| "Kongo-Müller": Siegfried Müller, genannt "Kongo-Müller", war in den sechziger Jahren ein Söldner in Afrika und an der Niederschlagung des sogenannten Simba-Aufstands beteiligt. Das Bild zeigt ihn etwa 1963 in Kamina, Kongo. An der Uniform trägt er stolz das Eiserne Kreuz aus dem Zweiten Weltkrieg, das er angeblich niemals ablegte. |
"Negerjagd", "Preußentum" und Gefechte am Äquator: Siegfried Müller erfüllte sich seinen Traum von einer Militärkarriere im bürgerkriegsgeplagten Kongo. Der selbstverliebte Söldner gerierte sich als brutaler Feldherr, schraubte Schädel auf seinen Jeep - und wurde zum Filmstar wider Willen. Von Eike Frenzel
Hätte sich Siegfried Müller gründlicher über seine Gesprächspartner informiert, hätte er an diesem Abend vermutlich nicht so viel gelächelt. Im Kampfanzug samt Eisernem Kreuz 1. Klasse an der Brust hatte der 45-Jährige es sich in einem Münchener Filmstudio bequem gemacht. Gefilmt von mehreren Kameras gab er wortreich und nicht gerade nüchtern Auskunft über seine Karriere als Söldner im Kongo: "Wir haben für Europa gekämpft im Kongo, für die Idee des Westens, und zwar, um es genau zu sagen, für Liberté, Fraternité und so weiter. Sie kennen diese Sprüche."
Vier Stunden lang interviewten die ostdeutschen Dokumentarfilmer Walter Heynowski und Gerhard Scheumann Major Müller an jenem 10. November 1965. Propagandistisch war ihnen damit ein großer Coup gelungen. Eingestimmt durch ein Abendessen in einem Nobelrestaurant, motiviert von 10.000 Mark Honorar, zahlreichen Gläsern Pernod und in Unkenntnis der Identität seiner Gesprächspartner, kam "Kongo-Müller", wie ihn die Westpresse nannte, vor laufender Kamera in Fahrt. Mit schwerer werdender Zunge parlierte er über "Negerjagd", "Preußentum", Rebellen-Gefechte am Äquator und seinen weltweiten Kampf gegen den Bolschewismus.
Der DDR-Propaganda lieferte er damit das gewünschte Feindbild. "Der lachende Mann - Bekenntnisse eines Mörders", hieß der 1966 aus jener "Schnapsbeichte" (SPIEGEL) destillierte Film, den die DDR in 37 Ostblock-Länder exportierte. In Westdeutschland wurde der Film zunächst verboten. Er sollte nicht nur die Ost-Berliner Vorwürfe bekräftigen, die Bundesrepublik verfolge einen neoimperialistischen Kurs, sondern dem Gegner auch ein Gesicht geben: "Kongo-Müller" avancierte zum DDR-Staatsfeind Nummer Eins - obwohl seine militärische Karriere bereits beendet war.
Vom einfachen Soldaten zum populärem Söldner
Schon vor seinem Aufstieg zum Major im Kongo enthielt sein Lebenslauf etliche Stationen, mit denen die DDR ihn zum Idealbild des aggressiven Klassenfeindes stilisieren konnte: 1920 in Crossen an der Oder als einziges Kind einer preußischen Offiziersfamilie geboren, durchlief Müller den Bund deutscher Jungmannen, Hitlerjugend und Reichsarbeitsdienst, ehe er in die Wehrmacht eingezogen wurde. In einer Artillerie-Einheit erlebte er im Herbst 1939 an der schlesisch-polnischen Grenze zum ersten Mal Krieg. Das Militär sollte ihn von da an sein Leben lang begeistern - und später sein Leben finanzieren.
