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1940-1971

Braune Vorgeschichte Der Contergan-Erfinder



19 Diskussionsbeiträge zu diesem Thema

Letzter Beitrag:

Joachim Falkenhagen

15. April 2011, 17:39
Meine Mutter hatte 1960 während "meiner" Schwangerschaft Contergan von ihrem Arzt empfohlen bekommen. Zum Glück hatte sie irgendwo schon von den Mißbildungen gelesen.

Wenn also schon eine Hausfrau Bescheid wissen konnte, dann stellt sich umso mehr die Schuldfrage bzgl. mehr...

Ulrich Desbarats
19. November 2007, 22:57
Schön,

was habt Ihr denn ???, Wie schon gesagt, der Mann ist katholisch, hat seine Sünden wohl jeweils gebeichtet, bereut und kommt damit in den Himmel ...

Das ist halt das System und es funktioniert seit 2007 Jahren.

Verstehen tuts keiner so richtig.

Ich auch nicht.
Jens Völler
20. November 2007, 15:35
>Derweil bemühte sich der Pharmaproduzent um Zulassung seines Präparates in den USA. Aber die Arzneimittelinspektorin der zuständige US-Behörde FDA, Francis Kelsey, stellte sich quer. Sie verlangte von Chemie Grünenthal den Nachweis, dass Thalidomid sich nicht auf "die Organbildung in den ersten Wochen der Schwangerschaft" auswirkte.

Nicht Grünenthal, sondern die William S. Merrell Company bemühte sich um die Zulassung in den USA. In den USA gab es in zweifacher Hinsicht bessere Voraussetzungen als in Deutschland, eine Thalidomid-Tragödie abzuwenden. Da der Antrag auf Zulassung erst im September 1960 gestellt wurde - also knapp ein Jahr nachdem in Deutschland erste Hinweise auf nervenschädigende Nebenwirkungen auftauchten - konnten aus den Erfahrungen anderer Länder Schlüsse gezogen werden. Zudem besaßen die USA, anders als Deutschland, mit der FDA eine Kontrollbehörde, die die Zulassung eines Medikaments verweigern konnte.

>Dies hätte mit einer Versuchsreihe an trächtigen Tieren überprüft werden können - Dr. Mückter hielt dies für überflüssig.

In einem wissenschaftlichen Artikel von 1964 heißt es dazu: "Wie wir heute wissen, hätten jedoch darüber hinaus auch gezielte tierexperimentelle teratologische Untersuchungen vor der Einführung des Thalidomids kaum Anhaltspunkte für die inzwischen bekannt gewordenen keimschädigenden Wirkungen erbringen können, da sich die Mehrzahl der getesteten Laboratoriumstiere als Modell für die Erzeugung des Dysmelie-Syndroms als ungeeignet erwies."

