| Ein Finger Freiheit: Nach der Veröffentlichung seines Songs "Folsom Prison Blues" 1955 erreichten den Country-Star Johnny Cash zahlreiche Briefe von Inhaftierten mit der Bitte, im Gefängnis für sie aufzutreten. Cash spielte daraufhin Shows in verschiedenen Haftanstalten. Bei einem Konzert im Gefängnis von San Quentin, Kalifornien, zeigte er 1969 den Stinkefinger. |
Johnny Cash zeigt den Stinkefinger, Mick Jagger posiert in goldfarbenen Shorts: Manchmal sagt ein Foto mehr als tausend Akkorde - nach diesem Motto huldigt ein neuer Bildband den Ikonen der Rockgeschichte. einestages zeigt die schönsten Motive. Von Stefanie Erhardt
Plötzlich erschien ein Elefant im Kinderzimmer. Anfang der fünfziger Jahre eröffnete sich für einen zehnjährigen Jungen aus dem englischen Arbeiterstädtchen Salford eine völlig neue Welt. Sein Vater hatte den Raum abgedunkelt und tauchte ein weißes Blatt in eine farblose Flüssigkeit - und wie von Zauberhand kam das Bild des Elefanten zum Vorschein, den die Familie erst kurz zuvor im örtlichen Zoo gesehen hatte. Es war ein prägender Moment für den kleinen Graham Nash. "In diesem Moment wurde ich von der Magie der Fotografie angefixt", erzählt er mehr als 50 Jahre später dem amerikanischen Musikmagazin "Crawdaddy".
Berühmt wurde der Brite dennoch durch eine andere Kunstrichtung: Nash gelangte als Sänger und Gitarrist seiner Bands The Hollies und Crosby, Stills, Nash & Young in den Sechzigern und Siebzigern zu Weltruhm. Nun konnte er seine Liebe zur Fotografie mit seiner Begeisterung für Musik verbinden. Er stellte einen Bildband mit den legendärsten Bildern der Rockgeschichte zusammen. In "Icons Of Rock" versammelte die Musikerlegende mehr als 90 Bilder aus fünf Dekaden.
Da posiert der "Junge" Mick Jagger in einer hautengen, goldfarbenen Badehose mit Plastikeimer und -schäufelchen in der Hand für den US-Modefotografen Francesco Scavullo. Peter Gabriel lässt sich von Mick Rock, der auch schon Queen und die Stooges, David Bowie und die Sex Pistols verewigte, mit einer Strumpfhose über dem Kopf ablichten. Und der Fotograf Charles Peterson knipste den Nirvana-Sänger Kurt Cobain, als dieser auf einem Konzert rückwärts in das Schlagzeug taumelt.
"Aus dem Weg, ich habe etwas zu sagen!"
So vereint der Bildband die großen Namen der Musikgeschichte mit den Stars der Fotografie. Er zeigt Bob Dylan, Brian Wilson und Elvis, mal auf der Bühne, mal backstage, im Tourbus oder zu Hause, fotografiert von namhaften Künstlern wie Richard Avedon, Annie Leibovitz und Dennis Hopper. Auch das eine oder andere Foto von Nash selbst hat Eingang in das Buch gefunden. So lichtete er 1969 das markante Profil der Country-Legende Johnny Cash ab.
Bald fing er auch an, Fotografien anderer Künstler zu sammeln: "Anfangs konnte ich meinen Appetit auf Bilder noch durch Bücher stillen, später begann ich, Originalabzüge zu kaufen." Zu Beginn der Siebziger erwarb er sein erstes Original. Das Porträt eines Jungen, der eine Spielzeuggranate in seiner Hand hält, aufgenommen von der legendären Fotografin Diane Arbus. Auf Tournee streifte er von da an in jeder Stadt durch Galerien und Antiquitätenläden, immer auf der Suche nach neuen Schätzen. So wuchs über die Jahre eine beeindruckende Kollektion von mehr als 2400 Werken an, darunter Arbeiten von Lichtbildpionieren wie Henri Cartier-Bresson und Paul Strand.
Dass der mittlerweile 68-jährige Musiker und Fotograf nun Bilder zusammengestellt hat, um die Geschichte des Rock'n'Roll lebendig werden zu lassen, ist geradezu folgerichtig. Seine Intention bei der Auswahl der Aufnahmen für "Icons Of Rock" sei es gewesen, etwas zu zeigen, was mit Worten schwer auszudrücken sei. Nämlich "dass der Geist des Rock'n'Roll im Wesentlichen eine Haltung zum Ausdruck bringen will: 'Aus dem Weg, ich habe etwas zu sagen!'"
So ist es dann auch trotz all der großen Namen die einzige Aufnahme, die keinen berühmten Musiker zeigt, die das Gefühl des Rock'n'Roll am besten rüberbringt: Sie zeigt einen kleinen Jungen, der auf den Straßen Londons mit der einen Hand eine selbstgebastelte Pappgitarre umklammert und die andere in Siegerpose gen Himmel reckt. Es ist nicht schwer zu erraten, warum Graham Nash das Motiv an den Anfang des Bildbands gestellt hat. Jede der Karrieren, die das Buch dokumentiert, hat wohl mit einem Traum begonnen. "Ich war dieses Kind", sagt der Brite, "voller Energie und Leidenschaft."
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