Sein Vater, ein Oberstleutnant, starb bereits 1942, der Sohn kämpfte bis zum Schluss: Zunächst in Polen, dann in Frankreich und schließlich als Panzerjäger an der Ostfront. Im März 1945 erwischte es aber auch ihn. Mit einem Steckschuss in der Wirbelsäule wurde Müller in ein Lazarett in Hessen evakuiert und musste vom Krankenbett aus, "mit Tränen in den Augen", wie er später sagte, die Kapitulation am 8. Mai 1945 erleben. Danach geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
20 Jahre später ist der einst unbedeutende Oberfähnrich der Wehrmacht zu einem der populärsten Söldner-Offiziere Afrikas aufgestiegen, einen, den man "von Peking bis Washington" kenne, wie er gerne prahlte. "Sie brauchen nur zu schreiben: Major Müller, Kongo - kommt immer an", witzelte Müller, den westdeutsche Illustrierte als "Ko-Mü" - "Kongo-Müller" - inzwischen seitenweise durch ihre Ausgaben trieben.
"Preußisch wie eine Pickelhaube"
Müller kämpfte von 1964 bis 1965 für die Truppen des westlich-orientierten Politikers Moïse Tschombé an vorderster Front der Kongo-Krise. Von den belgischen Kolonialherren 1960 überstürzt in die Unabhängigkeit entlassen, versank der Kongo noch im selben Jahr im Chaos: Tschombé erklärt die an Bodenschätzen reiche Provinz Katanga zur unabhängigen Republik, Patrice Lumumba, erster frei gewählter Ministerpräsident der Republik Kongo, wurde im Zuge des Putschversuchs von Armeechef Joseph Mobutu im Januar 1961 ermordet. In dem Land entbrannte danach ein blutiger Bürgerkrieg mitten im Kalten Krieg. Während die Anhänger des gestürzten Lumumba von der UdSSR und einigen kubanischen Milizionären unter Führung Che Guevaras unterstützt wurden, bediente sich Tschombé nach seiner Rückkehr aus dem spanischen Exil 1964 amerikanischer Waffen und der Kampferfahrung westlicher Söldner.
Müller war einer der ersten von insgesamt 700 Söldnern - vor allem Südafrikaner, Rhodesier, Engländer, Belgier und Deutschen -, die im August 1964 unter dem Kommando des irischen Majors Michael Hoare im Kongo anheuerten. "Preußisch wie eine Pickelhaube", so Hoare, habe der Weltkriegsveteran auf ihn gewirkt. Dass sich Müller selbst im tiefsten Busch nie ohne sein Eisernes Kreuz zeigte, unterstrich diesen Eindruck: "Wahrscheinlich hat er noch ein weiteres für seinen Pyjama", spottete Hoare. Dennoch: Müller, mit 44 Jahren einer der ältesten Kämpfer am Äquator, schien seinen Vorgesetzen schon während des ersten Einsatzes, der Eroberung der Stadt Albertville (heute Kalemie), zu überzeugen. Bis zum Frühjahr 1965 stieg er zum Major auf.
Es war keine glanzvolle militärische Karriere, die Müller innerhalb einer bunt zusammengewürfelten Abenteurer-Armee unter der Sonne Afrikas hinlegte - sondern vielmehr die Verwirklichung seines Lebensentwurfs, der fast nie ein waffenfreies Dasein vorsah: Sieben Jahre hatte er, nachdem er 1947 ohne Ausbildung aus dem US-Internierungslager in Darmstadt entlassen worden war, auf dem amerikanischen Fliegerhorst in Landstuhl und der Rhein-Main-Airbase der US-Luftwaffe in Frankfurt gearbeitet. Müller diente dort in deutschen Unterstützungseinheiten der US-Streitkräfte - und schaffte es bis zum Oberleutnant.
Menschenschädel als Trophäe
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges spürte Müller: Der Westen würde in Zukunft Kämpfer wie ihn brauchen. Er feilte daher an seiner geplanten Karriere, schrieb Aufsätze zur Wiederbewaffnung und trat militärtheoretischen Denkfabriken bei. In der 1955 gegründeten Bundeswehr wollte Müller endlich seine Militärlaufbahn vollenden - doch wegen seiner schweren Kriegsverletzung wurde er zu seiner Enttäuschung nicht rekrutiert.
