder einreihen konnte. Die Weltrevolutionäre und die Wettbewerbsverfechter. Sie alle liefen 1997 unter demselben Banner, weil sie die Unzufriedenheit an der Ausstattung der Universitäten einte. Unpolitisch war das eigentlich nicht. Es beflügelte die politischen Diskussionen unter den Studenten. Nach draußen drang allerdings nur diffuses Rauschen.
Absurd und typisch deutsch
Am 7. November trat der erste Marburger Fachbereich (die Pädagogen) offiziell in Streik. Alle anderen diskutierten dasselbe. Bei den Historikern, in deren Fachschaft ich damals war, kam es zu einem kuriosen Problem: Irgendeine längst vergessene Vorgänger-Fachschaft hatte in der Satzung tatsächlich einen Passus über "Streik" hinterlassen. Darin stand, dass der Fachbereich erst nach einer Urabstimmung bestreikt werden dürfe. Während also rundherum andere Fachbereiche im Chaos versanken, riet die Fachschaft Geschichte brav alle Studenten zur Wahlurne.
Das ist absurd oder vielleicht auch "typisch Deutsch", hatte aber den positiven Nebeneffekt, dass unter den Geschichtsstudenten so intensiv und so flächendeckend über Sinn oder Unsinn und die Ziele der Proteste diskutiert wurde wie vermutlich an keinem anderen Fachbereich in Marburg. Am Ende scheiterte die Urabstimmung - wegen mangelnder Beteiligung. Und denen, die sich engagierten, dämmerte es: So viele Kommilitonen man auch um sich versammelt sah - es war trotzdem nur eine Minderheit. Da war es wieder, das Gefühl zwischen Allmachtsphantasie und Ernüchterung.
Gummiwand statt Phalanx
Am 12. November 1997 liefen 10.000 Studenten auf einer Demonstration durch die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden. Ende November folgte eine noch größere Demo in Bonn, Sitz des Bildungsministeriums. Am Ende waren in der ganzen Republik "im Streik". Was das in der Realität bedeutete, ließ sich auch an Marburg sehen: Viele Fachbereiche machten nach wie vor weiter. Als die Studentenproteste im November und Dezember die Medien beschäftigten, fielen sie auch schon wieder in sich zusammen. Aufgespießt, so wie die griechische Phalanx, wurden die Aktivisten nicht. Konnten sie gar nicht. Denn sie liefen gegen eine Gummiwand. Alle klatschten Applaus. Die Professoren fanden die Forderung nach mehr Geld völlig richtig, die Politiker fanden das Engagement der Studenten völlig richtig, und zur Bevölkerung drangen die Ziele nicht so richtig durch. Wenn die Lokführer streiken, dann bringt das Ärger und kostet Geld. Wenn Studenten streiken, schaden sie niemandem. Eigentlich merkt es noch nicht einmal jemand.
Im Januar 1998 war fast alles vorbei. Hallen lassen sich nicht monatelang besetzen, und Diskussionen nur unter Studenten drehen sich irgendwann im Kreis. Die Politiker versprachen Zuschüsse oder bastelten an "Hochschulprogrammen".
War der Protest sinnlos? Ich glaube, dass er einer ganzen Generation junger Studenten geholfen hat, einmal ausführlich darüber zu diskutieren, welche Art von Universität sie eigentlich wollen. So gesehen war es auch ein Protest, der bis heute in den jüngsten Studentenprotesten nachwirkt.
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