Er stand an vorderster Front beim NS-Völkermord, wurde zum Tode verurteilt - und konnte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Jahrzehntelang lebte Martin Sandberger unbehelligt in der Bundesrepublik. Kurz vor seinem Tod spürte ihn der SPIEGEL im Altersheim auf. Letztes Treffen mit einem Verbrecher. Von Walter Mayr
Der Mann musste sich sicher sein, dass ihn keiner mehr sucht. Auf dem Briefkasten neben der grauen Wohnungstür im Stuttgarter Seniorenstift stand, gut sichtbar bis zum Todestag am 30. März 2010: Dr. Martin Sandberger.
Hobbyhistoriker im weltweiten Netz führten seit Jahren unter dem Namen Sandberger, Martin, geboren am 17. August 1911, den "ranghöchsten SS-Offizier, von dem bekannt ist, dass er noch lebt". Nicht bekannt war, bis der SPIEGEL ihn aufspürte kurz vor seinem Tode: wo Sandberger lebte.
Dies ist die Chronologie einer Spurensuche im Winter 2009/2010. Und einer Begegnung mit dem letzten maßgeblichen Kriegsverbrecher aus der Mordmaschinerie der SS.
Im Mai 1945, das Tausendjährige Reich lag frisch in Trümmern, geriet Sandberger in Haft. Der Standartenführer und Musterschüler des Reichsführers SS Heinrich Himmler wurde in der Folge wegen Massenmords von einem US-Militärgericht zum Tod durch den Strang verurteilt. 1951 zu lebenslanger Haft begnadigt, kam er sieben Jahre später endgültig frei. Danach verlor sich die Spur.
Kein Wort von Sandberger mehr danach, kein Bild - das letzte verfügbare Foto, aufgenommen 1948, zeigte ihn als mürrisch blickenden Angeklagten während seines Kriegsverbrecherprozesses in Nürnberg.
Und dann ist da plötzlich, mehr als 60 Jahre später, dieses Namensschild im Stuttgarter Wohnstift. Kann einer wie Sandberger, des Massenmords an Juden, Zigeunern und Kommunisten schuldig, wirklich ein halbes Jahrhundert lang abgetaucht sein - unbehelligt, unbefragt, mitten in einem Land, in beim Prozess gegen den mutmaßlichen Wachmann im Todeslager Sobibór, John Demjanjuk, 270 Journalisten akkreditiert sind?

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"Was, der lebt noch?", ruft fassungslos eine Staatsanwältin in Stuttgart, nachdem sie ihre Festplatte mit dem Suchbegriff "Sandberger" gefüttert und eine stattliche Liste voll Aktenzeichen ans Licht befördert hat - eingestellte Ermittlungsverfahren und Zeugenvorladungen in Mordsachen. Das Bizarre daran: Sandbergers Anschrift war immer bekannt. Es hat nur seit fast 40 Jahren niemand mehr nach ihm gesucht.
Und niemand hat, als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs neue Beweise hätten gefunden werden können, eine Wiederaufnahme angestrebt.
Die Wohnungstür im Erdgeschoss des Seniorenheims öffnet sich, und ein alter Herr im Polstersessel empfängt. Zwischen gebundenen Sammlungen schwäbischer Volkssagen, Schwarzweißporträts seiner Ahnen und einem betagten Fernsehgerät sitzt er dicht beim Fenster.
Aus dem von alten Bildern vertrauten forschen SS-Führer mit dem markanten Kinn und dem herrischen Blick ist in den letzten Wochen, die er noch zu leben hat, ein schmaler, gebrechlicher Greis geworden. Sandberger, zu diesem Zeitpunkt 98 Jahre alt, hört schlecht, sieht schlecht, klagt über schmerzende Beine und sagt: "Ich bin zu alt, ich will nicht mehr."
Der Geist immerhin, das zeigt sich, ist bis zuletzt rege. Wo war Sandberger während des letzten halben Jahrhunderts? Sieht er noch Bilder vor sich aus Kriegstagen: den Vormarsch nach Osten im Rücken der Heeresgruppe Nord, die Jahre zwischen Baltikum und Russland - er im Sturmboot auf dem Peipussee, die Juden kniend vor frisch ausgehobenen Gruben?
Sandberger schließt die Augen. Er droht, augenblicklich einzuschlafen. "Grad ging's ihm noch blendend", sagt die Dame, die ihm an diesem Nachmittag Gesellschaft leistet. Ein vorübergehender Schwächeanfall vermutlich: "Fragen S' ruhig weiter."
Sandberger öffnet nun wieder die Augen. Und erklärt, mit Fistelstimme und in breitem Schwäbisch: "Woran ich mich erinnere, das ist gänzlich unbedeutend."
Historiker urteilen so: Mit dem Verstummen Sandbergers schließe sich die letzte Tür zum Schattenreich des SS-Staats. In seinem Standardwerk "Die Generation des Unbedingten" beschreibt der Zeitgeschichtler Michael Wildt den Einserjuristen Sandberger als Paradebeispiel des elitären, akademisch vorgebildeten Typs von Tätern, die im Auftrag des Reichssicherheitshauptamts systematischen Massenmord im Osten organisierten - als Speerspitzen des Genozids: "Sie waren nicht die Rädchen einer anonymen Vernichtungsmaschinerie, sondern sie haben die Konzepte entworfen, die Apparate konstruiert und selbst bedient, die den millionenfachen Mord möglich machten."