Quelle: http://www.springerlink.com/content/h05501h2n45432vp/fulltext.pdf
Günter Dr. Heil
20. November 2007, 18:55
>>Derweil bemühte sich der Pharmaproduzent um Zulassung seines Präparates in den USA. Aber die Arzneimittelinspektorin der zuständige US-Behörde FDA, Francis Kelsey, stellte sich quer. Sie verlangte von Chemie Grünenthal den Nachweis, dass Thalidomid sich nicht auf "die Organbildung in den ersten Wochen der Schwangerschaft" auswirkte.
>
>Nicht Grünenthal, sondern die William S. Merrell Company bemühte sich um die Zulassung in den USA. In den USA gab es in zweifacher Hinsicht bessere Voraussetzungen als in Deutschland, eine Thalidomid-Tragödie abzuwenden. Da der Antrag auf Zulassung erst im September 1960 gestellt wurde - also knapp ein Jahr nachdem in Deutschland erste Hinweise auf nervenschädigende Nebenwirkungen auftauchten - konnten aus den Erfahrungen anderer Länder Schlüsse gezogen werden. Zudem besaßen die USA, anders als Deutschland, mit der FDA eine Kontrollbehörde, die die Zulassung eines Medikaments verweigern konnte.
>
>>Dies hätte mit einer Versuchsreihe an trächtigen Tieren überprüft werden können - Dr. Mückter hielt dies für überflüssig.
>
>In einem wissenschaftlichen Artikel von 1964 heißt es dazu: "Wie wir heute wissen, hätten jedoch darüber hinaus auch gezielte tierexperimentelle teratologische Untersuchungen vor der Einführung des Thalidomids kaum Anhaltspunkte für die inzwischen bekannt gewordenen keimschädigenden Wirkungen erbringen können, da sich die Mehrzahl der getesteten Laboratoriumstiere als Modell für die Erzeugung des Dysmelie-Syndroms als ungeeignet erwies."
>
>Quelle: http://www.springerlink.com/content/h05501h2n45432vp/fulltext.pdf
Günter Dr. Heil
20. November 2007, 19:15
Das hier von Dr. Mückter gezeichnete Bild kann man so nicht stehen lassen. Es bedarf dringend der Ergänzung.
Daß Herr Mückter nach dem 2. Weltkrieg Penicillin in Deutschland einführte, kann doch nur positiv bewertet werden. Seine "illegalen" Präparate haben vielen Patienten geholfen, die unter den damaligen schlechten Bedingungen an ihren Infektionen gestorben wären. Verbot für Forschung und Anwendung von Penicillin für deutsche Firmen nach Kriegsende war im Grunde eine moralisch nicht zu rechtfertigende Maßnahme der Sieger, die allein darauf hinauslief, den ehemaligen Gegner noch nach dessen Niederlage im gesamten Bevölkerungsspektrum, einschließlich der Kinder, weiter zu schädigen. Hier hat Herr Mückter vorbildlich gehandelt.

Dr. Mückter hat es sich mit Contergan nicht leicht gemacht. Ich habe ihn als vorbildlichen, motivierenden und ethisch handelnden Forschungsleiter in meiner Zeit bei Grünenthal 1972 - 1975 kennen gelernt, mit dem ich auch nach seiner Pensionierung noch Kontakt hatte. Er hat unter den Ergebnissen von Contergan persönlich sehr gelitten. Die damaligen medizinisch vorgeschriebenen Kontrollversuche bei der Medikamentenentwicklung konnten die teratogenen Wirkungen nicht ans Licht bringen.
Mit großer Hingabe hat sich Herr Mückter u.a. der Weiterentwicklung von Antibiotika, Antidiabetika, der Therapie des septischen Schocks und der Krebsforschung bis zu seinem Lebensende gewidmet. Tragisch ist, daß er selbst an Krebs sterben musste.
Armin D. Steuer
21. November 2007, 12:32
Sehr geehrter Herr Völler,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Beitrag.
Sie schrieben:
<Zudem besaßen die USA, anders als Deutschland, mit der FDA eine Kontrollbehörde, die die Zulassung eines Medikaments verweigern konnte.>

EBEN, das sage ich ja, und nicht nur das: nicht umsonst war die Inspektorin Francis Kelsey auf die Frage der Auswirkung von Medikamente auf die Organogenese von Embryonen gekommen. Das hat sie sich nicht als "Schikane" für das Prüfverfahren ausgesucht, sondern hatte zuvor schon beängstigende Erfahrungen mit Chinin bei trächtigen Kaninchen gemacht. Soll heißen: als verantwortungsvoller Mediziner hätte man darauf kommen müssen.

Und dann führen Sie noch einen wissenschaftlichen Artikel von 1964 an, dem ich allerdings nicht ohne weiteres eine große Beweiskraft geben kann. Wer hat den Beitrag geschrieben, in wessen Diensten stand er? Wir sollten nicht vergessen, das war die Zeit, in der die CG-Vreantwortlichen sich gegen die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wehren mussten, und da waren deren Anwälte in der Wahl der Verteidigungsmittel nicht zimperlich. Noch beim Prozeß ab 1968 wurde eine Reihe von vermeintlichen medizinischen Experten aufgebracht, die allen Ernstes die Ursächlichkeit von Contergan für die Mißbildung in Frage stellten.

