Ulrich Bierwisch
26. September 2009, 19:44
Beim Vergleich Gebrüder Wright und Santos-Dumont ist es nicht so einfach zu sagen wem nun der Ruhm gebührt. Die Wrights waren von 1903 bis etwa 1908/1909 führend beim Steuern von Flugzeugen. Sie flogen länger und konnten ihre Maschinen zuverlässiger steuern. Aber sie starteten nicht aus eigener Kraft sondern mit einem Katapult.
Santos-Dumont hat sein Flugzeug dagegen immer aus eigener Kraft starten lassen ohne einen Hang oder ein Katapult zu nutzen. Der Flug 1906 war also vermutlich der erste Motorflug aus eigener Kraft.
Für mich ist Santos-Dumont aber auch aus einem anderen Grund der wahre Held unter den Flugpionieren.
Santos-Dumont wollte fliegen und tat alles um die Entwicklung voran zu bringen. Er konstruierte, probierte und teilte seine Erfahrungen mit den anderen Flugpionieren in Europa. Voisin, Bleriot oder Farman um nur einige zu nennen entwickelten die Ideen dann jeweils weiter und jeder war begeistert, wenn einem wieder eine Verbesserung gelang.
Die Wright dagegen nutzten zwar die Erkenntnisse der anderer Flugpioniere wie Otto Lilienthal, entwickelten ihr Flugzeug aber im geheimen und flogen 1903 und 1904 zunächst vor wenigen Zeugen. 1905 konnten sie 40 km weit fliegen stellten aber die Entwicklung zunächst ein und kümmerten sich nur noch um die Anmeldung von Patenten wie z.B. für die Steuerung des Flugzeugs über drei Achsen. Das nahm einigen Zeit in Anspruch und in Europa wollte man deshalb auch zunächst nicht glauben, dass die überhaupt fliegen konnten. 1908 starteten sie dann eine Europa-Tour und versuchten ihr Flugzeug an das Militär in verschiedenen Ländern zu verkaufen. Man war zwar beeindruckt, die geforderten Exklusivverträge wollte aber kein Land eingehen. Statt dessen entwickelte man von den Leistungen der Wrights angespornt schnell eigene Flugzeuge, die schon bald bessere Leistungen boten.
In den USA, wo die Patente galten, verboten die Wrights dagegen allen anderen Flugpionieren die Entwicklung von Flugzeugen. Gegen der Motorexperten Glenn Curtis führten sie etliche Prozesse, die erst 1917 auf Druck der Regierung beendet wurden, weil es bei Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg keine konkurrenzfähigen Flugzeuge gab und man in England und Frankreich das kaufen musste was an Flugzeugen übrig war.
Neben der Absicherung ihrer Ideen über Patente haben die Wrights auch dafür gesorgt, dass die Definition, was ein Motorflug ist, genau auf das passt, was sie zuerst gemacht haben. Die Wrights, Orville starb 1948, Wilbur schon 1912 haben mit keinen weiteren nennenswerten Entwicklungen zum Fortschritt der Fliegerei beigetragen.
Helden sind für mich deshalb eher die Flugpioniere in Europa, die gerade in der Zeit, als in den USA die Patentprozesse liefen, das Fliegen wirklich erfunden haben. 1909 flog Bleriot über den Ärmelkanal und von 1910 bis 1914 als der erste Weltkrieg begann wurden viele hundert Flugzeuge entwickelt und fast Woche für Woche neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt, größere Höhen erreicht und Alpenpässe überquert. Roland Gaross, nach dem das Tennis Turnier in Paris benannt ist, gewann z.B. 1911 die Luftrennen Paris-Rom und Paris-Madrid. Die Patentierten Flyer der Wrights waren da schon überholt.
Patente dienen nicht dem Fortschritt sondern verhindern ihn. Santos-Dumont, für mich der wahre erste Flugpionier, war stolz darauf keine zu haben.