Aktentaschen auf dem Kopf, Möbel vor der Tür: Während des Kalten Krieges propagierten Regierungen den Selbstschutz der Bürger beim Atomangriff des Gegners mit absurden und nutzlosen Ratschlägen. Die staatlichen Broschüren blieben über Jahrzehnte gängige Praxis - in der Bevölkerung ernteten sie Hohn und Spott. Von Nadine Helms
Sachlich vermeldet der Radiosprecher die Warnung vor der atomaren Katastrophe: "Soeben ist ein feindlicher Raketenangriff auf unser Land erfolgt. Es wird damit gerechnet, dass die Raketen in etwa drei Minuten ihr Ziel erreichen." Drei Minuten, um sich in Sicherheit zu bringen. Drei Minuten, um das eigene Leben zu retten. Rentner Jim reagiert sofort und flüchtet mit seiner Frau Hilda in den improvisierten Selbstschutzraum. Kurz darauf ein heller Lichtblitz, ein Grollen und Flammen am Horizont, die sich mit großer Geschwindigkeit ausbreiten. Die Druckwelle wirbelt Autos durch die Luft, bläst Häuser und Bäume um und macht die Welt dem Erdboden gleich. Danach ist es still.
Der britische Zeichentrickfilm "Wenn der Wind weht" von 1986 zeigt eindringlich und berührend, wie unbedarft das einfache, ältere Ehepaar Jim und Hilda mit einer akuten atomaren Bedrohung umgeht. Die beiden ahnungslosen Alten befolgen als vorbildliche Bürger penibel die Anweisungen der Behörden zum Selbstschutz. Als es tatsächlich zur Explosion einer Atombombe kommt, überleben beide scheinbar unversehrt. Sie glauben, das Schlimmste hinter sich zu haben. Nach einer Zeit des Ausharrens im sogenannten Selbstschutzraum, einem kleinen Verschlag, provisorisch zusammengezimmert aus Zimmertüren und abgedichtet mit Sofakissen, fahren sie mit ihrem bisherigen Leben einfach fort - sie räumen das Chaos auf, das die Druckwelle in ihrem Häuschen hinterlassen hat.
Schließlich gehen sie an der Strahlenkrankheit zugrunde. Bis zuletzt glauben sie, alles richtig gemacht zu haben.
Regisseur Jimmy T. Murakami nutzt als Vorlage für seinen verstörenden Film den Comic "Strahlende Zeiten" des britischen Autors und Illustrators Raymond Briggs, der als Kinderbuchautor einen bedrückenden Ausflug ins ernste Fach machte. Briggs sagt, die beiden liebevollen Alten seien überzeugt, das Richtige zu tun, wenn sie sich in ihrem unerschütterlichen Vertrauen in die Regierung an die Vorschriften halten.
Broschüre für Heimwerker
Comic und Film sind Kritik an einer Zivilschutzkampagne der britischen Regierung: "Protect and Survive". Im Rahmen dieses Programms wurden während des Kalten Kriegs seit Mitte der siebziger Jahre Informationsbroschüren an die Bevölkerung verteilt, die Handlungsanweisungen zum Selbstschutz im Fall eines gegnerischen Atomschlags enthielten. Die Kampagne wurde außerdem durch mehrere kurze Trickfilme ergänzt. Die Anweisungen waren vor allem eins: verharmlosend und nutzlos.
Für die Heimwerker unter den Hausbesitzern hatte "Protect and Survive" besonders viele Ideen parat: Kamine, Türen und Fenster sollten möglichst verbarrikadiert werden, zum Beispiel mit Möbeln, Ziegelsteinen, Büchern oder Sandsäcken. Darüber hinaus sollten die Fensterscheiben weiß gestrichen werden, um sich vor der enormen Hitze zu schützen. Die Broschüre lieferte außerdem die Bauanleitung für den Schutzraum ("Fall-out Room") von Jim und Hilda: Zimmertüren, die schräg an eine Innenwand gelehnt und befestigt wurden, bildeten einen einfachen Verschlag für die ganze Familie. Auf die Türen sollten zur Abdichtung des ganzen Gebildes schwere Taschen, Koffer, Kisten und Schubladen gelegt werden, damit die Radioaktivität nicht eindringen konnte. Alternativ sollte man sich unter Tischen verstecken, deren offene Seiten mit Möbeln und Ähnlichem verschlossen wurden.
Um das Ausharren in diesem Schutzraum "angenehmer" zu gestalten, wurde dem besorgten Bürger die Ausstattung mit einer entsprechenden "Camping"-Ausrüstung nahegelegt: vom Schlafsack über Kochgeschirr, Eimer, Sanitärartikel, Erste-Hilfe-Ausrüstung, eine Box mit Sand zum Abwaschen der Teller (um Wasser zu sparen), Schreibzeug, Besen, Handfeger und Schaufel, bis hin zu Spielzeug und Zeitschriften. Auch an eine improvisierte Toilette wurde gedacht: Man nehme einen Stuhl, löse die Sitzfläche heraus und stelle darunter einen Eimer mit Plastikbeutel.
Doch Tipps dieser Art lösten in der Bevölkerung nicht gerade Begeisterung aus, die Bürger reagierten stattdessen mit Desinteresse oder Kritik. Denn die minimalistischen Schutzmaßnahmen wirkten angesichts der drohenden Apokalypse durch einen atomaren Angriff lächerlich. Die Friedensbewegung adaptierte den Titel der Kampagne schließlich als "Protest and Survive" und machte damit vor allem eines deutlich: Ein Protestieren für den Frieden sei sinnvoller als einen Krieg in Kauf zu nehmen.