Und was mir noch weiter auffällt an Ihrem Beitrag:
Sie sagen kein Wort zu Mückters Tätigkeit in Krakau und seine Verwicklung in die Menschenversuche an KZ-Häftlingen. Ist das nicht interessant?
Armin D. Steuer
21. November 2007, 12:54
Sehr geehrter Herr Dr. Heil,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar zu meinem Beitrag über Dr. Mückter.
Was Herrn Dr. Mückter vorgeworfen werden kann, ist ja in erster Linie nicht, dass er das Penicillin entwickelt hat. In der Tat hatte das Verbot der Besatzungsmächte den Hintergrund, ihre eigenen Herstellerfirmen vor lästiger deutscher Konkurrenz zu schützen. Dass sich Herr Dr. Mückter (auf immerhin nicht legale Weise) um Penicillin gekümmert hat, ist keine Freveltat - aber angesichts seines Verhaltens bei Fleckfieber und Contergan bleibt da dennoch ein schlechter Beigeschmack.

Aber das alles ist nur ein Nebenkriegsschauplatz.

Sie sagen, weil Sie Herrn Dr. Mückter persönlich kannten, er hätte "persönlich sehr gelitten". NUN: nach außen (für die Opfer erkennbar) hat er das nicht, und wenn er schon solch ein "ethisch handelnder Forschungsleiter" war, wie Sie behaupten, dann hätte er wissen müssen, dass nur die tätige Reue wirkt. Still, in seinem eigenen Herzen zu leiden - davon hat niemand etwas. Vermutlich hat es ihm noch nicht einmal selbst etwas gebracht.

Mir fällt auf: zu den Ungeheuerlichkeiten, die Herr Dr. Mückter in seiner Krakauer Zeit begangen hat, verlieren sie nicht ein einziges Wort.
Aber genau darum geht es doch: ein Mediziner, der ohne Skrupel tödliche Versuche an KZ-Häftlingen durchführen lässt, der weigert sich dann 15 Jahre später, Versuche an trächtigen Tieren durchzuführen, um die Harmlosigkeit seines neuen Präparates zu beweisen.
WIE ERKLÄREN SIE DAS?
Jens Völler
21. November 2007, 20:16
Sehr geehrter Herr Steuer,
ich freue mich sehr, dass Sie auf meinen Beitrag geantwortet haben und demnach als Profi auch den "einfachen Leser" erst nehmen.
><Zudem besaßen die USA, anders als Deutschland, mit der FDA eine Kontrollbehörde, die die Zulassung eines Medikaments verweigern konnte.>
>
>EBEN, das sage ich ja
Gut, dass wir uns in diesem Punkt einig sind, denn das Fehler effektiver staatlicher Kontrollmechanismen liegt sicher nicht im Verantwortungsbereich von Heinrich Mückter. Das heißt, dass vor allem den Teil der Tragödie bis Ende 1959 (ein Zeitraum von knapp zwei Jahren seit Markteinführung), dem Zeitpunkt als erste Hinweise auf nervenschädigende Nebenwirkungen aufkamen, auch die Gesellschaft als Ganzes mit zu verantworten hat, da das System falsch ausgelegt war.

>und nicht nur das: nicht umsonst war die Inspektorin Francis Kelsey auf die Frage der Auswirkung von Medikamente auf die Organogenese von Embryonen gekommen. Das hat sie sich nicht als "Schikane" für das Prüfverfahren ausgesucht, sondern hatte zuvor schon beängstigende Erfahrungen mit Chinin bei trächtigen Kaninchen gemacht. Soll heißen: als verantwortungsvoller Mediziner hätte man darauf kommen müssen.