Unter den Führern der Sonderkommandos aus Himmlers Mordapparat war Sandberger der letzte lebende. Er trat einst auf, ob in Tallinn oder Verona, als Halbgott im feldgrauen Tuch der SS. Insgesamt 5643 Exekutionen unter seinem Kommando gab es auf estnischem Boden allein während des ersten Jahres der Nazi-Herrschaft. Im Zenit seiner vom "Führer" geborgten Macht genügten Sandberger hinter der Ostfront Federstriche, um ein "für die Volksgemeinschaft absolut wertloses Subjekt", so seine Worte damals, hinrichten zu lassen.
Im christlichen Stuttgarter Seniorenstift aber rechnet der Pensionär Sandberger dann für sich selbst auf Barmherzigkeit. Und bezahlt für tätige Nächstenliebe. Ein Zweieinhalb-Zimmer-Apartment kostet im Heim 2519 Euro Grundpreis pro Monat. Pflegebedarf schlägt zusätzlich zu Buche. Wer noch kregel genug ist, kann zwischen Sauna, Physiotherapie und Einkaufsbummel im Haus ein Drei-Gänge-Menü einnehmen. Leckeres aus dem "Land der Maultäschle" wird versprochen.
Sandberger lässt sich das Essen aufs Zimmer kommen. Und den Physiotherapeuten auch, nachmittags gegen drei. Zwischendrin liest er mit der Lupe oder leistet sich, einmal die Woche, eine Vorleserin: Die Dame trägt ihm zumeist Erbauliches aus der Bibel vor.
Sandberger, kurz nach Hitlers Machtübernahme aus der Kirche ausgetreten, ist nach dem Krieg zurückgekehrt zu seinen Wurzeln. Ins "Hardcore-Milieu württembergischer Ehrbarkeit, in die protestantisch-pietistische Funktionselite", wie der Historiker Michael Ruck sagt. Die Ahnenreihe, die der SS-Anwärter Sandberger für den "Großen Ariernachweis" einst seiner NS-Sippenakte beifügte, ist gespickt mit Pfarrern und Beamten. Die Verwandlung vom Bürgersohn aus bester Familie zum führenden Handlager des Holocaust ging dann flott vonstatten.
"Sehr wenige Erinnerungen" hat Sandberger leider, bei seinem ersten und lebenslang einzigen Interview, an jene Jahre. Belastbarer ist sein Gedächtnis, sobald es um die Zeit vor oder nach dem Krieg geht. Geburt 1911 in Berlin, wohin der Vater, Werksdirektor der I. G. Farben, versetzt worden war? "Richtig, Charlottenburg, Suarezstraße", sagt Sandberger. Über Frankfurt geht es zurück ins Württembergische, in die Heimat der Eltern. Einem Abitur "mit Auszeichnung" folgt das Jurastudium an der Universität Tübingen.
Dort bildet sich schon vor Hitlers "Machtergreifung" der Kern späterer Terrortrupps im Osten heraus: Vier künftige Befehlshaber von SS-Sonderkommandos sind in Tübingen immatrikuliert. Sandberger, SA-Mitglied seit 1931, marschiert voran. Er hisst eigenhändig die Hakenkreuzfahne über der Alma Mater am 8. März 1933 und hört im Herbst, wie der Philosoph Martin Heidegger den Studenten zuruft: "Die nationalsozialistische Revolution ist und wird werden die völlige Umerziehung der Menschen."
Sandberger will vorn mit dabei sein und verdient sich Vorzugsnoten, an allen Fronten. Er legt die beste Große Staatsprüfung in Württemberg seit neun Jahren hin, korrespondiert nebenher mit dem Parteigenossen und späteren Massenschlächter im besetzten Polen, Hans Frank, und bekommt vom künftigen Reichsstudentenführer das Tauglichkeitssiegel für höhere nationalsozialistische Weihen: "Schnell und schlagend im Urteil" sei Sandberger, von scharfer Logik und "zu allem zu gebrauchen".
Reinhard Heydrich sieht das ähnlich. Der Chef der Sicherheitspolizei und spätere Organisator der Judenvernichtung beruft Sandberger sechs Wochen nach Kriegsausbruch zum Leiter der "Einwandererzentrale" in Gdingen. Baltendeutsche müssen nun heim ins Reich geholt, Juden und Polen ins Generalgouvernement abgeschoben werden. Sandberger bewährt sich. Danach wirkt er an Judendeportationen in Straßburg mit und wird, offenkundig vertrauenswürdig, bereits im Frühjahr 1941 in Pläne für den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion eingeweiht.
Was in den folgenden vier Jahren unter Sandbergers Kommando passiert, ist in Protokollen der Nürnberger Prozesse nachzulesen, dazu auf Tausenden Aktenseiten in deutschen, russischen, estnischen oder italienischen Archiven: Es geht um nicht weniger als die Hinrichtung von Kommunisten, die Massenerschießung von Juden wie Zigeunern und die letzten Tage an den Schalthebeln im Auslandsnachrichtendienst der SS.