Eine Schildkröte geht in Deckung
Ziviler Luftschutz war spätestens seit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs nicht nur in Europa ein Thema von wachsender Bedeutung. Doch zur Zeit des Kalten Kriegs bekamen die empfohlenen Selbstschutzmaßnahmen einen absurden Beigeschmack. Denn nun bestand die Bedrohung aus einem endgültigen, atomaren Vernichtungsschlag des Feindes. Und aus unsichtbaren, tödlichen Strahlen, die man nicht mit Holztüren aufhalten konnte. Dennoch waren die meist nutzlosen Ratschläge über Jahrzehnte gängige Praxis in behördlichen Schutzprogrammen - auch in den USA.
Dort veröffentlichte die Regierung in den fünfziger Jahren beispielsweise den Kurzfilm "Duck and Cover". Der Streifen bereitete Grundschüler spielerisch auf den Ernstfall vor. Der niedliche Protagonist des Filmchens, eine Schildkröte namens Bert, zeigte den Kindern in der einleitenden Comic-Sequenz, wie sie sich bei einem Bombenangriff "angemessen" zu verhalten hätten: "Duck and cover!" - Ducken und in Deckung gehen! Die vorbildliche Schildkröte trug mit ihrem Panzer ihren persönlichen Selbstschutzraum bereits mit sich herum; die Kinder sollten lernen, im Notfall Schutz zu suchen. Die Schüler mussten sich unter ihren Tischen verstecken und ihren Kopf mit den Armen schützen. Die Prozedur "Ducken und in Deckung gehen!" wurde anschließend im Klassenraum geübt und einstudiert.
Chance für Jedermann
In der Bundesrepublik war man in Sachen Zivilschutz ebenfalls nicht untätig. Ein Beispiel ist die Broschüre mit dem vielversprechenden Namen "Jeder hat eine Chance" von 1961, herausgegeben vom damaligen Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz. Bereits in der Einleitung wurde der Leser gewarnt: "Lesen Sie sie sorgfältig, im Ernstfall ist es zu spät."
Als vermeintlicher Beweis, dass im Ernstfall tatsächlich jeder eine Chance hat, wurden Augenzeugenberichte zweier Japaner angeführt, die jeweils beide Atombombenexplosionen von Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten. Der "weitaus größte Teil der überlebenden Bevölkerung" habe "diese Abwürfe ohne Schäden überstanden", so die Broschüre. Die beiden Überlebenden seien aufgrund ihres "instinktiv richtigen Verhaltens", in Deckung zu gehen, gerettet worden. Die Behörde verharmloste damit eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte und schürte unrealistische Hoffnungen - Aufklärung sah anders aus.
Die Ratschläge der Broschüre gipfelten in den Tipps und Abbildungen zum "Verhalten bei Überraschungsangriffen mit Atomwaffen": Hier wurde empfohlen, sich unter einem Tisch vor "Glassplittern und Trümmern" in Sicherheit zu bringen und sich "flach auf den Boden" zu werfen. Eine der Abbildungen zeigt eine Person, die ihren Kopf mit einer Aktentasche schützt.
Diese fragwürdigen Tipps der umstrittenen Broschüre ernteten Kritik, aber die große Masse der Bevölkerung war auch in Deutschland vollkommen desinteressiert und gerade die Aktentaschen-Empfehlung wurde nicht ernst genommen. Abschließend ruft die Broschüre "Jeder hat eine Chance" die Bürger dazu auf, im Ernstfall unter keinen Umständen zu fliehen: "Flucht bringt keine Rettung!" Die Bürger sollten sich also in ihren vier Wänden vorbereiten und dort abwarten bis das Schlimmste vorüber war - notfalls mehrere Wochen.
Wozu das Ganze?
Was haben die Behörden mit diesen fragwürdigen Handlungsanweisungen bezweckt? Für den Fall eines erneuten Kriegsausbruchs wollte man einerseits flüchtende Zivilisten zwischen den Fronten oder in den Händen des Feindes vermeiden, so der Historiker Bernd Lemke vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. Andererseits sollten die Bürger zur Selbsthilfe motiviert werden, da die finanziellen Mittel der Regierung für umfassende Zivilschutzmaßnahmen, wie für den Bau von Bunkern, nicht in ausreichendem Maße vorgesehen waren. Daher wurde ab 1967 auch der private Bunkerbau vom Bund bezuschusst. Unter den Bürgern regte sich jedoch auch hierfür kaum Interesse.
Heute geht das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe vorrangig von Natur- und Umweltkatastrophen sowie von terroristischen Bedrohungen wie einer "schmutzigen" Bombe aus. Die empfohlenen Vorsorgemaßnahmen haben sich jedoch nicht grundlegend verändert. Es wird geraten, im Notfall grundsätzlich "Schutz in Gebäuden zu suchen, "bei radiologischen oder nuklearen Gefahren vorrangig in Kellerräumen". Zur Dekontamination wird Duschen empfohlen. Jodtabletten sollen die radioaktive Belastung des Körpers vermindern. Die aktuelle Ausgabe der Broschüre "Für den Notfall vorgesorgt" (11. Auflage, Juni 2009) rät außerdem - wie viele Informationskampagnen zuvor - grundsätzlich zur Vorratshaltung von Lebensmitteln. Ein "Grundvorrat" von zwei Wochen sollte unter anderem 24 Liter Wasser zum Trinken und Kochen pro Person beinhalten. Für die Regierungsmitglieder war für den Fall eines atomaren Angriffs der 1972 fertiggestellte Atomschutzbunker bei Bad Neuenahr vorgesehen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde die weitläufige Bunkeranlage außer Dienst gestellt und in Teilen zu einem Museum umgebaut.
Der Bunker für die Bosse bot im schlimmsten Fall allerdings auch nicht mehr Schutz als eine Aktentasche.



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