Wenn man wirklich darauf hätte kommen müssen, dann stellt sich mir die Frage, warum bis Ende 1961 niemand in Deutschland diesen Zusammenhang (auch nur als Vermutung) hergestellt hat. Das würde ja heißen, dass es keinen verantwortungsvollen Mediziner oder Wissenschaftler in Deutschland gab, der mit der Materie vertraut war.
>
>Und dann führen Sie noch einen wissenschaftlichen Artikel von 1964 an, dem ich allerdings nicht ohne weiteres eine große Beweiskraft geben kann. Wer hat den Beitrag geschrieben, in wessen Diensten stand er?

Ich halte den Artikel für durchaus aussagekräftig, aus mehreren Gründen: die Autoren arbeiteten an der Universitätskinderklinik in Rostock, zum damaligen Zeitpunkt also in der DDR. Die Institutionen dieses Staates stehen kaum im Verdacht, Apologeten von privaten Unternehmen des "Klassenfeindes" zu sein. Für die von mir zitierte Aussage, dass tierexperimentelle Untersuchungen kaum Hinweise auf teratogene Wirkungen gegeben hätten, führen die Autoren Verweise auf zwölf andere wissenschaftliche Quellen an (davon zwei englisch- und eine französischsprachige). Es war also eine breite, auch internationale fachliche Debatte. Selbst für die Fälle, in denen im Tierversuch eine teratogene Wirkung nachgewiesen wurde (drei Quellen), gelang dies nur an einer bestimmten Kaninchenart (Albinos). Im Versuch der Autoren des von mir angeführten Artikels gelang die Reproduktion von Missbildungen auch nicht allein mit Thalidomid, sondern erst durch Hinzunahme eines weiteren Faktors (Tetrachlorkohlenstoff), durch Summation an sich unschädlicher Faktoren. Ein solches Verfahren gehörte aber in der Vor-Contergan-Zeit nicht zum Repertoire der Testverfahren.

Aber eine Gegenfrage: gibt es denn Fachartikel, in denen die Behauptung aufgestellt wird, dass vor der Markteinführung von Contergan durch die bis dahin üblichen tierexperimentellen Methoden die teratogene Nebenwirkung hätte erkannt werden müssen?


>Und was mir noch weiter auffällt an Ihrem Beitrag:
>Sie sagen kein Wort zu Mückters Tätigkeit in Krakau und seine Verwicklung in die Menschenversuche an KZ-Häftlingen. Ist das nicht interessant?

Doch, es ist interessant. Ich habe auf die Punkte geantwortet, die ich für fragwürdig hielt. Im Übrigen: interessant für eine abschließende Beurteilung des Wirkens von Herrn Dr. Mückter wären aber auch noch viele andere Dinge, z.B. die Frage inwieweit die Gesellschaft von seinen Arbeitsergebnissen profitiert hat, insbesondere beim Penicillin. Die Auswahl in Ihrem Beitrag wirkt auf mich willkürlich und in keiner Weise ausgewogen.
Armin D. Steuer
22. November 2007, 23:57
Sehr geehrter Herr Völler,
in einem Punkt werden wir uns wohl nicht einig werden: in der Bewertung des Wirkens von Dr. Mückter. Ich sage es mal sehr deutlich: seine Verantwortung für die Durchführung von tödlichen Menschenversuchen an zahllosen und wehrlosen KZ-Häftlingen war Mord. Und dafür ist er nie belangt worden...
Zu der Frage der "Vorhersehbarkeit" der Contergan-Katastrophe kommt mir wie gerufen eine Pressemitteilung von gestern, die ich wegen ihrer Aussagekraft hier auszugsweise zitiere:

>>>>Contergan-Skandal: Ehrenring der Sozialversicherung an Dr. Ingeborg Eichler
© OTS