Was ihm Deutschland nicht bieten konnte, suchte Müller in Afrika. In Libyen entschärfte er im Auftrag einer Ölfirma Ende der fünfziger Jahre Minen, die einst Rommels Afrika-Korps gelegt hatte. Eine kurze Zeit verdingte er sich sogar als Zivilist - in der Bar eines südafrikanischen Hotels, als Assistent des Managements. Doch dann rief der Kongo. Hier fand der inzwischen 44-Jährige, was er in keiner regulären Armee mehr erreichen konnte: Befehlsgewalt und einen Offiziersdienstgrad.
Vor allem aber konnte sich der sendungsbewusste "Kongo-Müller" als Truppenführer an der Medienfront inszenieren. Es waren bizarre und erschütternde Bilder, die Journalisten aus Afrika lieferten: Sie zeigten Gefechte zwischen den Söldnern, die wegen ihres brutalen Vorgehens von der Bevölkerung "Les Affreux", "die Schrecklichen", genannt wurden und den "Simbas", den "Löwen", Rebellen des einstigen Präsidenten Lumumba. Die "Simbas" rannten teilweise mit Pfeil und Bogen gegen die überlegene Feuerkraft der westlichen Söldner an.
In Feldherren-Pose posierte Müller stolz für die Journalisten, stets lächelnd, während des Kartenstudiums oder in seinem Jeep, an dessen Kühlergrill der Schädel und die gekreuzten Gebeine eines gefallenen Rebellen drapiert waren. "Ich kann mich erinnern, dass vor unseren Stellungen Hunderte von rebellischen Kongolesen abgeschossen wurden", prahlte er. Das Gemetzel empfand er nicht als brutalen Job, sondern als Teil einer bedeutenden kulturellen Mission zur Verteidigung der "westlichen Ideologie" gegen den Kommunismus.
Verhasst, vergessen, verlacht
Daher empfahl sich Müller selbst für den Vietnam-Krieg - und wurde so endgültig das perfekte Objekt für die DDR-Propaganda. Ob er bei einer "Legion Vietnam" mitmachen würde, wurde er in dem Interview gefragt. "Mit allem Vergnügen, das ist genau das, was ich brauche!" Doch in den weltweiten Krisenherden brauchte Müller niemand mehr. Er kehrte dem Kongo 1965 den Rücken und ließ sich mit Frau, Tochter und Boxer "Lumumba" nahe Johannesburg nieder, wo er ein Unternehmen für Werksschutz und paramilitärische Einsätze gründete. Hier starb er 1983 an Magenkrebs.
Auch nach seinem Tod polarisierte "Kongo-Müller" weiter die Deutschen: Den Tausenden anonymen deutschen Söldnern, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Fremdenlegionäre in Frankreichs Kolonien kämpften, hatte er ein Gesicht verliehen - und einige empfanden ihn durchaus als Vorbild. In der DDR hingegen blieb der Legionär das Schreckgespenst des westdeutschen Militarismus: Grundschüler antworteten auf die Frage "Welchen bösen Menschen musst du als Jungpionier hassen?" häufig mit "Kongo-Müller".
Doch ausgerechnet das militärische Vermächtnis des Mannes, der immer ein Soldat sein wollte, geriet fast völlig in Vergessenheit. Müllers 1965 erschienenes Buch "Les nouveaux mercenaires" war - allein in französischer und italienischer Sprache publiziert - allenfalls Insidern bekannt. Und während dem irischen Söldner-Haudegen Hoare mit den "Wildgänsen" ein filmisches Denkmal gesetzt wurde, musste Müller für Dieter Hallervordens Komödie "Die Rache der Enterbten" herhalten - als Vorlage für die groteske Söldner-Figur "Kongo-Otto".
Er hatte keine Ahnung vom Krieg, aber er wollte für die...
In der Fremdenlegion kämpften nach Ende des Zweiten...
Seine Reise nach Afrika bringt für Rainer Schinzels Mutter...