(PR-inside.com 21.11.2007 09:50:16) - Für ihre unschätzbaren Verdienste im Zusammenhang mit dem in Deutschland aufgetretenen "Contergan"-Skandal und dessen Verhinderung in Österreich wird die Pharmakologin, Frau Hofrat Dr. Ingeborg Eichler im Dezember dieses Jahres der Ehrenring der österreichischen Sozialversicherung verliehen werden. Dies beschloss in seiner gestrigen Sitzung der Verbandsvorstand des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Frau Hofrat Dr. Eichler legte vor 50 Jahren, im Oktober 1957, als einziges Mitglied der Zulassungskommission für Arzneimittel ihr Veto gegen einen "rezeptfreien" Vertrieb der damals in Österreich unter dem Namen "Softenon" zugelassenen Arznei ein und verhinderte damit eine Potenzierung der in Österreich "überschaubaren" Katastrophe um ein Vielfaches. Die damals 34-jährige Jungmedizinerin berief sich auf noch ungesicherte Ergebnisse in Tierversuchen und setzte als einzige Frau
dieser ministeriellen Zulassungsbehörde für Medikamente die ärztliche Verschreibungspflicht durch.<<<<

"Ungesicherte Ergebnisse in Tierversuchen" - sehen Sie, es gab Wissenschaftler, die schon damals Zweifel hatten. Auch die US-amerikanische Inspektorin gehört dazu.
Jens Völler
23. November 2007, 11:57
Sehr geehrter Herr Steuer,
>in einem Punkt werden wir uns wohl nicht einig werden: in der Bewertung des Wirkens von Dr. Mückter.

Ich habe das Wirken von Heinrich Mückter noch gar nicht in seiner Gesamtheit beurteilt. Mit den Informationen, die ich bisher über Herrn Dr. Mückter habe, kann ich das auch gar nicht (und schon gar nicht nur mit den Informationen aus Ihrem Artikel). Ich möchte auch nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass ich bei ihm kein Fehlverhalten sehe - was Contergan betrifft, jedoch erst ab Ende 1959.

>Ich sage es mal sehr deutlich: seine Verantwortung für die Durchführung von tödlichen Menschenversuchen an zahllosen und wehrlosen KZ-Häftlingen war Mord. Und dafür ist er nie belangt worden...

Dem stimme ich zu, jedoch ist das für die Schuldfrage in der Contergan-Tragödie nicht relevant.

>"Ungesicherte Ergebnisse in Tierversuchen" - sehen Sie, es gab Wissenschaftler, die schon damals Zweifel hatten. Auch die US-amerikanische Inspektorin gehört dazu.

Das beantwortet nicht meine Frage, warum in Deutschland bis Ende 1961 niemand von den Nervenschäden auf die teratogenen Nebenwirkungen geschlossen hatte, wenn man es doch - wie Sie sagen - als verantwortungsvoller Wissenschaftler hätte erkennen müssen.

Man kann nicht für das Verhalten von Heinrich Mückter die gleichen Maßstäbe anlegen, wie für die Mitglieder der staatlichen Kontrollorgane. Die Entwickler und die Kontrolleuere spielen für die Versorgung der Gesellschaft mit neuen Arzneimitteln ganz verschiedene Rollen. Wäre das Entscheidungsverhalten von Entwicklern durch die gleiche Skepsis geprägt wie das der Kontrolleure, dann bräuchte man keine Kontrollen.

Was Frances Kelsey betrifft, hatte sie einen deutlichen Informationsvorsprung (der auf bis zu drei Jahren Anwendungserfahrung in anderen Ländern basierte). Die Hinweise auf Nervenschäden waren bis zu einem Jahr alt - aus diesen Hinweisen schloss sie auf mögliche teratogene Wirkungen. Solche Hinweise konnte 1957 noch niemand haben. Von der österreichischen Inspektorin ist mir leider nicht bekannt, welche weiteren Untersuchungen sie für eine rezeptfreie Zulassung für nötig befunden hätte. Untersuchungen auf teratogene Wirkungen waren es sehr wahrscheinlich nicht:

Der SPIEGEL (Nr. 49/1962) schreibt in einem Leitartikel: "Indes, daß die Firma Grünenthal derartige Mißbildungstests während der Entwicklung ihres Präparats nicht vorgenommen hat, kann ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden. Solche Prüfungen waren in der Pharmazie nirgendwo üblich." (S. 85) Auch wird in dem Artikel die These gestützt, dass durch Experimente an trächtigen Tieren die Missbildungen wohl nicht entdeckt worden wären: "Obwohl nach der Lenz-Warnung Dutzende von Forschern in etlichen Ländern Thalidomid-Präparate an trächtige Versuchstiere verfütterten, waren zunächst keinerlei Missbildungen festzustellen." (S. 84).
Jörg Wortmann
17. Januar 2011, 12:55
Mückter hat in Krakau als Leiter des Fleckfieberforschungs-Institut des OKW eindeutig Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, wie selbst bei der vermeintlichen Interessenvertretung wikipedia nachzulesen ist.

Die Contergan-Markteinführung hat Mückter als Forschungsleiter bei den Seifensiedern und Möchtegern-Pharma-Großverdienern in Stolberg wesentlich beschleunigt, indem er bereits nach einem knappen Jahr '55 das in geradezu dilettantischen Tierversuchen angewandte Präparat als klinisch erprobt ausgab. Nicht einmal das '56 von Chemie Grünenthal einberufene Experten-Symposium, das dem Präparat die Martreife eindeutig absprach, konnte die Kaufleute und Mückter aufhalten: selbst die Waschzettel waren zu dem Zeitpunkt schon fertig gedruckt. Seit seiner Einstellung in Stolberg hatte er eine 1%-Klausel in seinem Vertrag: während er bis '62 unverändert pro Jahr 14.400 DM Gehalt, machte ihn der Erlös aus jeder verkauften Packung Contergan erst zum Millionär! Übrigens wunderbar recherchiert nachzulesen bei Gero Gemballa.

Bei all den genannten Entschuldigungen, die für sein unwissenschaftliches Gebahren von den Vorrednern angeführt werden, und den persönlichen Beeinträchtigungen durch sein Herzensleid und die spätere Krebserkrankung, entbindet ihn diese Argumentation jedoch nicht davon, für das von ihm anteilig verursachte Leid, das er über die Menschen gebracht hat, die Verantwortung zu übernehmen. Der Prozeßskandal hat dazu geführt, daß die Geschädigten mit Almosen abgespeist dem Steuerzahler überlassen werden.

Es ist mehrfach auf die Leistung hingewiesen worden, das sehnsüchtig erwartete Penicilin in Nachkriegs-Deutschland zur Anwendung zu bringen. Auch die Stämme dieser Penicilin-Kulturen stammen aus rührigen braunen Seilschaften zwischen NS-Gelehrten. Die Idee, mit Penicilin-Produktion nach dem Krieg ein hübsches Sümmchen in die Firmenkasse spülen zu können, hatte der Firmeninhaber laut zeitgenössischer Anekdote aus der Firmenbroschüre bereits im anekdotisch verklärtem Bunkerleben. Mückter kam da mit seinem an polnischen und jüdischen KZ-Insassen erprobtem Talent für Produktions-Organisation nur recht. Nachzulesen in den vom Wirtschaftswunder-Stolz durchdrungenen Firmen-Publikationen der Chemie-Grünenthal.

Wer das "Wirken" Mückters in seiner Gesamtheit bewerten möchte, muß sich schon sehr anstrengen, mindestens ein Auge zu zu drücken, um nicht ein fettes Minus unterm Strich zu erhalten. Aber auch dafür findet sich ja immer jemand, der welcher Motivation auch immer folgend bereit ist, diese Anstrengung auf sich zu nehmen. Diese Leute melden sich auch immer schnell zu Wort, wenn es um die Befürwortung von "Selbstverpflichtung der Industrie" und Ähnliches geht...

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